Kampf dem „Lebensmittel-Rassismus“

Vitaminarmes Knusper-Müsli, pampige Waffeln und Nutella, die „irgendwie anders schmeckt“ – seit Jahren beklagen sich Osteuropäer über Lebensmittel internationaler Markenhersteller. Ihr Vorwurf: Die Qualität der Waren, die bei ihnen verkauft werden, ist wesentlich schlechter als im Westen. Jetzt hat die EU reagiert.

von Sebastian Becker

Foto: OWC

„Einfach eine Sauerei“, polterte der slowakische Premierminister Robert Fico. „Der Osten ist es leid, der Mülleimer Europas zu sein“, ärgerte sich der tschechische Landwirtschaftminister Marian Jurečka. „Zweifellos einer der größten Skandale unserer Zeit“, ereiferte sich Janos Lazar, der Chef im Kanzleramt beim ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.

Solche klaren Worte finden die Regierungsvertreter der östlichen EU-Länder in einem heftigen Streit, der seit fast einem Jahrzehnt die Atmosphäre zwischen den europäischen Mitgliedstaaten vergiftet und auf höchster politischer Ebene ausgetragen wird: Östliche Regierungen, Verbraucherschützer und Medien werfen Nestlé, Dr. Oetker und anderen westlichen Handelsriesen vor, in der Slowakei, in Tschechien oder in Ungarn Produkte minderer Qualität anzubieten.

Das heißt, weniger Mozzarella und Tomaten auf der slowakischen Dr. Oetker-Tiefkühl-Pizza, weniger Vitamine und Kakao im tschechischen „Nesquik-Knusper-Müsli“ und weniger knusprige „Manner“-Waffeln für die ungarischen Konsumenten, die zudem stört, dass die Nutella dort „irgendwie anders“ als im westlichen Nachbarland Österreich schmeckt. Das geht zumindest aus zahlreichen Tests hervor, die in den Ländern unter den Verbrauchern gemacht worden sind.

Die Angst vor einem Europa der zwei Geschwindigkeiten wird größer.

Nun hat die EU Mitte April auf den Druck der östlichen Regierungen reagiert und die rechtlichen Rahmenbedingungen verschärft, indem die Gemeinschaft eine Richtlinie zu unfairen Geschäftspraktiken aktualisiert hat. Die nationalen Behörden sollen leichter gegen irreführende Praktiken bei den Produkten vorgehen können, die in den einzelnen EU-Staaten unter demselben Namen verkauft werden. Die Länder werden so die Möglichkeit erhalten, die Unternehmen dazu zu verpflichten, die Verpackungen oder die Produktnamen entsprechend zu ändern.

Slowakei: Mehr als 80 Prozent der Lebensmittel schlechter

Die Regierungen der östlichen EU-Mitgliedstaaten haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Tests unter den Verbrauchern organisiert. Im Herbst 2017 hat beispielsweise das slowakische Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit dem staatlichen Veterinär- und Lebensmittelamt ŠVPS SR 33 Waren geprüft, die auf dem slowakischen und dem österreichischen Markt verkauft werden. Das Ergebnis: Nur sechs Produkte hatten dieselben Inhaltsstoffe wie ihre Pendants, die auch im Westen angeboten wurden.

„Dasselbe Produkt, diesselbe Marke, dasselbe Etikett und dieselbe Verpackung, und trotzdem enthält es weniger Fleisch und mehr Fett, mehr Konservierungsstoffe oder künstliche Süßungsmittel“, beklagte sich der slowakische Regierungschef Robert Fico höchstpersönlich auf einem Gipfel der Visegrád-Staaten vor seinen Kollegen.

Auch in Tschechien und in Ungarn wird das Thema im großen Umfang diskutiert. Tschechische Wissenschaftler haben bei einer Untersuchung festgestellt, dass acht von 23 geprüften Produkten eine mindere Qualität hatten. Eine andere Umfrage hat das ungarische Amt zur Kontrolle von Lebensmitteln NEBIH Anfang 2017 durchgeführt. Hier hat die Behörde 24 Waren verglichen, die in Österreich und in Ungarn von Lidl und Aldi sowie anderen Lebensmittelketten angeboten werden. Das Ergebnis: Der Großteil der Produkte, die in Ungarn verkauft werden, unterscheidet sich von denjenigen im Westen. „Dieser Bericht war schockierend“, betonte Janos Lazar, Chef der Staatkanzlei beim ungarischen Ministerpräsidenten.

„Schlechte Fischstäbchen leisten Populisten Vorschub“

Dass der Konflikt noch lange nicht ausgestanden ist, wird auch an den Kommentaren der Presse deutlich, die noch härtere Worte findet als die Regierungsvertreter. „Das ist ein Symbol dafür, dass die EU die Konsumenten dieser Staaten als Bürger zweiter Klasse behandelt – und das ein ganzes Vierteljahrhundert nach der politischen Wende“, analysiert das linksliberale polnische Nachrichtenmagazin Polityka. Als „Lebensmittel-Rassismus“ betitelte die polnischsprachige Version der europäischen Publikation Euractiv gar das Problem.

80 Prozent der Lebensmittel waren bei einem Test in der Slowakei schlechter als im Westen.

Die Diskussion hat auch Bulgarien erreicht, wo im Februar 2016 die Regierung herausfand, dass sieben von 31 Produkten eine mindere Qualität haben als in Deutschland und in Österreich. „Das vergrößert die Angst in Bulgarien vor einem Europa der zwei Geschwindigkeiten, wo sich solche Länder wie Deutschland immer weiter integrieren, während die Länder des alten Ostblocks außen vor bleiben“, mahnte der bulgarische Politikwissenschaftler Iwan Krastew.

„Diese Ergebnisse liefern populistischen Regierungen zusätzliche Argumente, wenn sie beweisen wollen, dass die EU angeblich nicht in der Lage ist, alle europäischen Bürger gleich zu behandeln“, befürchtete sein bulgarischer Kollege Antonij Gabalow von der Neu-Bulgarischen Universität.

Nur ein westlicher Produzent bietet westliche Tiefkühl-Pizza an

Zumindest ein westlicher Hersteller hat schon vor Monaten auf die ständigen Beschwerden seiner osteuropäischen Kunden reagiert. Dr. Oetker hat in der Slowakei zum Jahreswechsel dieselbe Tiefkühlpizza der Marke „Ristorante“ eingeführt, die das Unternehmen auch in Österreich und in Deutschland verkauft. Die alte Pizza, die der Produzent noch im November 2017 den slowakischen Kunden angeboten hatte, war leichter, kleiner und sah anders aus.
Sie hatte insbesondere weniger Käse als das Produkt mit demselben Namen, das im Westen verkauft wurde. „Als Reaktion auf die Meinung der Kunden führen wir in unser Sortiment dasselbe Produkt wie im Westen ein“, zitiert die slowakische Tageszeitung SME Zdeněk Kvinta, die Marketing-Managerin von Dr. Oetker in dem ostmitteleuropäischen Land.

Der Haken für die slowakischen Kunden: Die neue Pizza kostet jetzt 2,99 Euro das Stück, also mehr als ein Fünftel mehr als die alte. Fast sieht es so aus, dass das Unternehmen die gesamte politische Diskussion um die Qualität der Produkte nur dazu instrumentalisiert hat, eine Preiserhöhung durchzusetzen. Es ist fraglich, ob der Hersteller hier wirklich nur auf die Klagen der Kunden reagiert hat. Zum Vergleich: Damit ist die Pizza wesentlich teurer als in Deutschland, wo sie durchschnittlich 1,79 Euro kostet.

Die Pizza Ristorante kostet in der Slowakei 2,99 Euro, während die Kunden in Deutschland dafür durchschnittlich 1,79 Euro bezahlen müssen.

„Unsere Kunden haben die Dr. Oetker Ristorante mit den neuen Zutaten angenommen, obwohl der Preis gestiegen ist“, unterstrich die Sprecherin des Einzelhändlers Billa, Kvetoslava Kirchnerová, auf Anfrage von OstContact. Ihr Unternehmen gehört zur deutschen Rewe-Gruppe und ist eines der größten seiner Branche.

Polen unterstützt seine Nachbarstaaten

Auch Polen als größter Absatzmarkt für Lebensmittel ist davon betroffen. Doch gibt die polnische Regierung zu, dass das Problem „weniger offensichtlich ist“, wie der Abgeordnete der Regierungspartei PiS, Jacek Bogucki, sagt. „Denn die Lebensmittel, die für die Waren bei uns verwendet werden, stammen aus eigener polnischer Produktion“, erklärt der nationalkonservative Politiker. „Trotzdem unterstützen wir die Politik der anderen Mitglieder aus der Visegrád-Gruppe“, betont der polnische Landwirtschaftsminister Krzystof Jurgiel.

Die Solidarität in den östlichen EU-Ländern ist in dieser Frage also sehr groß. Das dürfte nicht der einzige Grund sein, warum der Konflikt wohl noch lange nicht ausgestanden ist, obwohl die EU nun einen Schritt in diese Richtung gemacht hat. „Jetzt müssen die Länder die neuen Regelungen erst einmal umsetzen“, mahnte Petra Čakovská, Sprecherin der slowakischen Verbraucherschutzorganisation Spoločnosť Ochrany Spotrebiteľov (S.O.S). „Man muss weiter Daten erheben und Tests machen, zudem ist eine einheitliche Untersuchungsmethode notwendig“, fordert die Verbraucherschützerin.

Dieser Artikel erscheint in OstContact, Ausgabe 5/6 2018