In Shanghai wird Urbanität von morgen lebendig

Keine andere Stadt symbolisiert Chinas steigende Lebensqualität, Internationalität und Innovationskraft wie Shanghai. Die Megacity mit der Bevölkerungsgröße ganz Australiens kämpft mit sich – mit ihrer Umweltbelastung, der schnell alternden Bevölkerung und der logistischen An- und Einbindung ihrer Satellitenstädte. Immer wieder wagt sie – auch mit internationaler Beteiligung – den Sprung ins Neue. Damit bleibt Shanghai für internationale Firmen interessant.

Im November 2017 veröffentlichte Shanghai ein 21 Maßnahmen umfassendes Programm, um sich zu einem Zentrum für künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln. Foto: iStock © Easyturn

Mit 24 Millionen Einwohner (davon rund 15 Millionen in der Kernstadt) ist Shanghai eine der fünf Top-Megacitys weltweit und Chinas Wirtschaftspowerhouse. Die Metropole an der Mündung des Jangtse ist eine Stadt der Superlative: Fast nebeneinander stehen in Pudong drei der zwanzig höchsten Wolkenkratzer weltweit.

Shanghai verfügt über den größten Containerhafen (Jahresumschlag 2017: 40,2 Millionen TEU) und das längste U-Bahn-Netz der Welt. Von den 18 Linien befinden sich derzeit sechs in Erweiterung und Bau. Einige der renommiertesten Universitäten und Krankenhäuser des Landes sowie die größte Börse Chinas – die viertgrößte weltweit – sind hier zu Hause. Die Stadt erwirtschaftete 2017 ein Bruttoinlandsprodukt von rund 454 Milliarden US-Dollar – größer als das Thailands.

Mit knapp 173.000 Ausländern und rund 700.000 Taiwanern ist Shanghai (abgesehen von Hongkong) wohl Chinas internationalste Stadt und nimmt bei der Modernisierung der Verwaltung eine Vorreiterstellung ein. Die 2013 gegründete China (Shanghai) Pilot Free Trade Zone ist Testgrund für Flexibilisierungen im Finanzsystem, in der Zollverwaltung sowie bei der Unternehmenszulassung. In der Regel ist Shanghai einen Schritt voraus – auch wenn Peking das zulässige Tempo vorgibt. Auch künftig will die Stadt attraktiv für innovative Industrie- und Dienstleistungen bleiben und gleichzeitig die Lebensqualität der Bevölkerung erhöhen.

Wie alle Megastädte kämpft Shanghai mit urbanen Herausforderungen: mit wachsenden Müllbergen, Verkehrsstaus, Luftverschmutzung und langen Wegen für seine Bewohner. Darüber hinaus hat die lange Jahre gültige Ein-Kind-Politik zu einer raschen Vergreisung der Gesellschaft geführt: 2016 waren fast 32 Prozent der Shanghaier mit festem Wohnsitz in der Stadt über 60 Jahre alt. Gleichzeitig verkündet die Stadtverwaltung in ihrem Masterplan, die Bevölkerung bis 2025 auf maximal 25 Millionen Einwohner zu begrenzen. Ob das gelingt, weiß derzeit keiner.

Die Stadtverwaltung setzt auf einen raschen Kapazitätsausbau, aber auch auf Digitalisierung und Big Data, um eine bessere Auslastung und effizientere Nutzung der Ressourcen (zum Beispiel Krankenhäuser, Pflegeheime oder auch das Verkehrsnetz) zu gewährleisten. Auch wenn die Stadt im Smart Cities Index der Easypark Group nur auf einen der hinteren Ränge kommt, setzt die Verwaltung auf “Smart City”-Konzepte. Von der Steuererklärung über Geschäftsregistrierung bis hin zur Zollerklärung – all dies kann in Shanghai bereits heute online erfolgen. Künftig sollen die Daten von Behörden und öffentlichen Institutionen in der Stadt stärker vernetzt werden.

Shanghai setzt auf Big Data und künstliche Intelligenz

Im November 2017 veröffentlichte Shanghai ein 21 Maßnahmen umfassendes Programm, um sich zu einem Zentrum für künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln. Geplant sind 100 Demonstrationsprojekte sowie sechs Demonstrationsgebiete. Ein Fond mit 208 Millionen Yuan (31,5 Millionen US-Dollar) wurde bereit gestellt.

Big Data und KI sind auch notwendige Voraussetzungen für das landesweit schrittweise umgesetzte Social Credit Point System, das künftig Wohlverhalten und Kreditwürdigkeit jedes Einzelnen erfassen und bewerten soll. Überwachungskameras, viele davon bereits mit Gesichtserkennung, auf Bahnhöfen, Flugplätzen, in Parks und an Straßenkreuzungen sind in Shanghai wie auch in anderen chinesischen Großstädten bereits Alltag.

Die Einführung smarter Mobilitätskonzepte mit elektrobetriebenen (teil)autonom fahrenden Autos und Bussen, Connected Cars und Smartphone-basierten Hailing-Konzepten ist in Shanghai so wie im ganzen Land daher am Horizont erkennbar, nur Technik und Infrastruktur sind noch Hürden, die gesellschaftliche Akzeptanz oder der Schutz der Privatsphäre dagegen kaum.

Mit E-Mobilität gegen den Verkehrsinfarkt

Mit seiner bereits 2011 im Bezirk Jiading, Hauptsitz von Shanghais Automobilbranche, eingerichteten internationalen Demonstrationszone für Elektromobilität zählt Shanghai zu den Pionieren sowohl für E-Mobilität als auch (teil)autonomes Fahren. Wer ein Elektro- oder Hybridauto kauft, kann es direkt zulassen und muss nicht ein Nummernschild ersteigern. Darüber hinaus gewährt die Stadt zusätzlich zu nationalen weitere lokale Subventionen. Gemäß dem 13. Fünfjahresplan der Stadt (2016 bis 2020) sollen 2018 mindestens 70 Prozent der neu beschafften ÖPNV-Fahrzeuge solche mit alternativer Antriebstechnik (NEV – New Energy Vehicle) sein.

Die Zukunft gehört in Shanghai smarten NEV. Seit Juli 2017 ist in Anting in Jiading eine derzeit rund fünf Quadratkilometer große Test-Zone für (teil)autonomes Fahren in Betrieb. Ab 2019/2020 soll der ganze Stadtteil zu einer Demonstrationszone für autonomes Fahren werden.

Die größte Müllverbrennungsanlage der Welt entsteht

Shanghai präsentiert sich überwiegend als saubere Megacity, obwohl in Sachen Müll noch Vieles im Argen liegt. Seit 2011 hat die Stadt in kleinen Schritten mit der Trennung von Haushaltsmüll begonnen, seit 2018 ist Mülltrennung Pflicht. Angesichts mangelnder Infrastruktur und schwachen Bewusstseins in der Bevölkerung bleibt die Umsetzung jedoch schwierig. Um der täglichen Müllberge Herr zu werden, setzt die Stadt massiv auf Müllverbrennung. Bis 2020 sollen die Müllverbrennungskapazitäten der Stadt auf 19.300 Tonnen pro Tag (2015: 8.300 Tonnen pro Tag) ausgebaut werden.

Schneller als anderswo, meinen einige Experten, nimmt in der Stadt die Urbanität der Zukunft Gestalt an. Shanghai ist Experimentierfeld für neue Ansätze wie Sharing Economy, E-Health oder Hailing-Dienstleistungen und attraktiv für innovative Unternehmer. Zur Bewältigung der Probleme des “Urbanitätsmonsters” ist Input aus dem Ausland gefragt und notwendig. So entsteht derzeit in der Nähe des Flughafens Pudong die weltweit größte Müllverbrennungsanlage mit einer Tageskapazität von 4.320 Tonnen – konzipiert von dänischen Ingenieuren und ausgeführt von der japanischen Mitsubishi Heavy Industries Environmental & Chemical Engineering (MHIEC).

Quelle: Germany Trade and Invest / Corinne Abele