Nahrungsmittel: Warten auf Wachstum

Nach der Vorstellung der Regierung soll die Nahrungsmittelindustrie ihre Produktion verdreifachen. Doch bisherige Pläne in diese Richtung waren nicht erfolgreich. Deutsche Technik und Investitionen versprechen Hoffnung auf eine nachhaltigere Entwicklung.

Von Dominik Vorhölter

Kasachstans Getreide zählt zu den wichtigsten Exportgütern des Landes. Foto: iStock © booblik_uk

Kasachstan gehört zu den weltweit größten Getreideexporteuren. Das neuntgrößte Flächenland der Erde hat enormes Potenzial zur Entwicklung seiner Lebensmittelindustrie. Seine Agrarflächen sind zusammen etwa so groß wie Grönland. Trotzdem muss Kasachstan im Schnitt rund 40 Prozent der benötigten Nahrungsmittel aus dem Ausland importieren. Dabei fehlt es vor allem an Zucker, Kakao, Tee und Fisch. Die heimische Landwirtschaft kann laut dem Agrarministerium nur 60 Prozent des Lebensmittelbedarfs erwirtschaften. Das Land belegt außerdem den 60. von 113 Plätzen im Global Food Security Index. Das Ranking vergleicht das Niveau der Lebensmittelverfügbarkeit und die Versorgungssicherheit. Trotz engagierter Förderprogramme ist es der Regierung noch nicht gelungen, die Nahrungsmittelindustrie nachhaltig anzukurbeln. Um dies zu ändern, ist der Fleischproduzent Baumann aus Viernheim bei Mannheim einer der wenigen mutigen Investoren, die sich auf den kasachischen Markt wagen.

Der Lammfleischhersteller hat im November eine Absichtserklärung mit der Gebietsverwaltung Almaty geschlossen. Damit besiegelte Baumann das Vorhaben, in der Wirtschaftszone Bejserke, zwischen Almaty und dem See Qapschagaj, für 21 Millionen US-Dollar eine Produktionsstätte für 15.000 Tonnen Fleisch pro Jahr zu bauen. Der Markt ist vielversprechend, denn viele kasachische Nationalgerichte enthalten Lammfleisch und die Regierung lockt mit der Neuauflage des Förderprogramms der Lebensmittelindustrie „Produktivität 2017-2021“. Damit will Kasachstan die heimische Lebensmittelindustrie mit sieben Milliarden Euro fördern. „Das ist eine richtige und notwendige Maßnahme, die auch schon in früheren Programmen stand“, sagt Diethard Rudert vom Deutsch-Kasachischen Agrarpolitischen Dialog über das Förderprogramm. Zuvor gab es das Programm „Produktivität 2020“, das eine Erhöhung der Produktivität der Nahrungsmittelindustrie um das 1,5-Fache vorsah. Dieses Ziel wurde verfehlt, denn die Lebensmittelindustrie wuchs von 2014 bis 2016 nur um 0,2 Prozent auf 2,6 Prozent.

Viehzucht ohne hochwertiges Futter

Den größten Anteil an der Wertschöpfung in der verarbeitenden Nahrungsmittelindustrie in Kasachstan hatte 2016 die Mehlproduktion, inklusive der Backindustrie mit insgesamt 1,3 Milliarden Euro. Die Fleischverarbeitung und Milchproduktion trugen in diesem Zeitraum mit rund 1,1 Milliarden Euro den zweitgrößten Anteil bei. Die Produzenten von tierischen Fetten und Ölen erwirtschafteten 2016 rund 318 Millionen Euro. Die restlichen 1,9 Milliarden Euro steuerten die Hersteller anderer Lebensmittel bei. So lag das gesamte Produktionsvolumen der Lebensmittelindustrie bei 3,8 Milliarden Euro. Damit hatte sie einen Anteil von 2,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (142 Mrd. EUR).

Im Jahr 2015 lag die Produktion der Nahrungsmittelindustrie bei 2,2 Prozent und ist damit kaum gewachsen. In diesem Zeitraum verringerte sich sogar ihr wertmäßiger Output um 15 Prozent von 4,5 auf 3,8 Milliarden Euro. Für 2017 geht die Regierung von einem Produktionswachstum von vier Prozent aus. Bis 2021 soll die Produktion der Nahrungsmittelindustrie laut Landwirtschaftsministerium auf sechs Prozent am BIP steigen. Das hauptsächliche Hindernis für die Entwicklung der Tierhaltung sei vor allem der Mangel an qualitativ hochwertigem Futter, meint Rudert. Eine Abkehr von den Monokulturen sei unabdingbar für eine nachhaltige Landwirtschaft, findet er. Neben dem Anbau von Futterpflanzen soll deshalb auch der Anbau von Sonnenblumen, Soja sowie Erbsen und Linsen gefördert werden. Diese Diversifizierung hat mehrere Ziele: Sie fördert die Bodenfruchtbarkeit und trägt dazu bei, neue Wertschöpfungsketten zu entwickeln. Je mehr Produkte die kasachischen Landwirte selbst erzeugen, desto weniger bemerkt der Verbraucher Preisschwankungen.

Wirtschaft ist krisenanfällig

In Kasachstan schwanken die Preise für Lebensmittel infolge der Abhängigkeit vom Weltmarkt. Jährlich müssen für 55 Millionen Euro Nudelerzeugnisse eingeführt werden, zum größten Teil aus Russland. Knoblauch und Zwiebeln importieren Lebensmittelhändler jährlich im Wert von rund 38 Millionen Euro. Kartoffeln kommen unter anderem aus Pakistan für 17 Millionen Euro. Tomatenimporte kosten laut der nationalen Statistikagentur jährlich rund 75 Millionen Euro. Selbst einfachen Weißkohl müssen die Händler für 15 Millionen pro Jahr importieren. Dennoch gab Kasachstan 2016 bereits 9,5 Prozent weniger Geld für Lebensmittelimporte aus. So war das Importvolumen 2016 im Vergleich zum Vorjahr von 2,9 Milliarden Euro auf 2,7 Milliarden Euro gesunken. Ein Grund dafür war die Abwertung der Nationalwertung um 15 Prozent im August 2015 auf 249,15 Tenge pro Euro und der Übergang in einen freien Wechselkurs. Somit war der Euro-Referenzkurs innerhalb eines Jahres um die Hälfte auf 378,27 Tenge pro Euro gestiegen. Erst Mitte Dezember hatte die Weltbank in einem aktuellen Bericht dazu geraten, sich auf die Diversifizierung der kasachischen Wirtschaft zu konzentrieren. Nach wie vor konzentriert sich die Wirtschaftsleistung auf die Förderung von Rohstoffen. Solange eine stabile und nachhaltige Entwicklung nicht sichergestellt sei, bleibe Kasachstans Wirtschaft anfällig für globale Krisen, sagte Ato Brown, Country Manager der Weltbank.

Chancen für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer

Darüber hinaus ist die gesamte Agrarwirtschaft laut einer Erhebung der kasachischen staatlichen Investmentgesellschaft Kaz-Agro mit veralteter Technik ausgestattet: 80 Prozent der eingesetzten Maschinen und Anlagen seien älter als 25 Jahre. Dieses macht das Vorhaben, die Nahrungsmittelproduktion anzukurbeln, interessant für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer. Sie sind zudem die erste Adresse für kasachische Unternehmen, wie aus einem Bericht von Germany Trade & Invest hervorgeht. Seit 2014 steht Deutschland auf Platz eins der Lieferländer für Maschinen und Anlagen, gefolgt von China, Italien und Russland. Ein Beispiel ist der Kühlsysteme-Hersteller Plattenhardt + Wirth, der von den Plänen der Regierung für die Lebensmittelindustrie profitiert. Das Unternehmen betreibt seit 2012 einen Service-Standort in Moskau und bedient von dort aus auch den kasachischen Markt. Das aktuelle Vorhaben ist der Bau eines Kühllagers in Almaty, im Süden des Landes. Dort sollen mehr als 5.000 Tonnen Äpfel gelagert werden.

Dieser Beitrag ist in OstContact 01/02-2018 erschienen.

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