Kein Ausruhen trotz besserer Stimmung

Die Wirtschaft in Belarus erholt sich. Das spüren auch die deutschen Unternehmer. Dennoch darf das Land nicht versäumen, weiter an seinen Reformen zu arbeiten und unabhängiger von Russland zu werden.

Von Elena Matschilski

AHK-Umfrage: Wie deutsche Firmen das Geschäftsklima bewerten. Quelle: AHK Belarus

Nach zwei Rezessionsjahren wird Belarus seinen Wachstumskurs auch im laufenden Jahr fortsetzen. Dies geht aus den Frühjahrsprognosen großer Geldinstitute hervor. Dabei haben der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ihre Aussichten für die belarussische Wirtschaft sogar nach oben geschraubt. Der IWF geht nun von einem Zuwachs im Jahr 2018 von 2,8 Prozent statt 0,7 Prozent aus. Die Weltbank rechnet mit 2,9 Prozent statt 2,1 Prozent. In den darauffolgenden Jahren soll das Wirtschaftswachstum aber gleich bleiben: 2019 rechnen die Geldhäuser mit 2,4 Prozent (IWF) beziehungsweise 2,7 Prozent. Der Grund: die Strukturschwäche und Abhängigkeit vom Nachbarn Russland. Dass das Land sich auf dem aktuellen BIP-Wachstum nicht ausruhen darf, mahnte auch Wirtschaftsminister Wladimir Sinowski. „Das ist ein Trend, der aber auch eine andere Seite hat. Es gibt viele Momente, die besorgniserregend und korrekturbedürftig sind“, kommentierte der Minister das 5,1-Prozent-Wachstum aus dem ersten Quartal. Der Zuwachs habe sich im März verlangsamt. Dies sei eine bedrohliche Tendenz, wenn man bedenke, dass dieses Wachstum primär durch eine günstige Außenkonjunktur bestimmt war und dass das Einkommenswachstum für Binnennachfrage gesorgt habe. „Jetzt müssen wir eben nach anderen Wachstumsquellen suchen“, rief Sinowski auf.

Unternehmen spüren Erholung der Wirtschaft

Dass es konjunkturell nach oben geht, bekommt auch die deutsche Wirtschaft zu spüren. Dies zeigt die aktuelle Geschäftsklimaumfrage der Repräsentanz der Deutschen Wirtschaft in Belarus (AHK Belarus). „Die Bewertung der Wirtschaftslage durch die Unternehmen spiegelt den Trend der Wiederbelebung der Wirtschaft der Republik Belarus wider, der sich schon 2017 abzeichnete“, kommentiert der Leiter der Repräsentanz, Dr. Wladimir Augustinski, die Umfrageergebnisse. „Diese leichte Erholung basierte vor allem auf solchen Faktoren wie dem günstigen außenwirtschaftlichen Umfeld, der Belebung der russischen Wirtschaft, der Preissteigerung auf den internationalen Rohstoffmärkten sowie dem Anstieg der inländischen Nachfrage.“ Diese Faktoren reichten jedoch nicht, langfristig hohes Wachstum zu erzielen und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. „Neue Driver könnten die 2017 verabschiedeten Maßnahmen zur weiteren Liberalisierung von Geschäftsrahmenbedingungen und zur Förderung der digitalen Wirtschaft werden“, sagt Augustinski weiter.

Die befragten Unternehmen haben bereits jetzt bessere Stimmung. 23,6 Prozent bewerten die gegenwärtige Wirtschaftslage als gut. Im Vorjahr hatte keines der Unternehmen diese Antwort gegeben. Mit 63,7 Prozent empfindet die Mehrheit die Geschäftslage als befriedigend. Auch in der Prognose für das laufende Jahr zeigt sich die bessere Stimmung. Über 90 Prozent erwarten eine gute oder befriedigende Wirtschaftsentwicklung. Die pessimistische Aussicht liegt auf einem Fünf-Jahres-Rekordtief. Ein ähnliches Bild zeigt die Einschätzung der Branchenentwicklung. Mehr als doppelt so viele Befragte (44,8%) blicken positiv in die Zukunft, ähnlich viele rechnen mit einer befriedigenden Entwicklung. Die Zahl der Pessimisten sank auf 5,9 Prozent (-17,4%).

Entsprechend bewerten die Unternehmen ihre Geschäftslage. Etwa doppelt so viele Befragte rechnen mit guten Ergebnissen (40%), mit 56,3 Prozent etwas mehr mit befriedigenden. Die Erwartungen für die Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr liegen auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr: 38,2 Prozent gehen von einer guten Entwicklung aus, 50,9 Prozent rechnen mit einer befriedigenden, 10,9 Prozent mit einer schlechten. Auch die Prognosen zu den Umsatzentwicklungen und -erwartungen haben sich gegenüber dem Vorjahr verbessert, das Gleiche betrifft die Gewinnentwicklungen und -erwartungen. Das wirkt sich auch auf die Personalpolitik aus. Die Unternehmen wollen wieder mehr Mitarbeiter einstellen und erwarten auch Lohnsteigerungen.

Unternehmen kritisieren Finanzierung und Rechtssicherheit

Als größte Risiken für die Unternehmensentwicklung nannten die Unternehmen den möglichen Rückgang der Nachfrage und die schrumpfenden Märkte sowie Risiken im Zusammenhang mit den Änderungen der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und Schwankungen des Wechselkurses.

Bei der Bewertung der Standortfaktoren wurden Zahlungsdisziplin und Qualität der Finanzdienstleistungen als negativ eingestuft, was laut der AHK Belarus mit dem unzureichend entwickelten Finanzmarkt, dem Anstieg der Forderungen und Verbindlichkeiten der Unternehmen sowie des Anteils von Problemkrediten am gesamten Kreditportfolio des Bankensektors zusammenhängt. Auch die öffentliche Verwaltung, die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik und die Rechtssicherheit sind Faktoren, die die Unternehmen in Belarus zu bemängeln haben. Deshalb müsse das Land die strukturellen und institutionellen Reformen weiter fortsetzen sowie für einen Ausgleich der Wettbewerbsbedingungen für private und öffentliche Unternehmen sorgen.

Die Vorteile des Standortes sind weiterhin die politische Stabilität, die Infrastruktur und die Qualifikation der Arbeitnehmer. Auch die Lohnkosten, die Motivation der Arbeitnehmer und die Arbeitsproduktivität heben die Unternehmen als positiv hervor. Der Faktor Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion lag auch in diesem Jahr im mittleren Bereich.

Belarus bleibt strukturschwach und abhängig

Damit trifft die Umfrage den Nagel auf den Kopf. Die Wirtschaft entwickelt sich. Das Land darf sich aber weniger auf Auslandskredite verlassen und muss das inländische Finanzsystem stärken, mahnt die Weltbank. Aber auch die Abhängigkeit von Russland sei ein die Entwicklung bremsender Faktor, insbesondere im Zusammenhang mit den Währungsschwankungen im Nachbarland wegen der westlichen Sanktionen. „Das moderate Wirtschaftswachstum wird anhalten, aber die jährlichen Wachstumsraten werden nicht mehr als drei Prozent betragen“, heißt es.

Um weiter zu wachsen, bedarf es deshalb einer verbesserten Konsum- und Investitionstätigkeit der privaten Haushalte sowie eines allmählichen Anstiegs der Exporte. „Die einzige Möglichkeit für Belarus, auf lange Sicht bessere Einkommen zu erzielen, ist die Steigerung der Produktivität, die einen Strukturwandel erfordert. Während die makroökonomische Anpassung Stabilität gebracht hat, wird nur der Strukturwandel ein solides Wachstum für das Land bringen“, rät die Weltbank.

Die komplette AHK-Geschäftsklima-Umfrage finden Sie unter folgendem Link: http://belarus.ahk.de/bericht-umfrage-2018/

Dieser Artikel erscheint in OstContact, Ausgabe 5/6 2018