Aus der polnischen Provinz nach Deutschland

Mädchen aus Łowicz in Trachten beim Fronleichnamsfest / Foto: iStock © Tokarsky

Der polnische Kreis Łowicz ist ein wichtiges Agrarzentrum des Landes. Die Hersteller setzen ihre Marmeladen oder Gurken auch am lukrativen deutschen Markt ab. Dort bedienen sie überwiegend die polnischen Migranten – eine wachstumsstarke Kundengruppe.

Polen hat eine ganz wichtige Vorzeige-Branche – und das ist die Landwirtschaft. Weltweit gehört das Land zu den bedeutendsten Standorten, weil mehr als 40 Prozent der Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt werden können. Damit liegen die Polen in der globalen Rangliste ganz weit vorne – kurz hinter den alten Agrargroßmächten Ukraine und Indien und noch vor dem westlichen Nachbarn Deutschland.

Ein sehr wichtiges Zentrum für den Anbau und die Produktion von Lebensmitteln in Polen ist der 80.000-Einwohner-Kreis Łowicz, der derzeit ausgebaut wird. „Wir gehen davon aus, dass die Errichtung einer zweiten Fabrik bis Ende des laufenden Jahres abgeschlossen sein wird“, sagte Dariusz Panek, Technischer Direktor beim regionalen Saft- und Marmeladenhersteller Agros Nova (AN), der bereits seit den Sechziger Jahren am Standort ein Werk unterhält. „Die Gesamtinvestition beträgt 200 Millionen Złoty oder etwa 47 Millionen Euro“, erklärte der Unternehmensvertreter vor Journalisten.

AN gehört zur Lebensmittelgruppe Maspex aus der südostpolnischen Stadt Wadowice, die mit jährlichen Erlösen von weit mehr als vier Milliarden Złoty (rund 1 Mrd. EUR) zu den größten der Branche in der gesamten Region zählt. Der Konzern hatte den Produzenten zum Jahreswechsel 2014/ 2015 übernommen. Die Strategie von Maspex beruht darauf, durch Zukäufe zu wachsen. Der Konzern hat bisher seit den Neunziger Jahren insgesamt 17 Firmen akquiriert – davon acht in Polen. Darüber hinaus haben die Polen Töchter in Tschechien, Rumänien und in Russland gegründet. Die Zukäufe führen dazu, dass die Gruppe pro Jahr im Vergleich zum Vorjahr im zweistelligen Prozentbereich zulegt.

Neuer Betrieb soll Visitenkarte eines Polnischen Marktführers werden

„Die neue Fabrik wird über eine moderne Produktionslinie und ein automatisiertes Logistikzentrum verfügen,“ erklärte Panek. „Dadurch können wir den steigenden Ansprüche der Kunden besser nachkommen und unser Angebot verbreitern“, fügte der Direktor hinzu. Seinen Aussagen zufolge wird das Werk eines der modernsten in der gesamten Region sein. „Der neue Betrieb in Łowicz wird die neue Visitenkarte von Maspex,“ freut sich das lokale Blatt Dziennik Łódzki.

Łowicz gehört zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Zentren Polens, wo rund 6.000 Unternehmen agieren. 800 davon sind in der Agrarwirtschaft tätig – also 14 Prozent. Das Gebiet umfasst zwar nur knapp 82.000 Hektar, die nicht einmal ein Prozent an der gesamten Agrarfläche des Landes ausmachen. „Doch verfügt der Grund und Boden des Kreises insgesamt über gute Produktionsbedingungen“, steht in einem Strategiepapier der Lodscher Agentur für Regionalentwicklung (Łódzka Agencja Rozwoju Regionalnego, LARR) ­– einer regionalen Wirtschaftsförderung. Aus dem Dokument geht hervor, dass etwa zwei Drittel des Gebietes Böden ausweisen, die gute bis sehr gute Bedingungen für die Agrarwirtschaft bieten. Es erstellt ein Stärken-Schwächen-Profil des Kreises und gibt den Verantwortlichen Hinweise, welche Politik sie bis 2020 verfolgen sollen.

Rückläufige Milchpreise bedrücken Molkerei aus Łowicz

Ein weiterer wichtiger Hersteller im Kreis ist die Molkerei OSM Łowicz, die zu den umsatzstärksten Milchbetrieben in Polen gehört. Sie befindet sich auf einer aktuellen Liste der 200 größten Unternehmen des Landes, die das polnische Nachrichtenmagazin Wprost veröffentlicht hat, auf dem 91. Platz. Der Hersteller, der pro Jahr Umsätze von etwa 1,4 Milliarden Złoty (rund 320 Mio. EUR) generiert, befindet sich zurzeit im Umbruch. „Wir werden an unseren Marken arbeiten und den Vertrieb ausbauen“, erläuterte Handelsdirektor Tomasz Walerjańczyk im Gespräch mit dem polnischen Fachdienst Portal Spożywczy. „Die Rentabilität des Geschäfts soll sich erhöhen“, betonte der Manager der Molkerei, deren Produkte im Prinzip jeder polnische Konsument kennt, weil sie in den Regalen fast aller Läden stehen.

Der Hersteller hat grundsätzlich das Problem, dass die Preise für Milch im laufenden Jahr rückläufig sein dürften. Die Niveaus haben sich im Februar des laufenden Jahres im Vergleich zum Vormonat um 4,8 Prozent verringert. Letztlich notierten die Verkaufsdirektoren 135 Złoty oder rund 32 Euro pro Hektoliter in den Büchern. „Die Verkaufspreise werden im laufenden Jahr wohl eine fallende Tendenz ausweisen“, prognostizierten die Fachleute der landwirtschaftlichen Einrichtung Instytut Ekonomiki Rolnictwa i Gospodarki Żywnościowej (IERiGŻ).

Sie gehen davon aus, dass sich das Angebot im Land vergrößert, die Nachfrage leicht zurückgeht und die Preise am Weltmarkt fallen. „Die Niveaus dürften 2018 zwischen 125 und 140 Złoty (30 bis 34 EUR) je Hektoliter schwanken“, glauben die Experten. „Die Konjunktur wird am Milchmarkt immer schlechter – und das, obwohl die Prognosen am Ende des vergangenen Jahres noch eine gute Wachstumstendenz für die Preise und den Verkauf gezeigt haben“, zeigt sich auch Agnieszka Maliszewska, die Direktorin der Branchenvertretung Polska Izba Mleka (PIM) nur wenig zuversichtlich.

Hersteller aus Polnischem Kreis verkauft im lukrativen Deutschland

Zuversichtlich zeigen können sich hingegen die Vertreter von Pszczółka, einem Produzenten von Marmeladen, eingelegter Gurken und Paprika aus Łowicz. Denn das Unternehmen verkauft den Großteil seiner Waren beim westlichen Nachbarn Deutschland, einem riesigen lukrativen Markt direkt vor der Haustür. „Wir setzen 80 Prozent unserer Produktion dort ab“, erklärte Helena Kłopotowska, Verkaufsdirektorin des Herstellers, im Gespräch mit dem OstContact. Der Hersteller verzeichnet ihren Angaben zufolge Erlöse pro Jahr von rund elf Millionen Złoty, also 2,7 Millionen Euro. „Unsere Produkte befinden sich im Verkaufssortiment der Lebensmittelkette Mix-Markt, die dort unter deren Marke ZAKUSKA sowie unter unserer eigenen Marke vertrieben werden,“ fügte die Managerin hinzu.

Mix-Markt generiert Erlöse von 350 Millionen Euro

Hintergrund: Mix-Markt mit Hauptsitz im schwäbischen Herrenberg ist eine Kette, die sich auf den Verkauf von osteuropäischen Produkten spezialisiert hat – ähnlich, wie sich türkische Händler auf ihre Migranten konzentrieren. Das schwäbische Warenhaus bringt nicht nur Marmelade aus Polen unter die Leute, sondern auch ukrainischen Wodka oder russische Schokolade. Die Zielgruppe sind nicht nur die polnischstämmigen Migranten, sondern alle Zuwanderer, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen.

Mix-Markt, der pro Jahr rund 350 Millionen Euro Umsatz generiert, schätzt das gesamte osteuropäische Kundenpotenzial in Deutschland auf 8,5 Millionen. Die Polen darunter bilden eine Gemeinschaft, die spürbar groß ist. Laut Statistischem Bundesamt liegt ihre Zahl derzeit bei fast 870.000, womit sie die größte Gruppe unter den EU-Ausländern im Land sind.

Der Anteil, den polnischen und die anderen osteuropäischen Kunden am deutschen Markt ausmachen, ist derzeit noch gering, wenn man berücksichtigt, dass die 30 größten Einzelhandelsketten in Deutschland pro Jahr fast 270 Milliarden Euro an Umsatz machen. Doch ist diese Kundengruppe immerhin so groß, dass sich auch andere Unternehmen dafür interessieren – und das sind nicht die kleinsten Akteure:

So verfügen der Marktführer Edeka und die Nummer drei, die Rewe-Gruppe, über ein gesondertes Angebot an polnischen Produkten: „Dieses gibt es nicht nur in Märkten, die sich in der Nähe der polnischen Grenze befinden“, sagte Judith Alpmann im OstContact, Sprecherin von Edeka. „Zudem arbeitet unsere Großhandlung EDEKA Minden-Hannover mit einem Lieferanten zusammen, der unter dem Namen ‘Das Beste aus Polen‘ verschiedene polnische Lebensmittel vertreibt“, so die Sprecherin.

Dieses Geschäft ist zwar nur ein Nischengeschäft, das keine extrem hohen Volumina ausweist. Doch hält der Zuzug an polnischen und anderen osteuropäischen Migranten nach Deutschland an, so dass dieses Business wohl auch weiter lukrativ bleibt – zum Vorteil der polnischen Produzenten und der Händler, die ihre Waren verkaufen.

 

 

Dieser Artikel erscheint in OstContact, Ausgabe 5/6 2018

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