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Lebensmittel „Made in Russia“ sollen Europa erobern

Dr. Per Brodersen, Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft erklärt, was Russland zu bieten hat – und wo deutsche Agrarunternehmen profitieren können.

Es gibt im russischen Landwirtschaftsministerium Überlegungen, in den Ökolandbau zu investieren. Foto: iStock © alvarez

Russland ist nach einer zweijährigen Pause wieder auf die Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ zurückgekehrt. Welche Signale will Moskau damit senden?

Brodersen: Früher präsentierte sich Russland immer mit einem der größten Stände auf der Grünen Woche. Jetzt sind sie mit einer klaren Botschaft zurück. Der stellvertretende Landwirtschaftsminister Jewgenij Gromyko hat das hier in seinen Reden deutlich gemacht: „Wir haben Neues zu bieten.“ Russland ist einerseits zurück als Produzent und Exporteur, andererseits auf der Suche nach Partnern bei der Modernisierung der Landwirtschaft.

Stichwort Exporteur: Hat Russland Europa, speziell Deutschland, etwas zu bieten?

Brodersen: Russland exportiert vor allem Getreide, aber inzwischen auch Schweine- und Hühnerfleisch. Das geht aber in erster Linie in den asiatischen Raum. Auf dem europäischen Markt gibt es da kaum Bedarf. Aber Russlands Agrarsektor bietet viel Potenzial, um auch in Deutschland punkten zu können, etwa mit exotischen Naturprodukten, aber auch mit Ökolandbau. Es gibt im russischen Landwirtschaftsministerium Überlegungen, in den Ökolandbau zu investieren. Das Land ist voller Flächen, die jahrelang keinen Kunstdünger gesehen haben. Und in Europa, speziell in Deutschland, gibt es eine große Nachfrage.

Dazu müssten sich die Unternehmen allerdings erstmal nach EU-Standards zertifizieren.

Brodersen: Genau das ist die Hürde, die Russland nehmen muss. Die Produktion muss unseren Standards entsprechen. Russland ist auch dabei, ein eigenes Öko-Siegel einzuführen. Aber für den Export nach Europa nützt das zunächst nichts.

In die andere Richtung ist der Export seit 2014 und der Einführung des russischen Lebensmittelembargos eingebrochen. Gibt es da Bewegung?

Brodersen: Russland hat seine Agrarstrategie grundlegend geändert – und das nicht erst 2014. Schon seit 2012 schottete sich Russland immer stärker gegen Molkereiprodukte und Schweinefleisch ab, mit Verweis auf angebliche Probleme mit den hygienischen Standards. Insbesondere deutsche Exporteure bekamen das zu spüren. Dahinter steht die Strategie, die empfundene Abhängigkeit von westlichen Importen zu reduzieren.

Die Antwort ist bekannt: Importsubstitution. Können deutsche Unternehmen davon profitieren?

Brodersen: Deutsche Produzenten exportieren seitdem bedeutend weniger Lebensmittel, dafür aber Know-how. Etwa in den Bereichen Landtechnik, Pflanzenschutz, Ausstattung für Tierhaltung, Anlagen für Gemüseanbau ist deutsche Technik und Know-how sehr gefragt in den vergangenen Jahren, und ganz besonders seit 2014. Russland hatte 2017 mit 140 Millionen Tonnen wieder eine Rekordgetreideernte. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2014 52 Millionen Tonnen geerntet. Aber diese riesige Menge muss erstmal gelagert und dann verkauft werden. Das zieht einen umfangreichen Bedarf an moderner Lager- und Trocknungstechnik nach sich – die können deutsche Unternehmen liefern.

Nur eine Zahl: 2018 wird die russische Regierung mit 700 Milliarden Rubel (etwa 1 Mrd. Euro) die Landwirtschaft subventionieren. Das sind vor allem Kredite für Landwirtschaftsbetriebe, um ihre Produktion zu modernisieren – mit in Russland produzierter Technik.

„In Russland produzierte Technik“ – genau das ist aber der Knackpunkt, oder?

Brodersen: Es gibt einen klaren Trend über die vergangenen Jahre: Einerseits produzieren deutsche Unternehmen zunehmend Landtechnik in Russland, um an der staatlich subventionierten Modernisierung teilhaben zu können. Andererseits haben wir Lebensmittelunternehmen, etwa im Bereich Molkereiprodukte, die in Russland produzieren, weil sie durch das Embargo nicht mehr exportieren können. Die bekanntesten Beispiele sind DMK (Deutsches Milchkontor) und Hochland, die inzwischen dort Käse produzieren.

Allerdings stoßen auch die an ihre Grenzen. Die Produktion von bestimmten Käsesorten kann nicht einfach von heute auf morgen aufgebaut werden – Stichwort Know-how. Zudem fehlt es ganz einfach an qualitativ hochwertiger Rohmilch. An der russischen „Milchlücke“ wird sich so bald auch nichts ändern.

Was wird denn passieren, wenn eines Tages sowohl der Westen die Sanktionen und Russland sein Embargo aufheben? Wird dann wieder alles wie früher?

Brodersen: Landwirtschaftsminister Tkatschow hat ja im letzten Jahr davon gesprochen, dass er die Sanktionen gerne noch zehn Jahre aufrechterhalten würde. Zu der Situation vor 2014 kommen wir jedenfalls sicher nicht zurück: Die Warenströme der Exporteure haben sich geändert. Aber die Aufhebung des Embargos wird ein Stresstest sein für die russischen Produzenten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Denn man darf nicht vergessen: Die jetzige Wettbewerbssituation ist künstlich geschaffen. Diese Produzenten sind nicht im freien Wettbewerb gestählt.

 Das Interview führte Moritz Gathmann.