Person der Woche: Mário Centeno

Mário Centeno, Vorsitzender der Eurogruppe. Foto: US Embassy Lisbon Portugal via Flickr

ASPEKTE:

  • Im Zentrum seiner Amtszeit steht die Koordination der Wirtschaftspolitik der 19 Euro-Staaten.
  • Er ist gleichzeitig Chef des Gouverneursrates des ESM.
  • Der Wirtschaftsexperte stützt sich auf profundes theoretisches Wissen.

Es klingt wie ein Paradox: Der erste Südeuropäer an der Spitze der Eurogruppe wurde vor allem von Deutschland und Frankreich unterstützt – also Staaten, die gerade nicht im Süden des Kontinents liegen. Dabei setzte er sich bei der Wahl Anfang Dezember gegen drei Konkurrenten durch: den Slowaken Peter Kažimír, den Luxemburger Pierre Gramegna und die Lettin Dana Reizniece-Ozola.

Durchsetzen müssen wird sich der Volkswirt mit Harvard-Promotion auch während seiner Amtszeit, die jetzt Mitte Januar begonnen hat: Als Eurogruppen-Chef vertritt er beispielsweise die 19 Euro-Länder auf internationalem Parkett (unter anderem beim Internationalen Währungsfonds). Darüber hinaus muss Centeno die Wirtschaftspolitik der 19 Euro-Staaten koordinieren und Kompromisse zwischen den unterschiedlichen Prioritäten der europäischen Länder finden. Außerdem wird der neue Vorsitzende im Zentrum der Debatte um die Vertiefung der Währungsunion stehen, die vor allem Frankreich fordert, das sich dem deutschen Kurs entgegenstellt.

Die Eurogruppe-Minister geben die Ausrichtung von Europas Wirtschafts- und Finanzpolitik vor und entscheiden über milliardenschwere Hilfsprogramme für europäische Staaten, die oft mit strengen Reformauflagen verbunden sind.

Centeno ist in Personalunion der Vorsitzende des Gouverneursrats des Euro-Rettungsschirms ESM. Damit hat zum ersten Mal jemand dieses Amt inne, der aus einem Land stammt, das selber einmal auf die Kredite des ESM angewiesen war. Die portugiesische Wirtschaft wurde bis Mai 2014 drei Jahre lang durch den Rettungsschirm gestützt. Ganze sieben Jahre lang steckte Portugal in einem Haushaltsdefizit.

Als Finanzminister hatte Centeno großen Anteil daran, das Land wieder auf Kurs zu bringen. Selbst ohne Parteibuch, unterstützte er die Minderheitsregierung des sozialistischen Präsidenten Costa bei dessen Reformpolitik. Mit Erfolg: 2016 wurde mit 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gar das niedrigste Haushaltsdefizit seit 1974 erzielt. Darüber hinaus sank die Arbeitslosenquote, während die Mindestlöhne stiegen. Centeno stützt sich als Politiker auf fundiertes theoretisches Wissen. Denn er hat seine Promotion über die Ökonomie der Arbeit geschrieben und lange in der Wirtschafts- und Forschungsabteilung der portugiesischen Nationalbank gearbeitet.


AUSSAGEN:

  • Centeno sieht sich als Kandidat, der über Parteigrenzen hinweg einen Konsens erzielt.
  • Seiner Meinung nach braucht die Euro-Zone noch mehr Konvergenz.
  • Er fordert, dass die EU gegenüber seinen Bürger Rechenschaft ablegt.

Über Zusammenarbeit in der Eurozone:

„Wir alle teilen (…) einen gemeinsamen Wunsch: Die Euro-Zone soll robuster und krisenfest werden. (…) Es ist es aber wahr, dass wir in unserer noch sehr jungen Währungsunion mehr Konvergenz benötigen. Nationale Reformen allein reichen dafür nicht aus. Wir brauchen auch eine gemeinsame Politik. Wenn sie fehlt, ist das schädlich für alle Beteiligten.“ (2018)

Über seinen Spitznamen „Ronaldo“ und sein Verhältnis zu Wolfgang Schäuble (2018):

„Ronaldo spielt viel besser Fußball als ich, aber ich weiß mehr über Wirtschaft als er.“

„Die portugiesische Regierung treibt die Haushaltskonsolidierung voran. Zugleich sorgt sie dafür, dass Portugal in der EU wirtschaftlich aufholt. Ich weiß aus meinen Gesprächen mit Wolfgang Schäuble, dass er beides für wichtig hält: ein vernünftiges Wirtschaftswachstum und eine solide Fiskalpolitik.“

Über Transparenz:

„Es ist sehr wichtig, ein widerstandsfähiges Europa aufzubauen, das dem finalen Stakeholder gegenüber Rechenschaft übt, nämlich den Europäischen Bürgern.“

Über internationale Steuerpolitik:

„Firmen sind heute multinationale Firmen. Sie sind keine US-Firmen oder europäische Firmen. Es sind Firmen, die meistens in vielen, vielen Ländern arbeiten. Und wir müssen eine umfassende Steuerpolitik haben, die in einer koordinierten Weise wiederum einige Handelsstörungen und Standortentscheidungen dieser Firmen verhindern kann.“

Über seine Aufgabe:

„Ich möchte nicht als Kandidat Südeuropas verstanden werden, sondern als jemand, der über Parteigrenzen hinweg einen Konsens erzielt. Europa mit seiner großen Gesellschaft und dem größten Binnenmarkt der Welt muss seine Stärken zeigen und seine Institutionen vervollständigen – egal, ob man aus dem Süden, dem Norden, dem Osten oder dem Westen kommt.“


ANSICHTEN:

  • Politiker halten ihn für den Reformer, den die EU derzeit braucht.
  • Beobachter halten seine Wahl für ein Zeichen der Anerkennung für die wirtschaftliche Sanierung Portugals.
  • Kritiker glauben, dass er die Euro-Zone weiter integriert.

„Eine gute Wahl für die dringend nötige Kehrtwende in der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik.“

 Udo Bullmann, SPD-Europa-Abgeordneter

„Centeno ist der ‚Cristiano Ronaldo’ unter den europäischen Finanzministern.“

Wolfgang Schäuble, CDU-Politiker, Deutscher Finanzminister bis 2017, Parlamentspräsident

„Centeno ist der Anti-Schäuble unter Europas Finanzministern.“

„Portugal hat Schäubles Austeritätsdogma erfolgreich widerlegt. Centeno hat gezeigt, dass nach den notwendigen Strukturreformen nicht sparen, sondern investieren der richtige Weg ist.“

Sven Giegold, Mitglied des EU-Parlaments für die Grünen

„Die Wahl von Centeno ist auch eine Anerkennung für die harten und erfolgreichen Reformen, die Portugal unternommen hat.“

Peter Altmaier, Chef des Kanzleramts

„Centenos Sieg könnte das Symbol für eine neue Ära der Eurozone sein, zumal er aus dem weniger wohlhabenden Südeuropa kommt.“

Pan Pilas, Associated Press, Korrespondent für internationale Wirtschaftspolitik

„Centeno galt als hässliches Entlein, jetzt ist er glänzender Schwan wieder aufgetaucht.“

Marcelo Rebelo de Sousa, Mitte-Rechts Präsident Portugals

„Centeno wird alles tun, um die Eurozone weiter zu integrieren, ihre Stabilität zu stärken und mehr Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist auch die Analyse des Präsidenten der Republik Macron.“

Bruno Lemaire, Finanzminister von Frankreich

„Mit seiner ruhigen Art und seinem Fachwissen hat sich der dreifache Familienvater in Europas Politszene Respekt erworben.“

Claus Hecking, Wirtschaftsjournalist bei Capital und Spiegel-Online