Person der Woche: Gabor Steingart

„Gabor Steingart (Herausgeber des Handelsblatts) spricht am 19/06/2017 in Berlin im Rahmen des Deutschen Verbrauchertages 2017.“ / Foto: vzbv/Florian Schuh / / Attribution-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-ND 2.0) / https://www.flickr.com/photos/vzbv_de/34559850114/

ASPEKTE:

  • Der Herausgeber des Handelsblattes verlässt überraschend die Verlagsgruppe.
  • Grund soll die harrsche Kritik an Martin Schulz sein.
  • Der Journalist hatte bereits früh seine Karriere bei der Wirtschaftswoche begonnen.

Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, ist bekannt für seine zugespitzten, aber treffenden Formulierungen. Solche sollen dem ehemaligen Chef des Spiegelbüros in Berlin nun den Posten gekostet haben. Er soll mit der Kritik an Martin Schulz übertrieben haben, heißt es.

Schon mit 22 veröffentlichte er sein erstes Buch. Er studierte Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Volkswirtschaft und Germanistik an der Universität Marburg und am Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität in Berlin.

Beim Spiegel hat Steingart schnell Karriere gemacht: Mit 32 leitete er bereits das Wirtschaftsressort, dann wurde er Leiter des Berliner und des Washingtoner Büros. Steingart, der seine Karriere als Reporter der Wirtschaftswoche begonnen und seine berufliche Grundausbildung an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf absolvierte, musste die Handelsblatt Media Group diese Woche nach Uneinigkeiten mit Verleger Dieter von Holtzbrinck verlassen.


AUSSAGEN:

  • Er glaubt, dass die Freiheit ein schlechtes Image hat.
  • Der Journalist kritisiert, dass in Deutschland keine richtige Wirtschaftspolitik mehr betrieben wird.
  • Aus seiner Sicht bricht Trump mit den Eckpfeilern der US-Nachkriegspolitik.

Über das Verständnis von Freihandel:

„Für die Mehrheit ist Freihandel ein Synonym für Arbeitsplatzverlust und Unmenschlichkeit geworden. Kaum ein anderes Wort hat eine derartige Talfahrt im öffentlichen Ansehen hinter sich.“ (Januar 2018)

Über Wirtschaftspolitik in Deutschland:

„Wirtschaftspolitik als Disziplin wirkt in Deutschland wie abgeschafft. Würde Ludwig Ehrhard wiedergeboren, wäre er heute kein Star, sondern Hinterbänkler.“ (Januar 2018)

Über Disruption, Wirtschaft und Politik:

„Wirtschaftliche Umbrüche, wenn sie disruptiv verlaufen und Zukunftsangst verbreiten, führen zur Veränderung im politischen Überbau – wie etwa bei der Industrierevolution des 19. Jahrhunderts und beim Übergang zum Börsenkapitalismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.“ (Oktober 2016)

Über Politiker:

„So wie jeder Kaufmann einmal im Jahr Inventur macht, sollte die Politik sich selbst einer Bewusstseinsinventur unterziehen.“ (Oktober 2016)

Über Trump:

„Die Eckpfeiler der amerikanischen Nachkriegspolitik, also der regelbasierte Freihandel, die Schaffung eines internationalen Rechts, die Förderung des europäischen Einigungswerkes, Multilateralismus und Menschenrechte, bedeuten ihm nicht allzu viel.“ (Juli 2017)

Über die US-Wirtschaftspolitik:

„Die amerikanische Wirtschaftspolitik ist Teil einer neuen Weltinnenpolitik mit großen Auswirkungen auch auf den Wirtschaftsstandort Deutschland.“ (Januar 2018)

Über Dieter von Holtzbrinck:

„Ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe.“

„Dass unsere dennoch – oder deshalb? – so erfolgreiche Zusammenarbeit jetzt abrupt endet, lässt uns beide nicht unberührt.“ (Februar 2018)

Über Journalisten:

„Viele Journalisten sind freie Mitarbeiter einer weltweiten Apokalypse-Industrie.“ (Oktober 2016)


ANSICHTEN:

  • Für Kollegen ist der Rauswurf ein schlechtes Zeichen für den Journalismus.
  • Kritiker sehen ihn als dynamischen Unternehmensstrategen.
  • Publizisten halten ihn für sehr selbstbewusst.

„Das ist Bestrafung für eine – wenngleich unbequeme – Meinung und ein verheerendes Zeichen für die publizistische Unabhängigkeit.“

Chefredakteure Sven Afhüppe (Handelsblatt), Beat Balzli (Wirtschaftswoche) und Wirtschaftswoche-Herausgeberin Miriam Meckel (Februar 2018)

„Der preisgekrönte und breit gebildete Publizist hat sich als äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer.“ (Februar 2018)

„Steingart muss man eher bremsen als antreiben.“ (2010)

Dieter v. Holtzbrinck, Verleger der Handelsblatt Medien Gruppe

„Publizistisch ist Steingart eine Rampensau auf jeder Bühne.“

Caspar Busse, Leitender Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, bis 2005 zehn Jahre Journalist beim Handelsblatt (Februar 2018)

„… Unfassbar schnell im Denken, Sprechen, Schreiben und Handeln, dazu bis zum Anschlag selbstbewusst.“

Peter Turi, ehemaliger Chefredakteur und Co-Verleger des kressreports und Medien-Fachmann (Februar 2018)

„Steingarts Abberufung wird die Verlagsgruppe Handelsblatt zwar nicht zum Einsturz, aber dennoch zum Erzittern bringen.“

Christian Meier, Medienredakteur, DIE WELT

„… Herausragendes Beispiel für kritischen Wirtschafts- und Verbraucherjournalismus.“

Jury des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises (2007)

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