„Das Geschäft verlagert sich“

Der Kölner Logistiker Emons ist seit 2003 in Belarus aktiv. Die Sanktionen in Russland haben nicht nur das Geschäft einbrechen lassen. Sie zwingen das Unternehmen auch, sich neue Geschäftsfelder zu suchen, berichtet East-Area-Manager Dieter Müller.

Hat relativ spät mit dem Ost-Geschäft begonnen: der Traditionslogistiker Emons aus Köln. Foto: Emons

Herr Müller, warum hat sich Emons für Belarus als ersten Standort für das Ost-Geschäft entschieden? 

Müller: 2002 haben wir begonnen, das Osteuropa-Geschäft zu erschließen. Belarus war das nächstliegende Land. Zudem ist es wesentlich kleiner als Russland. Es diente sozusagen als „Gate“ oder Eingang zu Osteuropa. Geplant war natürlich, in jedem Land in Osteuropa eine Gesellschaft zu eröffnen. Belarus war nur der Anfang. Die Gesellschaft in Minsk haben wir 2003 gegründet. 2004 kam die Ukraine mit Kiew dazu und 2005 Moskau. So ging es weiter bis 2013 Almaty folgte. Zudem haben wir Transportfirmen gegründet. In Minsk, Kiew und Moskau betreiben wir reine Speditionsgesellschaften ohne eigenes Equipment. Darüber hinaus haben wir eigene Transportgesellschaften in Smolensk, Almaty und Vilnius, die rein als Frachtführer arbeiten und für unsere Speditionsbetriebe die Transportleistungen erbringen. Vilnius ist zwar ein EU-Land, aber wichtig für den Transit nach und aus Russland.

Aber was spricht für Belarus und nicht etwa die Ukraine?

Müller: Wir haben ja relativ spät mit dem Ost-Geschäft begonnen. Wir waren nicht der erste ausländische Betrieb, der sich in Belarus niedergelassen hat. Aus meiner früheren Zeit weiß ich, dass es sehr schwierig war, dort überhaupt Fuß zu fassen. Eine Infrastruktur war nicht vorhanden, es gab keine Rechtssicherheit. Als wir unter Emons dort angefangen haben, war es bereits wesentlich besser und leichter. Wir haben mit drei Mitarbeitern begonnen, die Gesellschaft hat sich Zug um Zug sehr stark entwickelt. Wir hatten einen guten Marktzugang, konnten die Infrastruktur des „kleinen“ Landes nutzen und haben mittlerweile einen Betrieb mit 40 Mitarbeitern. In Belarus ist ein normales Sammelgutgeschäft möglich, bei dem Waren über ein zentales Eingangslager verteilt werden. Das Straßennetz ist, beziehungsweise wird weiter ausgebaut. Da hat sich inzwischen viel getan. Die Ukraine ist dagegen mittlerweile sozusagen im freien Fall. Jeder hat so seine eigene Rechtsauffassung.

Belarus will mit dem Großprojekt Great Stone Investoren anlocken. Namhafte Unternehmen haben sich bereits im belarussisch-chinesischen Industriepark angesiedelt. Profitieren Sie davon?

Müller: Nein. Ich kenne dieses Vorhaben und es ist eine Überlegung wert, sich dort zu engagieren, aber eine Auswirkung als solche haben wir bisher nicht gemerkt. Ausgewirkt haben sich lediglich die Sanktionen gegen Russland.

Wie haben sich die Sanktionen gegen Russland ausgewirkt? 

Müller: Sehr brutal. Sie sind ja nicht gegen Belarus gerichtet, aber das Land wurde in Mitleidenschaft gezogen. Wir haben dadurch Umsätze im hohen sechsstelligen Umfang verloren. Mittelständische Betriebe haben den Export nach Russland weitestgehend eingestellt, weil ihnen der Aufwand und die Prüfungen zu umständlich und zu kostspielig sind. Sie haben dann ganz die Finger vom Export nach Russland gelassen. Das Geschäft hat sich mittlerweile komplett geändert.

Und Emons? 

Müller: Wir haben weiter gemacht. Wir waren in Russland ja schon mit drei Gesellschaften engagiert. Die Gesellschaften dort haben nach wie vor Gewinne erwirtschaftet, aber die Auswirkungen haben wir in Deutschland gespürt. Das Russland-Geschäft einzustellen, kam für uns nicht in Frage. Das Land ist zu groß und nach wie vor ein Markt der Zukunft, das können und das wollen vor allem wir nicht vergessen. Ein Unternehmen kann aber nicht mehr allein mit Exportverkehren überleben. Man muss sich andere Geschäftsbereiche erschließen, wie zum Beispiel Projektgeschäfte, Transitgeschäfte, Importverkehre. Größere Aufträge sind nach wie vor vorhanden.

2015 wurde die EAWU gegründet. Was bedeutet das für Sie? Ist die Logistik einfacher geworden?

Müller: Einfacher ist nichts geworden. Die Bedingungen sind die gleichen, obwohl die Eurasische Wirtschaftsunion eine gute Sache ist. Die Zollunion spielt auch bei den Sanktionen eine Rolle. Es wird weniger direkt nach Russland exportiert, sondern oft der Weg über Belarus oder Kasachstan gesucht. Ich denke, die Zollunion kann eine sehr gute Ergänzung zur EU werden. Wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern, wird es bestimmt einfacher. Die Hemmschwelle sind aber nach wie vor die Sanktionen. Wenn sie nicht wären, könnte ein Wirtschaftraum von Lissabon bis Wladiwostock geschaffen werden. Aber wir stellen auch fest, dass aufgrund der Sanktionen viele deutsche Betriebe ihre Produktion nach Russland verlagert haben. Dadurch wird der deutsche Import aus Russland eine verstärkte Rolle spielen.

Das Geschäft verlagert sich also. Statt von Europa nach Russland geht es von Russland und Asien nach Europa?

Müller: Genau. Waren werden dort produziert. Deutsche Unternehmen sind zahlreich in Russland vertreten. Zudem denke ich, dass sich der Importmarkt, also die Waren, die Russland importiert, nach China verlagert hat. Die Russen kaufen wegen den Sanktionen mehr in China als in Deutschland. Nur bestimmte Dinge, bei denen die Qualität in Deutschland besser ist, werden noch direkt bezogen. Wie schon gesagt, die Sanktionen sind das große Hemmnis.

Bedienen Sie mehr Transporte zwischen den Ländern der EAWU als aus oder nach Europa? 

Müller: Ja. Ursprünglich war unser Ziel, von Europa nach Osteuropa zu exportieren und dort unsere eigenen Häuser zu haben, die die Ware verteilen und Kunden akquirieren. Heute stellen wir fest, das Geschäft ist dabei sich zu verlagern. Der Export aus Deutschland ist aus unserer Sicht weitestgehend eingebrochen, wobei sich mittlerweile die Lage wieder zu stabilisieren scheint. Wir denken aber nicht, dass wir mittelfristig wieder das frühere Niveau erreichen können. Das Geschäftsfeld ändert sich, so werden Transporte von China nach Russland interessant, auch aus Russland nach Europa und in die anderen GUS-Staaten. Deshalb ist es unseres Erachtens wichtig, dort mit eigenen Gesellschaften vertreten zu sein, um sich genau um diese Geschäfte kümmern zu können.

Das liegt sicher auch an dem Projekt „Neue Seidenstraße“, das Russland und China vorantreiben.

Müller: Wenn man in Kasachstan ist, dann ist China sehr präsent. Es bietet sich an, dort Transporte durchzuführen, vor allem auf der Seidenstraße von China nach Europa. Wir sind an verschiedenen Projekten beteiligt. Wir haben unter anderem auch Verträge mit den relevanten Bahnen geschlossen, um durch diese Vereinbarungen attraktive Konditionen anbieten zu können. Mittlerweile werden viele Container, die bisher per Seefracht verschickt worden sind, auf den „China-Zug“ verladen. Wobei es aktuell Probleme mit einer Trasse in Polen gibt, weshalb wir begonnen haben, die Container in Russland umzuladen, um somit flexibler mit einer Lkw-Zustellung ab Russland zu sein. Aber die Seidenstraße ist ein Riesenthema für unsere Branche. Jeder versucht, seinen Platz in diesem Projekt zu finden.

Herr Müller, herzlichen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Elena Matschilski.

 Das Interview ist in OstContact 01/02-2018 erschienen.