Energiewende: Lehren aus Europa

Dänische und deutsche Institutionen, darunter die dena, arbeiten zusammen mit dem China National Renewable Energy Center (CNREC) an der Frage, wie Chinas Energiewende gelingen kann. Andreas Kuhlmann, Chief Executive der dena, und Kaare Sandholt, Chief Expert von CNREC, erklären, was China von Deutschland lernen kann und warum diese Kooperation wichtig ist, um die Herausforderungen der Energiewende auch jenseits von Wind- und Solarkraft zu bewältigen.

Arbeiten an Chinas Energiewende: Kaare Sandholt (l.) und Andreas Kuhlmann. Foto: OWC

Herr Sandholt, könnten Sie die Kooperation zwischen CNREC, dena und den übrigen Partnern kurz vorstellen?

Sandholt: Es ist eine ziemlich einzigartige Beziehung. Wir kombinieren die Arbeit eines chinesischen Think Tanks, die von einer Stiftung aus Großbritannien finanziert wird, mit bilateraler Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland sowie China und Dänemark in einem Programm. Der Fokus liegt darauf, die Energiewende in China zu beschleunigen. Das CNREC hängt direkt mit dem Energy Research Institute ERI zusammen, das wiederum Teil der offiziellen Energiebehörden der Nationalen Kommission für Entwicklung und Reformen ist, Chinas großer Planungsbehörde. Das Programm zielt darauf ab, Politikstrategien zu entwickeln und nutzt dazu fortschrittliche Szenario-Analysen – auch inspiriert von ähnlichen Prozessen in Deutschland und Dänemark.

Das Programm soll progressive Energiepolitik in China möglich machen. Neben diversen Berichten resultiert daraus der jährliche Chinese Renewable Energy Outlook.

Kuhlmann: Wir wollen Kräfte bündeln, um die Energiewende global zu einem Erfolg zu machen. China und Deutschland haben seit 2006 eine offizielle Energiepartnerschaft. Um 2014/15 wurde unser Interesse an dem CNREC-Projekt geweckt. Daraus ist dann mit Unterstützung des BMWi die Kooperation entstanden. Die GIZ und Agora Energiewende sind übrigens weitere Partner aus Deutschland. Das Projekt ermöglicht uns, voneinander zu lernen. Wir bringen natürlich vielfältige Kenntnisse der Energiewende in Deutschland mit, aber auch einige Erfahrung mit Projekten in China. Für uns ist es wichtig, die Situation im Land besser zu verstehen und mit den Partnern vor allem in China Lösungen zu suchen. Uns geht es dabei um die langfristige Perspektive des Projekts. Dadurch entsteht auch ein Fundament für Unternehmen, die in diesem Sinne perspektivisch einen Beitrag leisten wollen. Der direkte Austausch mit den relevanten Ebenen, auf denen innerhalb der National Energy Administration – der NEA – Entscheidungen getroffen werden, ist auf jeden Fall besonders konstruktiv.

Die globale Energiewende klingt nach einem wichtigen gemeinsamen Ziel. Welche anderen Interessen haben die teilnehmenden Parteien?

Sandholt: Es gibt viele verschiedene Ebenen. Warum wollen Dänemark und Deutschland die Energiewende? Einer der wichtigsten Gründe ist, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Aber ihre Bemühungen haben global gesehen nur einen kleinen Effekt, wenn der Ausstoß Chinas fortwährend ansteigt. Wenn Dänemark und Deutschland China helfen können, sein Energiesystem umzubauen und aus fossilen Energieträgern auszusteigen, hilft das letztlich ihrer eigenen Politik. Auf einer anderen Ebene könnte man sagen, dass einen eine derart enge Zusammenarbeit mit dem wichtigsten Stakeholder, der NEA, zum bevorzugten Partner macht. Sie haben viel besseren direkten Zugang zu den Behörden. Wir vermeiden aber starke nationale Interessen in diesem Programm. Die chinesischen Behörden haben nicht das Gefühl, dass die deutsche oder dänische Regierung kommt und sagt: Ihr müsst jetzt dieses oder jenes kaufen. Das führt letztlich zu Vertrauen und politischer Wirkung, worauf wir die bilaterale Kooperation aufbauen und wodurch wir letztlich dann auch kommerzielle Interessen integrieren können.

Was können die Chinesen denn von der deutschen Energiewende konkret lernen? Die war ja in Deutschland nicht immer ohne Kritik. Kann man die Systeme und Umstände überhaupt miteinander vergleichen?

Kuhlmann: Wir gehen damit ganz offen um. Man kann aus den Erfolgen und den Fehlern in gleicher Weise lernen und die richtigen Entscheidungen für die Zukunft ableiten. Die Stärken Deutschlands liegen sicher in seinem langfristigen Ansatz, seinem starken politischen Commitment und dem systemischen Know-how, das wir uns erarbeitet haben. Wesentlich sind die Erfahrungen, die wir mit der Integration von Erneuerbaren gemacht haben, mit Regulierungen und damit, dass die Energiewende aus mehr als nur dem Stromsektor besteht. Vieles ist durchaus vergleichbar, manches aber ist in der Tat auch sehr unterschiedlich, die Struktur der Stromnetze zum Beispiel.

Sandholt: Man könnte sagen, dass das erste chinesische Erneuerbare-Energien-Gesetz letztlich von deutschen Experten vorbereitet wurde. Aber das war, bevor wir unser Programm gestartet haben. Die NEA hat nach wirklich guten Vorbildern gesucht und dabei immer mit externen und internationalen Experten zusammengearbeitet. Wenn Sie sich Europa als solches angucken, kann man es in vielerlei Hinsicht mit den Provinzen in China vergleichen. Sie sind recht unabhängig, besonders bei Entscheidungen zu Energie. Wie kann Europa die Harmonisierung vorantreiben, sich auf gemeinsame Ziele einigen und einen Strommarkt implementieren, mit immer mehr Planung und einem recht fortschrittlichen System, in dem es verschiedene Rollen der Übertragungsnetzbetreiber, der Regulatoren und der nationalen Regierungen zusammen mit der EU-Kommission gibt? Diese Mechanismen kann man tatsächlich auf China spiegeln, das sich relativ schnell in Richtung eines Strommarktes bewegt. Und das ist wirklich schwierig. Von dem institutionellen Setting in Europa kann man viel lernen.

„Eine derart enge Zusammenarbeit mit dem wichtigsten Stakeholder macht einen zum bevorzugten Partner. Sie haben viel besseren direkten Zugang zu den Behörden.“

Kuhlmann: Das Abregeln erneuerbarer Energien ist in China ein ernsthaftes Problem, da diese dort so schnell wachsen. Sicher, die Situation ist eine andere als in Deutschland, Dänemark oder Europa. Aber welche Technologien zur Verfügung stehen, welche Systemdienstleistungen etwa und wie man sicherstellen kann, dass sie Teil der Energiemarktreformen sind, das kann etwas sein, bei dem wir unsere Erfahrungen sehr gut einbringen können.

Sandholt: Was das Abregeln betrifft, hatte man in China viele Jahre lang angenommen, dass es ein technisches Problem sei, da kohlebetriebene Kraftwerke nicht flexibel genug seien. Deutschland und Dänemark konnten zeigen, dass dem nicht mehr so ist: Wir haben kohlebetriebene Kraftwerke, die extrem flexibel laufen – also nutzt das nicht als Ausrede! Nachdem die Chinesen Delegationen nach Deutschland und Dänemark geschickt hatten und sahen, dass es kein technisches Problem ist, konnten wir über Institutionen, Partikularinteressen und andere Probleme sprechen. Das hat den Weg frei gemacht für ein wirkliches Verständnis, dass man die institutionellen Rahmenbedingungen innerhalb des chinesischen Energiesystems ändern muss.

China setzt auch auf Kernkraft. Andere Nationen wie Frankreich sind auf diesem Gebiet attraktivere Partner als Deutschland. Beeinflusst das Ihre Arbeit in irgendeiner Weise?

Kuhlmann: Nein. Wir sehen, dass es eine Art natürliche Grenze für Kernkraft in China gibt. Dadurch, dass die Technologiekosten immer mehr für erneuerbare Energien sprechen, könnte dieses Limit schon früher erreicht werden als erwartet. Das Potenzial für Technologien und Dienstleistungen aus Deutschland, die in diesem Prozess Anwendung finden, ist groß. Es gibt also sicherlich viele Optionen und Gelegenheiten auch jenseits der Kernkraft.

Sandholt: Dem stimme ich zu. Es gibt keinen Wettbewerb zwischen den beiden. Kernkraft schmälert nicht das Potenzial für Erneuerbare in China. Beide Technologien können notwendig sein, um Kohle aus dem System zu kriegen. Chinas „2025“-Programm ist hinsichtlich dieser strategischen Wachstumsindustrien sehr ambitioniert. Und China hat ein langfristiges Ziel für Energieeffizienz und -intensität, das in Zukunft ausgebaut werden wird. Hier können sich für deutsche und dänische Unternehmen sogar noch größere Chancen ergeben, mit China zusammenzuarbeiten.

Her Kuhlmann, Herr Sandholt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Patrick Bessler.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 5-6/2018 erschienen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here