Polen zankt sich um den Sonntagshandel

Ein neuer Gesetzesentwurf sieht vor, dass die Geschäfte am siebten Tag in der Woche geschlossen werden. Das gesamte Land ist in Aufruhr.

Eine katholische Kirche in Polen, die fast leer ist. Die Zahl der Gläubigen, die Sonntags in die Messe geht, liegt Umfragen zufolge bei nur 40 Prozent. Und das, obwohl sich der Großteil der Polen zu dieser Konfession bekennt. Die Geistlichen hoffen jetzt, dass durch das Handelsverbot am Sonntag, das das Parlament gerade beschlossen hat, wieder mehr Polen an den Messen teilnehmen. Foto: iStock © kulicki

von Sebastian Becker

„Das Verbot des Sonntagshandels ist ein Schritt in die richtige Richtung“, freute sich Erzbischof Wiktor Skworc. „Wir müssen unsere Gläubigen mobilisieren, diesen Tag wieder zu leben und zu ehren“, sagte der Geistliche im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur KAI.

Damit mischte sich der Erzbischof direkt in den Streit um das Verbot des Sonntaghandels ein, das das polnische Parlament gerade beschlossen hat. Die Kirche, Gewerkschaften, Unternehmen, aber auch die Konsumenten ereifern sich derzeit in Polen über das neue Gesetz, das die stufenweise Einführung des Verbots vorsieht. Ab dem 1. März 2018 sollen jeweils am ersten und letzten Sonntag im Monat die Geschäfte geschlossen sein. Erst ab 2020 gilt das Verbot uneingeschränkt.

PiS handelt unter dem Druck der Kirche und der Gewerkschaften

Die PiS setzt damit ein Wahlversprechen um, das sie der Kirche und den Gewerkschaften während des Wahlkampfes im Herbst 2015 gegeben hat. Die Partei vertritt nicht nur die Interessen des Klerus, sondern auch große Teile der Arbeitnehmervertretung der alten Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“. „Es kann nicht sein, dass eine Million Arbeitnehmer gezwungen werden, am Sonntag zu arbeiten“, brach der PiS-Abgeordnete Adam Abramowicz eine Lanze für seine Wähler.

Hintergrund: Der Handel ist in Polen ein Wirtschaftszweig, der pro Jahr zwischen 15 und 16 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beisteuert. Das berichtet das Statistische Hauptamtes GUS. Damit werden insgesamt zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen, wie aus einer Studie des Finanzinstituts DNB und des Beratungsunternehmens Deloitte hervorgeht. Die Fachleute gehen davon aus, dass in den Branchen, die damit verbunden sind, noch einmal 1,6 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind.

Dabei dominieren die großen internationalen Handelsketten den Markt. Auf dem ersten Rang liegt die polnische Tochter des portugiesischen Konzerns Jeronimo Martins (JM), der die Kette Biedronka (deutsch: Käfer) führt. Mit 43,5 Milliarden Złoty (10,3 Mrd. Euro), die das Unternehmen 2016 umgesetzt hat, sogar der zweitgrößte Konzern in ganz Polen.

Auf dem zweiten und dritten Platz befinden sich der deutsche Händler Lidl mit 14 Milliarden Złoty (3,3 Mrd. Euro) und die britische Tesco mit 10,83 Milliarden Złoty (2,6 Mrd. Euro). Die Metro folgt gleich danach auf dem vierten Rang. Ihr Erlös von 10,76 Milliarden Złoty (2,6 Mrd. Euro) ist nur geringfügig kleiner als der Umsatz der britischen Konkurrenz.

Für die Händler macht sich die liberale Opposition von der PO stark. „Die Unternehmen erzielen hier fast 20 Prozent ihres gesamten Erlöses“, rechnete die Abgeordnete Katarzyna Mrzygłocka von der PO vor. „Folglich werden sich die Geschäfte der Handelsfirmen durch das Verbot sehr schnell verschlechtern“, kritisierte die Politikerin. Dies wird ihren Aussagen zufolge ebenso dazu führen, dass der polnische Staat weniger Steuern einnimmt.

Mit starken Konsequenzen rechnet auch die Unternehmervereinigung Polska Rada Centrów Handlowych (PRCH). Ihren Prognosen zufolge werden durch das Handelsverbot 36.400 Arbeitnehmer ihren Job verlieren.

Kein klares Bild bei den Umfragen unter den Konsumenten

Die Umfragen unter den Konsumenten geben hingegen kein einheitliches Bild. Das Meinungsforschungsinstitut CBOS kommt zu dem Ergebnis, dass sich 58 Prozent der Befragten ein solches Verbot unterstützen. 37 Prozent sind dagegen, der Rest hat hingegen keine Meinung. Für das wissenschaftliche Institut Kantar TNS zeichnet sich allerdings ein komplett anderes Bild. Ihren Umfragen zufolge sind 71 Prozent der Konsumenten gegen das Verbot, der Rest dafür.

Von dem Gesetz ist auch der Internethandel betroffen, der einen wichtigen Teil des Marktes kontrolliert. Derzeit gibt es rund 20.000 Internetshops- und portale. Ihre Umsätze betrugen im vergangenen Jahr rund 40 Milliarden Złoty (9,5 Milliarden Euro). Für sie macht sich Waldemar Nowakowski stark, der Vorsitzende der polnischen Händlervereinigung Polska Izba Handlu (PIH).

Der Funktionär kritisiert viele Formulierungen im Gesetzesentwurf, die aus seiner Sicht nicht klar sind. „Eine Frage ist, ab wann es denn zu einem Handel am Sonntag kommt“, so der Vertreter der PIH, die rund 30.000 Handelsfirmen vertritt. „Wenn die Ware bestellt oder wenn sie tatsächlich bezahlt wird“, sagte der PIH-Chef.

„Wenn das Gesetz in seiner jetzigen Form eingeführt wird, könnte dies eine finanzielle Belastung für die Firmen bedeuten, die zur Schließung der Unternehmen führt“, mahnte Nowakowski. „Die Lösungen, die der Gesetzesentwurf enthält, dürfen nicht dazu führen, dass die polnischen Unternehmer dazu gezwungen werden, ihren Betrieb einzustellen.“

Hier können Sie lesen, wie die anderen Länder ihre Ladenöffnungszeiten geregelt haben.

Dieser Beitrag erscheint zunächst in OstContact 12/2017.

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