Ereignis der Woche: Mercosur

ASPEKTE:

  • In das südamerikanische Freihandelsabkommen kommt neue Bewegung.
  • 85 Prozent des EU-Exportes unterliegt bisher dem Zoll.
  • Beide Seiten wollen profitieren, umso härter wird verhandelt.

Die Verhandlungen der Europäischen Union um das Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) ziehen sich nun seit 20 Jahren hin. 2010 wurden die Gespräche für sechs Jahre auf Eis gelegt. Jetzt befinden sie sich in der nächsten und wahrscheinlich letzten Runde.

Der Mercosur-Markt umfasst mehr als 250 Millionen Menschen. Dabei vereinen die vier Gründungsmitglieder mehr als 75 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten auf dem südamerikanischen Kontinent. EU-Unternehmen exportieren derzeit Waren im Wert von mehr als 40 Milliarden Euro in diese Zone. Das Volumen der Dienstleistungen liegt bei etwa 20 Milliarden Euro. Die EU-Investitionen betragen fast 380 Milliarden Euro.

Dennoch müssen europäische Firmen heute hohe Zölle zahlen und viele nicht-tarifäre Handelshemmnisse im Handel mit Mercosur-Staaten überwinden. Für Autoteile, Chemikalien und Textilien werden manchmal sogar mehr als 20 Prozent fällig. Insgesamt unterliegen 85 Prozent der europäischen Ausfuhren in den Mercosur-Staaten dem Zoll, was Kosten von jährlich vier Milliarden Euro ausmacht. So können europäische Unternehmen beispielsweise bisher nicht an staatlichen Ausschreibungen teilnehmen. Darüber hinaus ist der Export von Dienstleistungen in die Mercosur-Staaten stark begrenzt. Außerdem sorgen technische Standards und Zertifizierungsmaßnahmen für Verzögerungen und Kosten bei EU-Unternehmen.

Mercosur exportiert eine Vielzahl verschiedener Güter, von landwirtschaftlichen Erzeugnissen über Energie und Rohstoffe bis zu Industrieprodukten. Das künftige Abkommen soll sowohl für die EU als auch für den Mercosur eine Win-win-Situation darstellen und Chancen für Wachstum und Beschäftigung für beide Seiten eröffnen – umso härter wird nun verhandelt.


ANSICHTEN:

  • DIHK fordert, die hohen EU-Qualitätsstandards einzuhalten.
  • Für Brüssel sind Rindfleisch und Ethanol sensible Punkte.
  • Unternehmensvertreter erhoffen sich durch das Abkommen völlig neue Märkte.

„Nach Jahren des Stillstandes bietet eine Einigung konkrete Chancen, die Weichen für ein umfangreiches und ausgewogenes Freihandelsabkommen zu stellen. Dabei ist es auch wichtig, dass die hohen EU-Qualitätsstandards umgesetzt werden.“

„Klare politische Signale für den Endspurt sind nötig, denn sonst vergeben wir einen haushohen handelspolitischen Vorsprung gegenüber anderen Weltregionen.“

Dr. Volker Treier, DIHK, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer DIHK-International

„Das Beginn des Endspiels um dieses Handelsabkommen.“

Ungenannte Brüsseler Offizielle über die Verhandlungen

„Sensible Punkte in den Mercosur-Gesprächen sind für uns etwa die Importe von Rindfleisch oder Ethanol. Ich gehe aber davon aus, dass die Verhandlungen in Kürze abgeschlossen werden.“ (2017)

„Die Verhandlungen mit der Landwirtschaft sind immer die langwierigsten, sie sind schwierig – aber ich hoffe, dass sie ausräumbar sind.“ (2018)

Cecilia Malström, EU-Handelskommissarin

„Frankreich ist entschlossen, sich (…) um seinen Rindfleischmarkt und seine Produktion zu kümmern, (…) ich bin davon überzeugt, dass unsere Unterhändler den technischen Weg finden werden, um zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen.“ (2018)

Emmanuel Macron, Präsident Frankreichs

„Wir denken, südamerikanische Konsumenten wären interessiert an unserem Produkt, aber wir müssen in der Lage sein, sie schnell zu liefern, um die Haltbarkeit zu maximieren. Ein EU-Freihandelsabkommen mit vereinfachten Zollverfahren würde bedeuten, dass unsere Waren die Verbraucher schneller erreichen.“

Mateja Gorenak, Area Export Manager bei Gea, Öl-Hersteller aus Slowenien

„Hohe Zolltarife behindern die Entwicklung. Ein Freihandelsabkommen EU-Mercosur würde uns ganz neue Märkte öffnen und auch ermöglichen, Argentinien in der Entwicklung seiner umweltfreundlichen Energiegewinnung zu unterstützen.“

Urban Wikman, Business Manager der schwedischen Windenergie-Firma Cue Dee

„Wenn Mercosur ein Abkommen dieser Größenordnung mit der EU abschließt, wird dies einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung in Brasilien und Argentinien leisten und signalisiert für den Rest der Welt eine Erholung von zehn Jahren des wirtschaftlichen Populismus.“ (2017)

Matias Spektor, Professor für internationale Beziehungen an der brasilianischen FGV Business School