Negativ-Preis „Plagiarius“ zum 42. Mal verliehen

Das Geschäft mit Plagiaten und Fälschungen ist extrem lukrativ. Die Täterstruktur reicht vom einfallslosen Wettbewerber über skrupellose Händler bis hin zur organisierten Kriminalität. Neben Internet und digitaler Kommunikation sorgen leichtgläubige Schnäppchenjäger und ein zu geringes Strafmaß für Täter für die explosionsartige Ausbreitung des Problems.

Der Negativ-Preis „Plagiarius“ wird jährlich an Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen verliehen. Foto: Aktion Plagiarius e.V.

FRANKFURT AM MAIN. Der vom Designer Prof. Rido Busse ins Leben gerufene Negativ-Preis „Plagiarius“ wurde am 9. Februar 2018 auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ zum 42. Mal verliehen. Die Trophäe des Negativ-Preises ist ein schwarzer Zwerg mit einer goldenen Nase – diese steht als Symbol für die immensen Gewinne, die ideenlose Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten der Kreativen und der Industrie erwirtschaften. In diesem Jahr schafften es drei chinesische Unternehmen auf die vorderen Plätze.

Links das Original der Genius GmbH aus Limburg, rechts das Plagiat. Die Pingyang County Leyi Gift Co., Ltd., aus der Provinz Zhejiang kopiert unzählige Genius-Produkte – jeweils inklusive der Marke „Genius“ und dem jeweiligen Produktnamen – und bewirbt diese online, auf Messen, auf Märkten und per Katalog. Die Schneidklingen der Fälschung sind stumpf und brechen leicht, der verwendete Kunststoff enthält gesundheitsschädliche Substanzen.

Der 2. Preis ging an Sunny Kingdom. Das ebenfalls in der VR China ansässige Unternehmen hat den aufblasbaren Wasserpark „Wibit Sports Park XL“ der Wibit Sports GmbH, Bocholt, kopiert.

Links das Original der Wibit Sports GmbH, rechts das Plagiat: Der Nachahmer hat nicht nur den kompletten Sports Park mit allen Details inklusive Rettungswesten kopiert, sondern benutzt auch die Original „Wibit-Hand“-Bildmarke. Zudem hat er Konzept und Musik vom Original Wibit-Werbevideo übernommen. Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Einen Vergleich der zwei Videos sehen Sie hier.

Den 3. Preis darf sich die Xingtai Kurbao Toys Co., Ltd. aus der Provinz Hebei abholen. Sie produziert eine Nachahmung des bei Kindern und Eltern beliebten Rutscher „PUKY Racer“, der online unter anderem über alibaba.com vertrieben wird.

Links das Original der PUKY GmbH & Co. KG aus Wülfrath, rechts das Nachahmerprodukt. Design und Technik wurden 1:1 vom Original übernommen. Die billigen Materialen, aus denen Gehäuse, Räder und Lenkrad gefertigt sind, sowie die schlechte Verarbeitung der Oberflächen spiegeln die minderwertige Qualität wider. Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Links das Original der PUKY GmbH & Co. KG aus Wülfrath, rechts das Nachahmerprodukt. Design und Technik wurden 1:1 vom Original übernommen. Die billigen Materialen, aus denen Gehäuse, Räder und Lenkrad gefertigt sind, sowie die schlechte Verarbeitung der Oberflächen spiegeln die minderwertige Qualität wider. Foto: Aktion Plagiarius e.V.

Zudem wurden sieben gleichrangige „Auszeichnungen“ verliehen.

Plagiarius: Gegen dreisten Ideenklau, für mehr Fairness und Respekt

Bereits seit 1977 vergibt die Aktion Plagiarius e.V. den gefürchteten Schmäh-Preis an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen. Ziel des Vereins ist einerseits, Industrie, Politik und Verbraucher für die Problematik zu sensibilisieren und die skrupellosen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Gleichzeitig soll die Wahrnehmung für Bedeutung und Wirksamkeit von gewerblichen Schutzrechten gesteigert sowie die Wertschätzung kreativer Leistungen erhöht werden. Der Aktion Plagiarius ist es ein Anliegen, Unternehmern wie Privatleuten die Einzigartigkeit eines Originals vor Augen zu führen. Und sie will verdeutlichen, dass die Entwicklung eines Produktes von der ersten Idee bis zur Marktreife viel Zeit, Geld und Innovationskraft kostet.

Am Strand von Barcelona: nachgemachte Markenhandtaschen für leichtgläubige „Schnäppchenjäger“. Foto: iStock © Dino Geromella

Die Auszeichnung mit dem „Plagiarius“ sagt nichts darüber aus, ob ein nachgemachtes Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder rechtswidrig ist. Die Aktion Plagiarius kann kein Recht sprechen. Sie darf aber auf Unrecht aufmerksam machen. Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger wählt, werden die vermeintlichen Plagiatoren über ihre Nominierung informiert und erhalten die Möglichkeit zur Stellungnahme. Neben fallbezogenen Informationen fließen diese Reaktionen, sofern erfolgt, mit in die Bewertung ein. Der Jury geht es keinesfalls darum, legale Wettbewerbsprodukte, die sich durch optische und technische Eigenständigkeit auszeichnen, zu brandmarken. Intention ist vielmehr, plumpe Nachahmungen, die dem Originalprodukt absichtlich zum Verwechseln ähnlich sehen und die keinerlei kreative oder konstruktive Eigenleistung aufweisen, in den Fokus zu rücken. Aus Angst vor der Prämierung mit dem Negativ-Preis haben bereits zahlreiche Nachahmer eine Einigung mit dem Originalhersteller gesucht und unter anderem Restbestände der Plagiate vom Markt genommen, Unterlassungserklärungen unterschrieben oder Lieferanten preisgegeben.

Plagiate: Mehr Profitgier und Skrupellosigkeit als wohlgemeintes Kompliment

Produkt- und Markenpiraterie wird häufig als harmloses Kavaliersdelikt abgetan. Dabei sprechen die Zahlen für sich. Allein 2016 haben die EU-Zollbehörden laut EU-Kommission mehr als 41 Millionen rechtsverletzende Produkte im Wert von 670 Millionen Euro an den EU-Außengrenzen beschlagnahmt – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. China ist zwar einerseits Herkunftsland Nummer eins für Fälschungen, gleichzeitig entwickeln sich aber immer mehr chinesische Firmen von der verlängerten Werkbank des Westens hin zu ernsthaften Mitbewerbern auf den Weltmärkten. Hinzu kommt: In Auftrag gegeben beziehungsweise vertrieben werden die Nachahmungen häufig in Industrieländern. Oftmals von ideenarmen Mitbewerbern oder aber ehemaligen Produktions- beziehungsweise Vertriebspartnern. Für eine bestmögliche Abwehr von Produkt- und Markenpiraterie rät die Aktion Plagiarius Firmen auf eine ganzheitliche Strategie aus juristischen, organisatorischen und technischen Maßnahmen zu setzen.

Nachgemachte Waren sind mittlerweile in allen Preis- und Qualitätsabstufungen erhältlich, von gefährlichen Billigfälschungen bis hin zu qualitativ hochwertigen Plagiaten, die dann aber kaum günstiger als das Originalprodukt sind. Die Ausprägungen reichen von verunreinigten Parfums und Kosmetika, minderwertiger Unterhaltungselektronik und gepanschten Lebensmitteln über nachgemachte Schneid- und Haushaltwaren, Sanitärprodukte, Kinderspielzeug, Werkzeuge bis hin zu unsicheren Motorsägen und Autofelgen oder gar falsch dosierten Medikamenten und nicht funktionierenden medizintechnischen Produkten wie Notfallbeatmungsgeräten etc.

 In immer kürzeren Abständen fordern Konsumenten neue vielfältige Produkte in höchster Qualität und attraktivem Design. Für deren Entwicklung braucht es neben Know-how und Erfahrung auch Talent, Kreativität, Mut und Unternehmergeist, Durchhaltevermögen und Leidenschaft. An all diesen Eigenschaften fehlt es jedoch den Plagiatoren. Sie kopieren unverfroren ein fertiges Endprodukt, sparen die zeit- und kostenintensiven Entwicklungsschritte und Investitionen, schmücken sich ohne Skrupel mit fremden Federn und produzieren überwiegend unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen.

Allerdings darf nicht vergessen werden, dass das Plagiat nur die eine Seite der Medaille ist. Noch gibt es genügend Konsumenten, die anscheinend wenig über das Thema in all seinen Facetten nachdenken. Beim bewussten Kauf einer Markenfälschung verdrängen Verbraucher erfolgreich diese verwerflichen Umstände und geben sich irrtümlicherweise der Illusion hin, dass ein nachgemachtes Produkt das gleiche Markenerlebnis verschafft wie das begehrte Markenprodukt. Dies ist mitnichten der Fall. Eine plumpe Fälschung hat weder die Aura des Originals noch löst es dessen Markenversprechen ein. Gleiches Design bedeutet nicht automatisch die gleiche Qualität, Funktionalität, Präzision und Sicherheit. Original und Plagiat sind nur auf den ersten Blick täuschend ähnlich.

Schlussendlich liegt es in der Verantwortung jedes einzelnen Verbrauchers sich statt für Ramsch mit Label von Kriminellen lieber für die unglaubliche Vielfalt legaler Produkte zu entscheiden und diese wertzuschätzen. Insbesondere beim Einkauf im Internet sollten Verbraucher daher genau hinsehen, auf ihren gesunden Menschenverstand hören und nicht voreilig und kritiklos auf „Kaufen“ klicken. Im ureigensten Interesse lohnt ein Blick ins Impressum, und Zahlungsbedingungen, Widerrufmöglichkeiten und die allgemeine Seriosität des Anbieters sollten ebenfalls sorgfältig geprüft werden. Hochwertige Markenprodukte gibt es nicht zum Fast-Umsonst-Tarif. Im Vergleich zum Plagiat sind sie aber ihren Preis wert.

Das Museum Plagiarius präsentiert die Sammlung der Plagiarius-Preisträger von 1977 bis heute. Die Ausstellung umfasst mittlerweile mehr als 350 Produkte der unterschiedlichsten Branchen und zeigt jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. Die Plagiarius-Preisträger 2018 sind ab 16. Februar dieses Jahres im Museum Plagiarius in Solingen zu besichtigen. Die vielen Beispiele und die in Führungen vermittelten Hintergrundinformationen tragen maßgeblich zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei. Vom Zoll beschlagnahmte Fälschungen ergänzen die Sammlung.

(Copyright Text und Fotos: Aktion Plagiarius e.V.)

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