OWC 100 Forum: Rennen um die Wachstumsmärkte Eurasiens

 

Auf der Hannover Messe diskutierten elf Experten die brennendsten Fragen um die Wirtschaft, Märkte und Geschäftschancen in Osteuropa, dem Iran und China.  

Von Patrick Bessler

In drei Panels über 100 Minuten verteilt beantworteten Experten und Praxisvertreter aus dem Iran, China, Rumänien, Russland, der Ukraine und Kasachstan Fragen rund um Geschäftschancen und -hürden in diesen Märkten. Ob US-Sanktionen im Iran, chinesische Investitionen in Deutschland oder Rechtssicherheit und IT-Industrie in Osteuropa und Zentralasien – trotz der Unterschiedlichkeit und Heterogenität der Länder stellten alle Panelisten vor allem eine Gemeinsamkeit heraus: Das Bild, dass wir von Ländern wie der Ukraine oder dem Iran in Deutschland zeichnen, ist oft verzerrt. Vorurteile, die wir gegen diese Märkte hegen, haben zwar in den meisten Fällen einen wahren Kern, versperren aber den Blick auf die Realität.

Iran: logischer Partner in der Region?

André Winkler, Geschäftsführer des Projektentwicklers für Erneuerbare zwe-i hat entgegen aller Sorgen und Klagen, die es in Deutschland zwei Jahre nach Inkrafttreten des Atomabkommens gibt, eine optimistische Haltung. Er hat bereits mehrere PV-Projekte im Land erfolgreich umgesetzt – teils eigenfinanziert und in Zusammenarbeit mit iranischen Partnern. Ende 2017 berichtet Winkler, habe er eine Niederlassung im Land gegründet. Wege, gute Geschäfte im Iran zu machen, gebe es viele, ist sich auch Missagh Ghasemi, Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung IWT Iran sicher. Zwar würde er Unternehmen mit starkem US-Geschäft raten, sich ein etwaiges Iran-Business zweimal zu überlegen. Der Iran könne aber für deutsche Unternehmen ein logischer Partner vor Ort sein – biete er doch mit seinen 80 Millionen Einwohnern ein enormes Potenzial, so Ghasemi. Kashayar Nivipour von der Deutsch-Iranischen Auslandshandelskammer pflichtet dem bei: Wer im Iran Geschäfte machen will, muss vor allem gut vorbereitet sein und etwa die Sanktionslisten genau prüfen. Aber die deutsch-iranischen Handelszahlen zeigten: Es geht aufwärts – immer mehr deutsche Unternehmen wollen das Potenzial heben und sind bereit, sich entsprechend zu engagieren.

Osteuropa: 20 Prozent am deutschen Außenhandel

Das gilt auch für die Länder Osteuropas und Zentralasiens, die zusammen gut 20 Prozent am deutschen Außenhandel ausmachen – mehr als China und die USA zusammen. In Anlehnung an die neue Publikation „Wachstumsmärkte Ost“ des OWC-Verlags zusammen mit dem Osteuropaverein und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, diskutierten fünf Experten Chancen und Wahrnehmungen der Länder Russland, Ukraine, Rumänien und Kasachstan.

Die Vorurteile gegen Rumänien seien das größte Problem des Landes, meinte die Rechtsanwältin Iona Hategan von der gleichnamigen Kanzlei. Das Land habe sich in den vergangenen 28 Jahren massiv entwickelt, sei vom ärmsten Land Europas zu dem mit der größten Wachstumsrate im letzten Jahr geworden. Viele Sektoren wie die IT-Industrie entwickeln sich vielversprechend, wenn es ohne Frage auch noch viel Entwicklungsbedarf gebe.

Mit Vorurteilen hat auch die Ukraine umzugehen. Selbst vor Ort aktive deutsche Unternehmen berichteten selten Gutes über das Land. Schließlich ist die Marke Ukraine immer noch keine, mit der man sich gerne schmückt, auch wenn beispielsweise deutsche Kfz-Zulieferer dort mittlerweile rund 30.000 Menschen beschäftigen und Autoteile – von deutschen und anderen ausländischen Unternehmen im Land weiterverarbeitet – den stärksten Posten unter den ukrainischen Exporten ausmachten, wie Alexander Markus von der Deutsch-Ukrainischen Auslandshandelskammer berichtete. Die ukrainische IT-Industrie habe sich mittlerweile zu einer derartigen Erfolgsstory entwickelt, dass IT-Unternehmen im Westen des Landes aus Lohnkostengründen bereits ins teils günstigere Polen auslagern.

Die drei am häufigsten vorgebrachten Vorurteile gegenüber Kasachstan bemühte sich Marat Birimzhan von Kazakh Invest zu widerlegen. Der Annahme, in seinem Land tue sich nichts, begegnete er mit Auslandsdirektinvestitionen in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar. Rund vier davon kämen aus Deutschland. Auch, dass Kasachstan als Binnenland logistisch nur schwer zugänglich sei, wusste Birimzhan zu kontern: Schließlich liege das Land mitten auf der von China forcierten Neuen Seidenstraße. Kasachstan wolle sich vor allem als Produktionsstandort anbieten, der Zugang nicht nur zum kasachischen Markt, sondern zu ganz Zentralasien mit seinen 49 Millionen Menschen sowie zu Westchina mit rund 500 Millionen Menschen bietet.

Kein Land ohne Wachstum und verbesserte Rahmenbedingungen

Und auch in Russland kämpft man mit Vorurteilen, wenngleich Alex Stolarsky, Director for Legal, Compliance und Tax beim Beratungsunternehmen Schneider Group einräumte, dass der Markt im Zuge der sogenannten Lokalisierungspolitik nicht einfacher geworden sei.  Gleichzeitig biete der Aufbau von neuen Produktionsstätten auch gerade deutschen Unternehmen in Bereichen wie Textil, Maschinen und Anlagenbau, Pharma oder Landwirtschaft viele Chancen. Und natürlich spielt gerade auch in Russland die IT-Industrie eine immer stärker werdende Rolle.

Insgesamt, fasste Jens Böhlmann vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft zusammen, gelte, dass über diese Länder in Deutschland zu wenig Positives berichtet werde. Es gebe kein Land, in dem man nicht sagen könne, es gebe gute Konditionen und Wachstum und in dem „Made in Germany“ nicht deutlich mehr gelte, als in Deutschland selbst. Gerade vor dem Hintergrund der auseinanderbrechenden transatlantischen Beziehungen müsse dieser geografische Raum enger zusammenwachsen und in Deutschland mehr Aufmerksamkeit für die Attraktivität dieser Länder aufgebracht werden.

China als vertrauensvoller Partner mit Weltmachtambitionen

Darüber, dass vor allem ein Land dies erkannt hat und strategisch angeht, herrschte Panel-übergreifend Einigkeit: China. Ausdruck finden Chinas Ambitionen, die in einem dritten Panel diskutiert wurden, in Pekings Wirtschaftsentwicklungsprogrammen „Made in China 2025“ und „One Belt, One Road“. Vyacheslav Gural, der beim Logistiker Asstra Associated Traffic für Asien zuständig ist, zeigte sich optimistisch. Chinas Seidenstraßenprojekt verbindet schon heute das ostasiatische Land mit Zentraleuropa auf der Schiene in weniger als zwei Wochen Fahrtzeit. Gural hält chinesische Investoren nicht nur für vorsichtig und vernünftig, sondern auch für erfolgreich und ist sich sicher, dass europäische Städte und Unternehmen von der Initiative profitieren werden.

Profitieren sollten auch deutsche Mittelständler von der weiter rasanten Entwicklung Chinas weg von der „Werkbank der Welt“ hin zu einem führenden Industriestaat, meinte Thomas Nolting, Geschäftsführer des Instituts für Automatisierung und Industrie-Technologie. Er fördert den deutsch-chinesischen Technologie- und Innovationsaustausch und bringt dazu unter anderem deutsche KMU nach China, von denen viele vor ihrem ersten Kontakt noch Berührungsängste haben. Die seien aber schnell ausgeräumt, sobald die Unternehmer merken, dass sie mit Chinesen vertrauensvolle Partner hätten, so Nolting.

Während Deutsche mit ihrer Technologie in China ohne Frage punkten können, müssten sie vor allem beim Beziehungsmanagement noch ihre Hausaufgaben machen, mahnte Diana Kisro-Warnecke, Geschäftsführerin der K&K ChinaConsulting. Hierin seien die Chinesen Spitze. Und diese Fähigkeiten nutzen sie, um ihre „Weltmachtambitionen“, wie Kisro-Warnecke es überspitzte, zu verfolgen. Damit spielte sie auf die genannten Made in China 2025- und OBOR-Initiativen an, die zeigten: Im Gegensatz zu Deutschland und der EU habe China einen groß angelegten und elaborierten Plan.

In Berlin und Brüssel, waren sich die Teilnehmer an diesem Nachmittag einig, sei es höchste Zeit, dass man dem Rechnung trage, um im Rennen um die eurasischen Wachstumsmärkte und Einfluss in der Region – und letztlich der Weltwirtschaft – nicht abgehängt zu werden.

 

Lesen Sie mehr über die Wachstumsmärkte China, Iran und Osteuropa/Zentralasien in unseren aktuellen Publikationen:

Wachstumsmärkte Ost

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Der OWC-Verlag dankt allen Unterstützern und Sponsoren des OWC 100 Forums, insbesondere Asstra Associated Traffic AG, Hategan Attormeys, IWT-Iran und Kazakh Invest.