Ukraine: Hersteller investieren in Anpassung an EU-Standards

In der ukrainischen Lebensmittelindustrie geht es wieder aufwärts. Der Privatverbrauch steigt moderat und die Ausrichtung auf neue Exportmärkte trägt erste Früchte. Die Branchenunternehmen steigern ihre Investitionen. Dies gilt vor allem für exportorientierte große Hersteller von Pflanzenöl und Geflügel. Investitionen in die Produktion für den Binnenmarkt werden gehemmt von niedriger Kaufkraft, unausgelasteten Kapazitäten und mangelnden günstigen Finanzierungsangeboten.

Mit seinen riesigen Agrarressourcen, dem großen Binnenmarkt und dem in vielen Bereichen noch deutlich niedrigeren Verbrauch an Lebensmitteln als in Westeuropa verfügt die Branche in der Ukraine langfristig über großes Potenzial. Foto: iStock © Iryna

Nach dem starken Rückgang 2015 zeigt der Trend in der ukrainischen Nahrungs- und Genussmittelindustrie seit 2016 wieder nach oben. Die lokalen Hersteller profitieren von ihrer dank der Währungsabwertung gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit, der Orientierung der Verbraucher auf preisgünstige Produkte und dem langsam wieder steigenden privaten Konsum. Mit seinen riesigen Agrarressourcen, dem großen Binnenmarkt und dem in vielen Bereichen noch deutlich niedrigeren Verbrauch an Lebensmitteln als in Westeuropa verfügt die Branche in der Ukraine langfristig über großes Potenzial. Dem stehen jedoch die niedrige Kaufkraft und eine schrumpfende Bevölkerung gegenüber. Negativ wirken sich noch immer der Verlust von Russland als einst wichtigstem Absatzmarkt sowie von Abnehmern und Produktionsstätten in den von der Regierung nicht kontrollierten Gebieten in der Ostukraine aus.

Die ukrainischen Agrarunternehmen und Nahrungsmittelproduzenten erschließen neue Absatzmärkte. Die Erfolge hierbei zeigen sich an dem Anstieg der Ausfuhr von Nahrungs- und Genussmitteln um nominal 24,3 Prozent auf 12,9 Milliarden US-Dollar in den ersten drei Quartalen 2017. Damit standen diese Produkte für 41,2 Prozent der gesamten Warenausfuhr der Ukraine und haben in einigen Bereichen das Vorkrisenniveau wieder erreicht beziehungsweise übertroffen. Dies gilt besonders für Waren wie Pflanzenöl und Getreide, während die Ausfuhr verarbeiteter Produkte noch hinterherhinkt. Vermehrt nutzen im Land vertretene ausländische Handelsketten die Ukraine auch als Beschaffungsmarkt für ihre Supermärkte in anderen Ländern.

Mehr und mehr ukrainische Unternehmen nutzen die Möglichkeiten des Freihandelsabkommens mit der EU und die jüngst ausgeweiteten Zollkontingente für eine Reihe von Agrarprodukten. Noch ungenutztes Potenzial bietet die Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln, da hier in der Regel keine Mengenbeschränkungen für die zollfreie Lieferung in die EU gelten. Unterstützung bei der Erschließung des EU-Markts bietet das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Projekt Agritrade Ukraine.

Ukrainische Unternehmen investieren vermehrt in die Anpassung ihrer Produktion an EU-Standards. Im Oktober 2017 verfügten 108 Nahrungsmittelhersteller über eine Genehmigung für den Export in die EU. Die Bruttoanlageinvestitionen in den Sektor steigen seit 2016 wieder, bewegen sich aber immer noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Vor allem die großen Player erweitern und modernisieren ihre Betriebe, meist mit dem Ziel ihre Exporte zu steigern. Dagegen scheitern Projekte kleiner und mittlerer Betriebe häufig infolge fehlender günstiger Finanzierungen.

Fleisch- und Wurstwaren

Die industrielle Produktionsmenge von frischem, gekühltem und gefrorenem Geflügel-, Schweine- und Rindfleisch lag in den ersten drei Quartalen 2017 offiziell bei knapp einer Million Tonnen. Das waren 4,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das Gros der Produktion sowie der Exporte entfällt auf Geflügel. Im genannten Zeitraum erreichten die Geflügelexporte mit 212.000 Tonnen einen Wert von knapp 295 Millionen Dollar, mehr als im Gesamtjahr 2016. Hauptabnehmerländer waren Ägypten, die Niederlande und Irak. Die Produktion von Wurstwaren legte 2017 wieder zu. Dagegen zeigte die Herstellung von Konserven weiter nach unten.

Wegen des Rückgangs der Kaufkraft haben die Konsumenten in den vergangenen Jahren vermehrt Geflügelfleisch und billigere Wurstsorten nachgefragt. Dank wieder steigender Reallöhne dürfte sich das Nachfragespektrum künftig wieder ausweiten. Allerdings sind die Preise für Fleisch und Fleischprodukte zuletzt stark gestiegen. Im Oktober 2017 lag das Preisniveau in dem Segment 29,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats und auch deutlich über der allgemeinen Teuerungsrate (14,6%)

Einige Produzenten planen Modernisierungs- und Ausbauaktivitäten. Die Agroholding Mironivsky Hliboproduct (MHP) hat 2017 mit der Erweiterung ihrer Geflügelzuchtanlage in der Region Winnizja begonnen. Vorgesehen ist ein Ausbau um 260.000 Tonnen. Im Jahr 2018 könnten bis zu 150 Millionen Dollar in das Projekt fließen. Gleichzeitig setzt das Unternehmen die Expansion im Ausland fort. Nach dem Kauf von zwei Verarbeitungswerken in den Niederlanden und der Slowakei hat die Firma laut Presseberichten Interesse an einer Übernahme des polnischen Herstellers Exdrob.

Molkereiprodukte sowie Speisefette und -öle

Laut offizieller Statistik erreichte der Gesamtausstoß der industriellen Milchverarbeitung in den ersten drei Quartalen 2017 ein Volumen von knapp 1,4 Millionen Tonnen. Das entspricht in etwa dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Positiv entwickelten sich die Exporte. Diese sind in den ersten zehn Monaten 2017 um 73 Prozent auf knapp 226 Millionen Dollar gestiegen. Profitieren konnte die Ukraine dabei von der hohen Nachfrage nach Butter in der EU. Zu einem immer bedeutenderen Abnehmer wird auch die VR China. Dagegen ist der Absatz auf dem Binnenmarkt, beispielsweise von Joghurt, weiter gefallen. Marktkenner erwarten im Interesse des Exportgeschäfts für die nächsten Jahre eine Umorientierung auf Produkte wie Trockenmilch oder hochwertige Buttererzeugnisse.

Die Ukraine ist der weltweit größte Erzeuger und Exporteur von Sonnenblumenöl. Im Marketingjahr 2016/17 ist die Produktion um 29,2 Prozent auf 6,27 Millionen Tonnen gestiegen. Die Ausfuhren legten um 30,4 Prozent auf 5,84 Millionen Tonnen zu. Hauptabnehmer sind gegenwärtig Indien, Spanien und die VR China. Das Gros der Produktion entfällt auf Kernel, Bunge Ukraine, Cargill, MHP und Delta Wilmar CIS.

Die Anbaufläche für Sonnenblumen, Raps und Soja ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Soja wird bislang vor allem als Rohware exportiert. Es gibt jedoch mehrere Vorhaben zum Bau von Sojaölfabriken. AdamPolSoja und Elevator Stroy Invest haben mit dem Bau von Werken im Gebiet Chmelnyzkyj begonnen. Projekte angekündigt haben Delta Wilmar CIS, Agroprodservice und ViOil. Kernel plant den Bau eines weiteren Werks zur Produktion von Sonnenblumenöl. Im Gebiet Poltawa hat Ukroliya im November 2017 die landesweit erste Fabrik zur Herstellung von Biospeiseöl in Betrieb genommen.

Süßwaren und Zucker

Nach starken Rückgängen in den vergangenen Jahren blicken die meisten Süßwarenhersteller wieder vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Ein Grund hierfür sind erste Erfolge bei der Erschließung neuer Absatzmärkte, wie zum Beispiel in Polen. In den ersten drei Quartalen 2017 ist die Produktion von Keksen und Waffeln um 8,1 Prozent gestiegen. Wegen der niedrigeren Preise hat sich die Nachfrage in diesem Segment in den letzten Jahren robust gehalten. Leicht zulegen konnte auch die Herstellung von Schokolade (+2,5%), während die Produktion von Süßwaren ohne Kakaogehalt nachgab (-4,6%).

Der Branchenprimus im Süßwarensegment, Roshen, baut in Boryspil (Gebiet Kiew) ein Werk für die Herstellung von Dauerbackwaren. Geplant ist eine jährliche Kapazität von 20.000 Tonnen. Das auf etwa 100 Millionen Dollar veranschlagte Vorhaben soll in zwei Phasen bis 2020 realisiert werden (erste Phase bis 2018). Das Unternehmen Vostotschnie Sladosti errichtet in Kropywnyzkyj für fünf Millionen Dollar ein Werk zur Produktion von Waffeln und Schokoriegeln.

Großes Potenzial hat die Ukraine bei der Herstellung und dem Export von Honig. Im Herbst 2017 hat das ukrainisch-österreichische Gemeinschaftsunternehmen Beehive ein Honigverarbeitungswerk für zehn Millionen Euro in Tscherkassy eröffnet.

Die Ukraine zählt weltweit zu den führenden Zuckerproduzenten. Der Sektor befindet sich im Aufwind. Die Anbauflächen für Zuckerrüben wurden von 2015 bis 2017 von 239.000 auf 318.000 Hektar ausgeweitet. Im Wirtschaftsjahr 2016/17 wurden in 42 Zuckerfabriken rund zwei Millionen Tonnen Zucker aus 13,7 Millionen Tonnen Zuckerrüben produziert.

Die Hersteller erschließen mit Erfolg neue Absatzmärkte. Dank der Modernisierung der Betriebe konnte der Anteil von Zucker erster Qualitätsstufe auf 31 Prozent gesteigert werden. Ziel für das laufende Marketingjahr sind 50 Prozent. Die führenden Akteure sind Astarta, UKRPROMINVEST-AGRO und Radekhivsky Zukor (Pfeifer & Langen). Der lokale Markt für die Zuckerproduktion hat sich in den vergangenen Jahren deutlich konsolidiert. Diese Tendenz dürfte sich auch künftig fortsetzen.

Der deutsche Zuckerhersteller Pfeifer & Langen hat Anfang 2017 sechs kleinere Zuckerfabriken in der Region Ternopil übernommen. Mit Unterstützung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der Europäischen Investitionsbank investiert Astarta rund 80 Millionen Dollar in Maßnahmen zur Energieeffizienz sowie den Bau von sechs Getreidespeichern mit einer Kapazität von 480.000 Tonnen und eines Zuckerlagers mit 50.000 Tonnen.

Getränkeindustrie

In der Getränkeindustrie verläuft die Entwicklung differenziert. Während die Herstellung von Säften in den ersten drei Quartalen 2017 um 1,6 Prozent nachgab, legte die Produktion von Mineralwasser (+2,2%) und alkoholfreien Getränken (+16,5%) zu. Letzteres Segment profitierte von der hohen Nachfrage im heißen Sommer. Einige Akteure wie der Safthersteller Vitmark-Ukraine oder das fast ausschließlich für den Export produzierende Unternehmen T.B. Fruit/Galicia setzen auf den Ausbau von zielgruppenorientierten Nischenprodukten (Vitalgetränke, gesunde Getränke für Kinder und reine Natursäfte).

Bei der Produktion von alkoholischen Getränken setzte sich der Abwärtstrend in den ersten drei Quartalen 2017 fort. Der Ausstoß von Bier ging um 3,4 Prozent zurück, die Produktion von Wodka, Weinbrand und Likören um 5,9 Prozent. Ein Grund für den bereits seit mehreren Jahren anhaltenden Rückgang der Nachfrage nach hochprozentigen Getränken sind die drastisch gestiegenen Verbrauchssteuern. Für 2018 ist jedoch keine Anhebung vorgesehen. Die hohe Steuerbelastung hat zu einer Ausweitung des ohnehin großen Graumarkts für Alkoholika geführt.

Trends auf dem Biermarkt sind Craft-Bier und Mischgetränke. Die in Lwiw ansässige Firma !Fest will die Bierproduktion von 0,5 Millionen auf eine Million Liter pro Jahr ausweiten. Sun InBev möchte seine Aktiva in der Ukraine mit Efes verschmelzen. Hierzu läuft im Moment eine Prüfung der Wettbewerbsbehörden.

Quelle: Germany Trade and Invest / Fabian Nemitz

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