Südchinas Metropolen ziehen mit Hongkong gleich

Die südchinesischen Städte Kanton und Shenzhen verkündeten Anfang 2018, dass ihre Wirtschaftsleistungen mit der des wohlhabenden Hongkongs gleichgezogen haben. Bis die Pro-Kopf-Einkommen jedoch das Niveau der Sonderverwaltungsregion (SVR) erreichen, dürfte noch einige Zeit verstreichen.

Nach Angaben des Statistikamtes Shenzhen lag das BIP pro Kopf im Jahr 2017 dort bei rund 27.000 US-Dollar. Foto: iStock © NI QIN

Die Stadt Shenzhen nördlich der Grenze zu Hongkong war noch vor 40 Jahren ein unbedeutendes Fischerdorf. Dann erhielt sie den Status einer Sonderwirtschaftszone und zog viele Milliarden US-Dollar an Investitionen aus der damals noch britischen Kolonie sowie aus Taiwan, Südkorea und Japan an. Seit 1997 ist Hongkong wieder ein Teil Chinas und Shenzhen hat sich aus seiner Rolle als verlängerte Werkbank emanzipiert.

Heute versteht sich die Stadt als Hightech-Metropole. Sie beherbergt bekannte Firmen wie den Batterie- und Autohersteller BYD oder den Elektronikriesen Huawei. Im vergangenen Jahr lagen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Grenzmetropole laut Shenzhen Special Zone Daily bei 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Shenzhen übertraf beim BIP 2017 Hongkong

Mitte Januar 2018 berichtete die Tageszeitung, dass die Wirtschaftsleistung der Stadt im Jahr 2017 um real fast neun Prozent auf knapp 340 Milliarden US-Dollar gestiegen sei. Damit habe man mit Hongkong gleichgezogen. Zwar hatte die SVR ihre Daten für 2017 bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht, die Redakteure erstellten auf Grundlage der Vorjahreswerte eine Hochrechnung. 2016 lag Hongkongs BIP bei rund 320 Milliarden US-Dollar. Bei einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent und einer Inflation von 1,5 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt der ehemaligen britischen Kolonie damit im Vorjahr knapp unter dem von Shenzhen liegen.

Auch Kanton, Hauptstadt der Provinz Guangdong, konnte 2017 ebenfalls fast vollständig zu Hongkong aufschließen. Kantons Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um real sieben Prozent gewachsen, das entspricht umgerechnet knapp 320 Milliarden US-Dollar. Die Stadt hat in jüngster Vergangenheit einen besonders rasanten Wandel vollzogen. Noch vor 15 Jahren wurde die Metropole als Wilder Westen Chinas bezeichnet. Die Kriminalitätsrate war hoch, das Stadtbild mit seinen schmutzigen Straßen wenig ansprechend, die Luftqualität schlecht.

Kanton hat sich gemausert

Das hat sich mittlerweile geändert. Mit Hilfe eines engmaschigen Netzes von Überwachungskameras bekamen die Behörden Probleme mit der Straßenkriminalität in den Griff. Viele Unternehmen verlagerten in den vergangenen Jahren ihre Produktionskapazitäten ins Hinterland, was sich positiv auf die Luftqualität auswirkte. Zudem wurden Dutzende ausländische Luxushotels gebaut und eröffnet. Damit biete die Stadt heute echte Lebensqualität, so die berichte dort ansässiger Expatriates.

Dennoch bleibt in den südchinesischen Metropolen in Sachen Lebensstandard auch weiterhin ein gehöriger Abstand zu Hongkong. Nach Angaben des Statistikamtes Shenzhen lag das BIP pro Kopf im Jahr 2017 dort bei rund 27.000 US-Dollar. Kanton erreichte  immerhin 21.000 US-Dollar. Doch Hongkong bleibt mit seinen schätzungsweise über 46.000 US-Dollar eine der wohlhabendsten Metropolen in ganz Asien.

All diese Kennzahlen sagen allerdings wenig über die Wettbewerbsfähigkeit aus. Hongkong bietet im direkten Vergleich mit Kanton oder Shenzhen eine Vielzahl von Standortvorteilen und landet in internationalen Rankings stets auf den vordersten Plätzen. Die Stadt zieht dadurch zahlreiche ausländische Fachkräfte an. Laut South China Morning Post lebten 2016 rund 570.000 Ausländer in der SVR, das entspricht 7,8 Prozent der Gesamtbevölkerung Hongkongs. In Kanton wurden dagegen weniger als 50.000 Einwohner ausländischen Ursprungs gezählt (2014), das entspricht 0,4 Prozent.

Allerdings sollte die Konkurrenz zwischen Hongkong und den benachbarten festlandschinesischen Metropolen nicht überbewertet werden. Südchina und Hongkong bilden bereits jetzt so etwas wie eine wirtschaftliche Einheit, wobei sich jede Stadt auf unterschiedliche Branchen konzentriert. Die SVR erbringt vor allem Finanz- und Handelsdienstleistungen, Shenzhen produziert Hightech-Produkte und in Kanton und der angrenzenden Stadt Foshan spielt die Automobilindustrie eine gewichtige Rolle.

Peking forciert die „Greater Bay Area“

Die Region dürfte zudem weiter zusammenwachsen. So möchte die Regierung in Peking im Rahmen der Strategie der „Greater Bay Area„, dass die südchinesischen Städte sowie Hongkong und Macau stärker miteinander und untereinander kooperieren. Kritiker bemängeln allerdings, dass dieses Konzept nicht neu sei, nur wurde früher vom Perlflussdelta gesprochen.

Laut Einschätzung der Unternehmensberatung Dezan Shira and Associates biete die neue Strategie zwar inhaltlich keine großen Neuerungen. Dafür aber habe sie qualitativ mehr Gewicht, da sie erstmals von der Zentralregierung und nicht wie beim Perlflussdelta-Konzept von der Provinzregierung Guangdongs gepusht werde.

Flankiert wird die neue Politik von großen Infrastrukturprojekten. Eine gut 30 Kilometer lange Brücke zwischen Hongkong, Zhuhai und Macau ist fast fertiggestellt und wird 2018 in Betrieb genommen. Im selben Jahr soll auch die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Hongkong und Kanton eröffnet werden. Eine weitere Brücke zwischen Shenzhen und Zhongshan befindet sich im Bau, sie soll 2023/24 fertiggestellt werden.

Roland Rohde, Germany Trade & Invest, Hongkong