Wie groß ist der WM-Effekt?

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland kostet zwölf Milliarden Euro. Experten gehen davon aus, dass das Turnier lediglich kurzfristig positive Effekte auf die russische Wirtschaft haben wird. Einige Wirtschaftsanalysten fürchten sogar negative Auswirkungen.

Von Maxim Kireev

Foto: Kremlin.ru

In wenigen Tagen beginnt in Russland die wohl teuerste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Allein nach offiziellen Angaben des Organisationskomittees belaufen sich die Kosten auf mehr als 600 Milliarden Rubel oder umgerechnet knapp zwölf Milliarden Euro (berechnet nach dem durchschnittlichen Wechselkurs der Jahre 2013 bis 2017). Doch für die Gesamtwirtschaft dürften diese Ausgaben nur einen geringen Effekt haben. Zu diesem Schluss kommt nicht nur die Ratingagentur Moody’s in einer kürzlich veröffentlichten Studie, sondern auch ein Großteil der russischen Experten.

WM beschert nur ein Prozent Wachstum

Ohnehin machen die Ausgaben für die Weltmeisterschaft weniger als ein Prozent des BIP aus, das im vergangenen Jahr laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 1,3 Billionen Euro betrug. Ein großer Teil dieser Ausgaben wurde zudem über Jahre verteilt getätigt. In ähnlicher Größenordnung von einem zusätzlichen Prozent zur Wirtschaftsleistung, hatten bereits die Experten der Beratungsgesellschaft McKinsey den wirtschaftlichen Effekt im Auftrag des russischen Organisationskomittees berechnet.

Das investierte Geld floss vor allem in neue Stadien, aber auch in die Infrastruktur. Beide Bereiche verschlangen jeweils etwa ein Drittel der Ausgaben. So wurden in den letzten Jahren ein knappes Dutzend Flughäfen modernisiert und neue Straßen gebaut. Kommunen hatten die Gelegenheit genutzt, um den öffentlichen Nahverkehr zu erneuern. So wuchs der russische Markt für Passagierbusse bereits seit zwei Jahren. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres stiegen die Zulassungszahlen noch einmal um 20 Prozent. Auch die U-Bahnen in Moskau und St. Petersburg wurden erneuert. Vor allem Linien, die zu den WM-Stadien führen, werden nun von neuen Zügen aus russischer Produktion bedient. Investitionen flossen auch ins Hotelgeschäft. Allein in Moskau wurden in den vergangenen vier Jahren etwa 30 neue Hotels eröffnet, um den erwarteten Ansturm der Touristen zu meistern.

Aufträge in Höhe von drei Milliarden Euro für deutsche Unternehmer

Auch deutsche Unternehmen konnten sich den einen oder anderen Großauftrag sichern. So berichtete DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier vor Wochen bereits von zusätzlichen Aufträgen für deutsche Unternehmen in den Bereichen Infrastruktur und Logistik in Höhe von zwei bis drei Milliarden Euro. Das sei zwar weniger als in Brasilien, dafür aber höher als bei der WM in Südafrika.

Für die russische Wirtschaft ist die Rechnung dagegen komplizierter. Positive Effekte dürften jetzt vor allem für die Branchen zu erwarten sein, die unmittelbar von der WM betroffen sind, also Hotel- und Gaststättengewerbe sowie die Taxibranche, meint etwa Stanislaw Muraschow, Analyst der Raiffeisenbank in Moskau. Auch an Wohnungsvermietungen lässt sich einiges verdienen. Gesamtwirtschaftlich dürfe man jedoch nicht vergessen, dass das Geld, das für die WM investiert wurde, auch in andere, profitablere Branchen hätte fließen können. Man hätte das Geld auch in etwas Gewinnbringendes investieren können. Rechne man diesen sogenannten Effekt der Opportunitätskosten mit ein, so könnte die gesamtwirtschaftliche Rechnung der Fußball-WM sogar noch negativ ausfallen, sagt der Analyst.

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