Mehr Konsum, weniger Investitionen

Im laufenden Jahr wird die chinesische Wirtschaftsleistung um knapp sechseinhalb Prozent zulegen. Wesentlicher Treiber des Wachstums ist der Konsum. Investitionen werden dagegen weiter zurückgehen, auch beim Ausbau der Infrastruktur.

Von Jürgen Conrad

Verbraucherumfragen zufolge sind Chinesen konsumfreudig wie nie – und werden es auch bleiben. Foto: iStock © caoyu36

Nach einer leichten Wachstumserholung 2017, die allein dem Außenhandel zu verdanken war, wird sich 2018 in China wieder der langjährige Trend einer von der Regierung kontrollierten Wachstumsabschwächung durchsetzen. Nach 6,7 Prozent Wirtschaftswachstum 2016 und geschätzten 6,8 Prozent 2017 ist mit 6,4 Prozent Wachstum im Jahr 2018 zu rechnen. Chinas Bruttoinlandsprodukt wird damit um etwa 900 Milliarden auf mehr als elf Billionen Euro zulegen.

Konsum treibt Wachstum an

Wie schon in den Vorjahren wird der Konsum der wichtigste Wachstumsmotor bleiben, angetrieben von robusten Lohnsteigerungen, steigenden Sozialausgaben der Regierung und einer strukturell abnehmenden Sparneigung der Bevölkerung. Verbraucherumfragen sind hier ganz klar: Chinesen sind konsumfreudig wie nie und werden es bleiben. Im Gegensatz dazu wird sich die Investitionsnachfrage aufgrund von strukturellen, aber auch konjunkturellen Faktoren weiter abschwächen. Chinas Städte expandieren und mit ihnen der Immobiliensektor. Die Baukonjunktur wird sich 2018 dennoch abkühlen, denn die Regierung wirkt einer Überhitzung des Immobilienmarktes mit Kaufbeschränkungen in mehr und mehr Städten entgegen. Auch Hypothekenkredite werden teurer und weniger leicht zugänglich. Infrastrukturinvestitionen werden weiter wachsen, aber ebenfalls weniger stark als in den Vorjahren, denn viele Städte und Gemeinden stoßen an finanzielle Belastungsgrenzen. Das gilt auch für kapitalintensive Industrien, in denen das Investitionswachstum wegen Überkapazitäten und hoher Schuldenbelastung seit Jahren negativ ist. Staatlich verordnete Angebotsverknappung hat zwar der Schwerindustrie in den vergangenen beiden Jahren höhere Verkaufspreise und sprunghaft gestiegene Gewinne beschert. Die Profite fließen aber in den Schuldendienst und nicht in Neuinvestitionen.

Quantitativ kann dieser Investitionsausfall nicht voll von dem Investitionsboom in konsumorientierten Industrien und im Dienstleistungssektor kompensiert werden, denn diese vielversprechenden Sektoren sind tendenziell weniger kapitalintensiv. Dazu kommt, dass die chinesische Exportindustrie zwar mit 2017 ein recht gutes Jahr hinter sich hat, aber die weiteren Aussichten doch zu unsicher sind, um massive Erweiterungsinvestitionen zu rechtfertigen. Insgesamt wird deshalb 2018 das Investitionswachstum wieder unter dem der Gesamtwirtschaft verharren, und der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt, der in China immer noch bei erstaunlichen 42 Prozent liegt, wird weiter zurückgehen.

Binnennachfrage verliert an Kraft

Das Wachstum der Inlandsnachfrage wird also trotz starken Konsums wegen des schwächeren Investitionswachstums 2018 weiter an Kraft verlieren. Die Auslandsnachfrage, die 2017 noch das gesamtwirtschaftliche Wachstum stabilisieren konnte, wird im laufenden Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach aber wieder zur Wachstumsbremse. Jedenfalls dann, wenn der globale Außenhandel nicht doch noch einmal neuen Schwung aufnimmt, was derzeit nicht zu erkennen ist.

Die Inflation wird sich 2018 weiter beschleunigen. Ich rechne mit einem Anstieg der Konsumentenpreise um 2,4 und der Produzentenpreise um etwa vier Prozent im Jahresdurchschnitt. Trotz kontinuierlichen Preisanstiegs bei Dienstleistungen und Medikamenten drückten fallende Lebensmittelpreise den Auftrieb der Konsumentenpreise 2017 auf 1,7 Prozent. Schuld war vor allem die Überproduktion des in China so beliebten Schweinefleisches.

Mit sich normalisierenden Lebensmittelpreisen sollte die Inflation 2018 deutlich zulegen, auch wenn sie wohl unter der von der Regierung gesetzten Höchstgrenze von drei Prozent bleiben wird. Die Produzentenpreise werden weiterhin schneller steigen, denn die Regierung setzt ihre Politik fort, über Produktionskontrollen im Bergbau und in der Schwerindustrie deren Verkaufspreise und damit Gewinne zu stützen, um ein günstiges Umfeld für Schuldenabbau und Restrukturierungen zu schaffen.

Kaum Änderungen in Fiskalpolitik

Die Geld- und Fiskalpolitik wird sich 2018 wohl nicht grundsätzlich ändern. Zwar bemüht sich die Regierung inzwischen ernsthaft darum, die Risiken im Finanzsektor in den Griff zu bekommen, die sich durch hohes Kreditwachstum und Regulierungslücken über die Jahre entwickelt haben. Gleichzeitig stellt sie aber klar, dass das nicht zu Lasten der Kreditvergabe an die Realwirtschaft gehen soll und auch die Finanzierungskosten eher sinken sollen. Was nach einer Quadratur des Kreises klingt, kann mit zahlreichen Staatseingriffen in China tatsächlich gelingen. Und sollte das Wirtschaftswachstum doch stärker als geplant einbrechen, kann die Geld- und Fiskalpolitik auch schnell wieder auf Expansion schalten. Das reduziert auch das Risiko meiner Wachstumsprognose.

Die Liberalisierung des Wechselkurses und der Abbau von Kapitalverkehrskontrollen sind nach Rückschlägen in den vergangenen beiden Jahren inzwischen wieder wichtige Themen. Natürlich wird die Regierung auch 2018 vorsichtig agieren, denn Reformen sind kein Selbstzweck, sondern haben der Stärkung der chinesischen Wirtschaft zu dienen. Ich rechne dennoch mit Maßnahmen, die ausreichen, die Internationalisierung des Yuans wiederzubeleben, die ja nicht nur ein Prestigeobjekt ist, sondern auch Kosten und Risiken von chinesischen Auslandsinvestitionen entlang der neuen Seidenstraße senkt. Ob sich das Klima für ausländische Direktinvestitionen in China auch verbessert, bleibt abzuwarten. Der Ansatz der stark interventionistischen chinesischen Industriepolitik, die Sonderstellung der Staatsunternehmen und das Fehlen einer dezidierten Wettbewerbspolitik lassen Zweifel aufkommen.

Mehr Reformen im Staatssektor

Die Regierung gibt inzwischen offen zu, dass die generell schwache Performance der mehr als 130.000 Staatsunternehmen ein zentrales Problem der chinesischen Wirtschaft ist, vor allem weil Staatsunternehmen überproportional zur Unternehmensverschuldung beitragen. Ich erwarte 2018 Reformschritte, die über die zögerlichen Maßnahmen der vergangenen Jahre hinausgehen. Das heißt, mehr Teilprivatisierungen und Bankrotte, insbesondere bei Staatsunternehmen im Eigentum von Städten oder Provinzen, die selbst finanziell unter Wasser stehen.

Privatisierung im großen Maßstab kann aber ausgeschlossen werden. Denn Staatseigentum an Produktionsmitteln ist nach Ansicht der chinesischen Führung ein definierendes Merkmal der sozialistischen Marktwirtschaft. Nach den Parteitagsbeschlüssen im Oktober 2017 wird das auf absehbare Zeit auch so bleiben.

Jürgen Conrad
leitet die Economics Unit der Asian Development Bank Resident Mission in der Volksrepublik China.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 1-2/2018 erschienen.