Die mentalen „Schubladen“ verlassen

Nach mehr als dreißig Jahren chinesischer Öffnung und intensiven europäisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen scheinen Europäer noch stärker in alten Denkschablonen verhaftet zu sein als Chinesen. Der vor zwei Jahren eingeweihte CEIBS Zurich Campus fördert das bessere Verständnis für die jeweils andere Geschäftskultur.

von Peter Tichauer

Nach mehr als dreißig Jahren chinesischer Öffnung scheinen Europäer noch stärker in alten Denkschablonen verhaftet zu sein als Chinesen.
Foto: CEIBS

Als wir miteinander telefonierten, war der 19. Parteitag der KP Chinas gerade zu Ende gegangen. Hat er das gebracht, was sich die westlichen Unternehmen, die in China engagiert sind, erwartet haben? Hat er die Weichen für eine weitere Öffnung des chinesischen Marktes gestellt? Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Die Chinesen sagen: „Ja.“ Sehen es die Europäer genau so? Vor allem lässt sich darüber streiten, ob wir jedes Wort, das gesprochen wird, auch als das nehmen können, als das wir es vermeintlich verstehen. Philipp Boksberger, Geschäftsführer des Züricher Campus der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, stellt fest: „Im europäischen Kulturverständnis gibt es Schwarz und Weiß, richtig und falsch.“ Europäer hätten oft Schwierigkeiten, Aussagen von pragmatisch handelnden Chinesen, „die das eine sagen, aber etwas anderes tun“, einzuordnen. Und er kommt zu dem Schluss, dass Europäer ihr kulturelles Verständnis für China noch viel mehr schärfen müssten, gerade auch, um bei geschäftlichen Verhandlungen zu verstehen, was der Partner eigentlich sagen will, wohin er tendiert und welche Ziele er verfolgt.

Vor zwei Jahren wurde der CEIBS-Campus in Zürich mit der Übernahme des 2009 gegründeten Zurich Institute of Business Education etabliert, nach einem im afrikanischen Accra der zweite außerhalb Chinas. Laut Philipp Boksberger war das eine Antwort auf die Wirtschaftspolitik Chinas, insbesondere auf die Initiative zur Wiederbelebung der Seidenstraße. Die Schule versuche ihren Alumni eine Brücke nach Europa zu bauen. Das in Shanghai angesiedelte Centre of Globalization begleite chinesische Unternehmen bei ihrem Engagement außerhalb des Landes. Der Campus in Zürich biete darüber hinaus Studierenden aus der Schweiz und Europa Programme an, um diese für eine Karriere in China oder in einem chinesischen Unternehmen vorzubereiten, aber auch Kurse, die Unternehmen für das Geschäft mit China fit machen sollen.

Den anderen noch besser verstehen

Die Lehrinhalte unterschieden sich nicht wesentlich von denen in Shanghai. Neu sei aber, dass für chinesische Führungskräfte Studienreisen unter dem Motto „Doing Business in Europe“ organisiert und angeboten werden. Es gehe um die Vermittlung von Know-how für mögliche Ansiedlungen oder Firmenübernahmen, aber auch um Unterschiede in den Geschäftspraktiken und -modellen, erklärt Philipp Boksberger, um europäische Denkansätze für Innovation oder Markenaufbau. Im Prinzip geht es, heruntergebrochen auf das konkrete geschäftliche Handeln um das, worüber wir eingangs gesprochen haben. Seitdem sich China der Welt wieder geöffnet hat und die internationalen Unternehmen enge Wirtschaftsbeziehungen mit chinesischen Firmen aufgebaut haben, wird die Bedeutung betont, dass westliche Wirtschaftslenker Verständnis für die chinesische Geschäftskultur entwickeln müssen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Kann und muss das aber nur ein einseitiges Bemühen sein? Müssen nicht auch chinesische Entscheidungsträger bereit sein, sich mit der europäischen Geschäftsmentalität auseinanderzusetzen?

Philipp Boksberger sieht genau hier eine Aufgabe des CEIBS Zurich Campus. Das Credo sei, mit einer Vielzahl von Veranstaltungen Schweizer, Europäer und Chinesen zusammenzubringen, den Dialog zu fördern und so das gegenseitige Verständnis füreinander zu vertiefen. Dabei setze er unter anderem auch auf Kooperationspartner wie die Schweiz-Chinesische Handelskammer. Allerdings stellt der Institutsdirektor auch fest, dass Chinesen schneller als Schweizer dazu bereit seien, „den Schritt in unsere Geschäftskultur zu gehen“. Chinesen seien viel pragmatischer, während die Schweizer oft noch in einer „Stigmatisierung der Chinesen“ verhaftet blieben. „Schweizer haben wie viele andere Europäer auch eine klare Vorstellung, was ein Chinese kann und was er nicht kann“, sagt Philipp Boksberger. Da gebe es „Schubladen“, die nicht aufgemacht würden. Europäer seien nur zögerlich bereit, ihr Chinabild zu aktualisieren. Im Gegenteil nehme die Abwehrhaltung gegenüber chinesischen Investitionen in jüngster Zeit noch zu.

Auch deshalb sei es wichtig, dass sich die angebotenen Kurse an gemischte Gruppen richten. Nur so könne es zu einem fruchtbaren Austausch kommen. Auf formeller und informeller Ebene werden dafür Möglichkeiten geschaffen. Vor allem sollen auch Kontakte zu lokalen Unternehmen aufgebaut werden, und Philipp Boksberger ist zufrieden, dass die Schweizer und grenznahe Wirtschaft nach anfänglicher „Abwehr“ inzwischen sehr offen für den Dialog mit den CEIBS-Studenten und –Alumni ist.

Philipp Boksberger stellt noch fest, dass allmählich auch Chinas Messenger-Dienst Nummer eins, WeChat, in der Schweiz mehr Liebhaber findet. Nach anfänglicher Skepsis entstehe eine gewisse Begeisterung für den chinesischen Dienst. „Für die Kommunikation zwischen den Unternehmern hier und unseren Studenten ist das nur gut. Es macht vieles einfacher.“

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 12/2017 erschienen.

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