Wettbewerb statt Importsubstitution

Dr. Frank Schauff, Geschäftsführer der Association of European Businesses, spricht über die Auswirkungen der Sanktionen auf europäische Unternehmer, das Geschäftsklima in Russland und die wichtigsten Themen im laufenden Jahr.

Kein Grund zur Sorge: AEB-Geschäftsführer Dr. Frank Schauff kennt kein europäisches Unternehmen, das Russland infolge der Sanktionen verlassen hat. Foto: © Association of European Businesses (AEB).

Dr. Schauff, welche Prognose geben Sie für die Entwicklung der russischen Wirtschaft in diesem Jahr?

Schauff: Da Russland weiterhin von den Ölpreisen abhängig ist, ist es grundsätzlich schwierig, eine mittel- oder langfristige Prognose abzugeben. Wir hatten im vergangenen Jahr ein Wachstum in Höhe von 1,7 Prozent. Dies sollte auch in diesem Jahr so bleiben. Wir machen zwar keine Eigenprognosen, aber prüfen die anderer. Sie liegen alle ziemlich nah beieinander, deshalb sollten sie der Realität – soweit sie vorhersehbar ist – nahekommen. Aber ein solches Wirtschaftswachstum ist für Russland natürlich nicht ausreichend, um mit Westeuropa mitzuhalten, das auch 2017 im Schnitt stärker gewachsen ist. Die russische Wirtschaft müsste um vier, fünf oder mehr Prozent wachsen, um die Schere zwischen der Entwicklung in Russland und der in der EU zu schließen.

„Die Tatsache, dass öffentliche Ausschreibungen für europäische  Unternehmen verschlossen sind, stellt ein Problem dar.“

Die Sanktionen der EU gegenüber Russland gibt es nun schon seit vier Jahren. Wie haben sich die europäischen Unternehmen damit arrangiert?

Schauff: Wir haben im ersten Jahr der Sanktionen, Anfang 2015, gemeinsam mit der GfK eine Befragung unserer Mitglieder durchgeführt und gefragt, ob die Firmen formal von den Sanktionen betroffen sind. Interessanterweise haben 80 Prozent der Mitglieder angegeben, sie seien nicht davon betroffen. Vor allem die Finanzmarktsanktionen sind bedeutend. Die europäischen Banken haben durchaus gelitten, und das billige Geld aus dem Westen für die russische Wirtschaft fehlt auch. Das macht sich auch im Bankensystem der Russischen Föderation bemerkbar. Aber generell sind die allermeisten Firmen unbelastet geblieben. Auch die, die in ihrem Portfolio Bereiche haben, die unter die Sanktionen fallen, sind weiterhin auf dem russischen Markt. Ich kenne kein europäisches Unternehmen, das Russland wegen der Sanktionen verlassen hätte. Letzten Endes ist das natürlich eine gute Nachricht.

Es gibt schon einige deutsche Unternehmen, die in dieser Zeit das Land verlassen haben.

Schauff: Ja, es gibt kleine Firmen, die das Land verlassen haben, aber aufgrund der Krisensituation. Das war aber wegen des Verfalls des Ölpreises. Aber ich gehe davon aus, dass, sobald sich die Situation wieder verbessert, sie auch wieder zurückkehren. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Sanktionen keine Bedeutung hatten. Das können Sie auch daran erkennen, dass im letzten Jahr der Handel mit der Europäischen Union um fast 25 Prozent gewachsen ist. Die Sanktionen haben aber Bedeutung im Bereich der Investitionen. Natürlich sind vor allem die US-Sanktionen schwierig, weil sie, auch wenn sie momentan noch keinen konkreten Anlass zur Sorge geben, die Rechtsunsicherheit gerade im Bereich der Investitionen erhöhen.

„Die russische Regierung wäre gut beraten, sich den Zusammenhang zwischen Freihandelsabkommen, Konkurrenzfähigkeit und Wohlfahrt genauer anzusehen.“

Es gibt in Russland viele Branchen, in denen ausländische, europäische Unternehmen stark sind. Was bleibt dann für die russischen Unternehmen?

Schauff: Die wirkliche Stärke der Russen besteht in der Tat im Bereich der Energiewirtschaft. Die Software-Entwicklung läuft gut. Wegen der Sanktionen gegen europäische Lebensmittel und landwirtschaftliche Güter gibt es auch eine gewisse Entwicklung in diesem Bereich. Aber es ist grundsätzlich ein Problem der russischen Wirtschaft, dass es sehr schwierig erscheint, innovative Industriebereiche aufzubauen. Das hat neben dem chronischen Problem der holländischen Krankheit vor dem Hintergrund der Stärke des Rohstoffsektors auch mit anderen Problemen wie dem Braindrain der 90er-Jahre oder dem Universitätssystem zu tun.

Was sollte denn langfristig getan werden, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen?

Schauff: Es geht aus meiner Sicht darum, die Wertschöpfungskette ausgehend von der Rohstoffbasis zu verbessern und nicht darum, mit dem Hightech-Bereich einzusteigen. Man baut das Haus von der Basis auf und nicht vom Dach. Konkret hieße das, Unternehmen zu fördern, etwa im Automobilbereich, Tier-3-Zulieferer zu haben, in hoher Qualität zu produzieren. Das Öl für die Mülltonnenproduktion nicht nach Europa zu exportieren, sondern die Mülltonnen direkt in Russland herzustellen. Einfache Produkte herstellen, die aufgrund des Rohstoffreichtums naheliegen und im nächsten Schritt die Wertschöpfungskette immer weiter verlängern. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass sich Russland stärker in den Weltmarkt integriert. Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen stärkerer Integration in den Weltmarkt durch Freihandelsabkommen sowie Konkurrenzfähigkeit und Wohlfahrtszuwachs. Ich glaube, die russische Regierung wäre gut beraten, wenn sie sich den Zusammenhang genauer ansehen würde.

Herr Schauff, wir danken Ihnen für das Gespräch!

                Das Interview führte Elena Matschilski.

Das vollständige Interview lesen Sie in der neuen OstContact 3-4.

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