Kreativer werden und Innovation stärken

Hongkongs Wirtschaft wächst dieses Jahr sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, sich zurückzulehnen und darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren? Eher nicht. Hongkong muss kreativer werden und mehr Raum für Innovation schaffen.

Von Peter Tichauer

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?
Die Hongkonger sind wieder konsumfreudiger: Die Realeinkommen sind im vergangenen Jahr um zwei Prozent gestiegen. © Starcevic

Gründe für Zuversicht gibt es ausreichend. Im zu Ende gehenden Jahr hat sich die Hongkonger Wirtschaft beachtlich „geschlagen“, besser als Anfang 2017 noch prognostiziert. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt 2016 um „nur“ zwei Prozent zulegen konnte, rechnen Hongkonger Ökonomen in diesem Jahr mit einer Verdopplung des Zuwachses der Wirtschaftsleistung. Immerhin ist die Wirtschaft im ersten Halbjahr 2017 im Jahresvergleich um vier Prozent gewachsen. Die sichtliche Erholung auf den Weltmärkten und die wieder zunehmende internationale Nachfrage, der in den vergangenen Monaten gestiegene Absatz von Smartphones, von dem die zu 60 Prozent durch Elektronik-Erzeugnisse dominierten Hongkonger Exporte profitierten, sowie die robuste Entwicklung auf dem chinesischen Festland sind alles Faktoren, die das Wachstum anfeuern. Aber auch der Binnenkonsum entwickele sich positiv, so der Chefökonom beim Hong Kong Trade Development Council, Billy Wong. Die Hongkonger würden wieder mehr ausgeben, stellt er fest, denn die realen Einkommen seien in den vergangenen zwei Jahren um zwei Prozent gestiegen. Ja, Billy Wong gibt zu, dass die Steigerung der Gehälter mit dem Wirtschaftswachstum nicht Schritt halte, „doch es ist immerhin ein höherer Zuwachs der verfügbaren Einkommen als noch vor einigen Jahren“. Ein gutes Zeichen sei dies.

Wolfgang Ehmann, Executive Director der German Industry and Commerce Ltd. in Hongkong, meint allerdings zurückblickend, dass sich die Wirtschaft der Stadt in den vergangenen Jahren immer stabil entwickelt habe. Lege das Bruttoinlandsprodukt nun um dreieinhalb anstatt drei Prozent zu, sei es umso besser. Für die Bewertung des Standortes Hongkong habe das aber keine Relevanz. Er verweist auf die gewaltigen Infrastrukturvorhaben (in der Stadt, die zum großen Teil für das Wachstum sorgen, den weiteren Ausbau des Flughafens, die Brücke zwischen Hongkong, Macao und Zhuhai oder die Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Hongkong und Kanton, die im dritten Quartal des kommenden Jahres in Betrieb genommen werden soll und damit Hongkong an das gesamtchinesische Highspeed-Eisenbahnnetz anbindet. Das seien Faktoren, die wichtiger sind.

Messekapazitäten sollen ausgebaut werden

So sieht es auch Wendy Lai. Sie ist Vizepräsidentin der Hongkonger Messegesellschaft Global Sources und Stellvertretende Vorsitzende der Hong Kong Exhibition and Convention Industry Association, einer Vereinigung von rund 100 Messegesellschaften, die in Hongkong ansässig sind oder in der Stadt Messen organisieren. Mit diesen Infrastrukturvorhaben werde Hongkong als Teil der Hongkong, Macao und die südchinesische Provinz Guangdong umfassende „Greater Bay Area“ seine strategische Bedeutung weiter stärken. Auch als Messeplatz.

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?
Hongkongs Bruttoinlandsprodukt hat 2016 „nur“ zwei Prozent zugelegt. Für 2017 rechnen Hongkonger Ökonomen mit einer Verdopplung des Zuwachses der Wirtschaftsleistung. © Foto: iStock © Nikada

Messen und Konferenzen sind eine der traditionellen Säulen der Hongkonger Wirtschaft, wobei Wendy Lai einschränkt: „Bei Konferenzen haben wir noch viel nachzuholen.“ Singapur, mit dem sich Hongkong gern vergleicht, habe da deutlich bessere Karten, aber auch Macao mit seinen gewaltigen Hotelkomplexen. Dafür sei aber Hongkong als Messeplatz in der Region unschlagbar, insbesondere für Beschaffungsmessen. Noch.

Denn die Messekapazitäten platzen aus allen Nähten. Global Sources veranstaltet beispielsweise in der Asia World Expo am Flughafen eine Elektronik-Messe. „Die dort zur Verfügung stehenden 70.000 Quadratmeter reichen längst nicht mehr aus“, sagt Wendy Lai, „wir können nicht weiter wachsen.“ Die Lösung ist eine Aufteilung auf zwei Veranstaltungen. „Das ist nicht optimal.“ Müssen sich denn alle Messen auf jeweils zwei Monate im Frühjahr und im Herbst konzentrieren? „Der Zyklus in der Beschaffung kann nicht von Messeveranstaltern beeinflusst werden“, sagt Wendy Lai darauf ganz klar und fügt an, dass die Asia World Expo über das Jahr gerechnet zu 50 Prozent ausgelastet sei, das Hong Kong Exhibition and Convention Centre in Wanchai sogar zu nahezu 100 Prozent. „Wir brauchen neue Flächen“, fordert die Vereinigung der Messeveranstalter schon seit Jahren. Denn für die Messeveranstalter ist klar: Hongkong soll die Messe-Hauptstadt in Asien bleiben. Mit Beschaffungsmessen, mit Luxusgütern und technologischen Entwicklungen, aber auch neuen Themen rund um Ökologie, gesunde Ernährung und gehobene Gastronomie sowie Kunst. Dabei steht der Messeplatz sowohl in Konkurrenz zu Standorten auf dem chinesischen Festland, aber auch mit Ländern wie Thailand, Indien, Vietnam oder Indonesien, wo Messekapazitäten „aggressiv ausgebaut werden“.

Mit den beiden Messegeländen in Wanchai und am Flughafen hat die Stadt insgesamt 150.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Vor zwei Jahren hat laut Wendy Lai die Regierung „endlich“ eine Untersuchung in Auftrag gegeben, der zufolge in der Stadt bis 2028 weitere 132.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche benötigt werden. Im Oktober hat die Hongkonger Regierungschefin angekündigt, dass in Wanchai drei alte Regierungsgebäude abgerissen werden sollen, sodass für das Hong Kong Exhibition and Convention Centre zusätzliche 23.000 Quadratmeter entstehen. Zudem wird nahe der Messe die Station Expo der neuen U-Bahn-Verbindung zwischen Shatin in den New Territories und Central gebaut, über der ein Konferenzzentrum mit 5.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche gebaut wird. Außerdem soll die Asia World Expo weitere 53.000 Quadratmeter Messefläche hinzubekommen. „Wenn die Pläne so umgesetzt werden, haben wir zwar noch nicht den prognostizierten zusätzlichen Bedarf zur Verfügung“, sagt Wendy Lai, „wir stehen dann aber immerhin besser da als heute.“ Auf die Frage, ob Messegesellschaften wie Global Sourcing in Hongkong nicht auch eigene Messezentren bauen könnten, sagt Wendy Lai erst einmal nichts, dann „Wow“, dann wieder nichts. Darüber habe sie sich bisher noch keine Gedanken gemacht, meint sie schließlich, findet den Vorschlag aber nachdenkenswert. „Das Problem sind allerdings die Landnutzungsrechte“, über die die Regierung sehr rigide entscheide.

Virtuelle Messen als Zukunft?

Die Frage ist, ob es nicht auch Alternativen zu den traditionellen Messen gibt. Immerhin stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Etappe der industriellen Revolution, die von der Digitalisierung geprägt ist. Das müsste sich doch auch im Messegeschäft niederschlagen. Wendy Lai erinnert sich, dass bereits Anfang dieses Jahrhunderts darüber diskutiert wurde, ob traditionelle Messen durch virtuelle ersetzt werden, dem Internet sei Dank. Heute sind wir in der Entwicklung bereits einen Schritt weiter und allerorts wird vom Durchbruch der virtuellen Realität gesprochen. Hier und da spekulieren Messeveranstalter sogar schon darüber, dass in nicht so ferner Zukunft die Einkäufer nur noch virtuell erscheinen werden. Von diesen Spekulationen hält Wendy Lai allerdings nicht viel. Sie glaubt, auch in Zukunft entscheide der persönliche Kontakt, die Interaktion zwischen den Menschen über erfolgreiche Geschäfte.

Durchschnittliche Einnahmen pro Messe 2016

Hongkong: 5,9 Mio. US$
China: 3,2 Mio. US$

Messefläche

Hongkong: 150.000 m2
China: 5.700.000 m2

Es gehe um Vertrauen, das zwischen Käufer und Verkäufer aufgebaut und gepflegt werden müsse. „Und gerade im B2B-Geschäft verzichten viele Unternehmen darauf, ihre neuesten Produkte online zu präsentieren, um ihr geistiges Eigentum besser zu schützen“, stellt Wendy Lai fest und fügt an, dass heutzutage viele Aussteller ihre Neuheiten auf Messen in „privaten Räumen“ präsentieren, die ausschließlich eingeladenen Kunden offenstehen.

Bei Messen gehe es zudem auch nicht nur um Kaufen oder Verkaufen. Es gehe auch um die Pflege von Netzwerken unter den Fachbesuchern, um das Erkennen von Trends und Geschäftsmöglichkeiten. „Für europäische Einkäufer ist beispielsweise interessant, was die Kollegen aus Australien ordern und warum, und umgekehrt.“ All das gehe im Cyber­space nicht. Wohl müsse aber die virtuelle Infrastruktur in den Messegeländen weiter verbessert werden, um den Anforderungen von Ausstellern und Einkäufern gerecht zu werden.

Mehr in Innovation stecken

Die Frage, wie Hongkong auf die neue Etappe der industriellen Entwicklung reagieren soll, treibt auch den Analysten Billy Wong um. Jeder in Hongkong denke darüber nach, wie sich Hongkong in der „neuen Welt“ positionieren soll, meint er. Messen und Handel sind eine der „Säulen“, auf die sich die Hongkonger Wirtschaft stützt. Dienstleistungen, Finanzwirtschaft, Logistik sind weitere. Hongkong müsse seine Wirtschaft weiter diversifizieren, so der Ökonom, und sich dabei unter anderem von den Möglichkeiten leiten lassen, die die Initiativen der chinesischen Zentralregierung bieten. „Made in China 2025“ ist eine. Höhere Wertschöpfung in der chinesischen Industrie ist nicht nur für die wirtschaftliche Zukunft des chinesischen Festlandes von Bedeutung, sondern bietet auch Hongkong neue Möglichkeiten. Billy Wong sieht da unter anderem die Rolle Hongkongs als Plattform für die Beschaffung moderner Technologien.

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?
Nahe dem Hong Kong Exhibition and Convention Centre sollen alte Regierungsgebäude abgerissen werden, um das Messegelände zu vergrößern. © iStock © ake1150sb

Gleichzeitig müsste Hongkong mit seinen Bemühungen, zu einem Innovationszentrum zu werden, das unter anderem technologische Entwicklung in chinesischen Unternehmen unterstützt, Ernst machen. Immerhin hat Regierungschefin Carry Lam in ihrer ersten Regierungserklärung vor wenigen Wochen angekündigt, den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttosozialprodukt in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln. Im kommenden Jahr soll er ein Prozent ausmachen. Carry Lam ist nicht die erste, die auf Innovation setzt. Schon ihr Vorgänger hatte ein Regierungsbüro eingerichtet, das Strategien für mehr Innovation entwickeln soll. Wolfgang Ehmann ist eher skeptisch, ob es gelingt, Innovationsentwicklung für die Realwirtschaft nach Hongkong zu holen. Die Stadt habe zum angrenzenden Shenzhen, das einer gerade veröffentlichten Studie der HSBC zufolge die innovativste Stadt Chinas ist, einen klaren Wettbewerbsnachteil. Industrienahe Forschung und Entwicklung muss eben auch industrienah sein, um die Überführung der Entwicklungen in die Produktion sichern zu können. Eine Industriebasis hat Hongkong schon lange nicht mehr, und es ist eher unwahrscheinlich, dass diese wieder in irgendeiner Form entsteht. Für Wolfgang Ehmann ist daher klar, dass sich Hongkong eher auf Innovationen konzentrieren muss, die den „Säulen“ neue Impulse verleihen. Fin-Tech-Entwicklungen und E-Commerce seien das unter anderem. Wolfgang Ehmann kann sich noch vorstellen, dass Hongkong für Entwicklungen von Roboterlösungen für das Bauen ein guter Ort ist. Und er fragt: „Wenn Hongkong schon von Innovation spricht, warum wird da nicht an Verkehrslösungen und -leitsysteme gedacht?“ Für Hongkong zunächst.

Billy Wong ist dagegen hinsichtlich des innovativen Potenzials, das seine Stadt auch für die Realwirtschaft bieten kann, weit optimistischer. Er meint, „Industrialisierung“ müsse neu definiert werden. Rund um Technologie und Industriedesign gebe es ausreichende Chancen, die die Jugend nur ergreifen müsse. Wellington Fung, Generalsekretär des Hong Kong Film Development Councils, sagt dazu: „Design ist ein Lebensstil, den es zu pflegen gilt.“ Dazu müsse die Jugend bereit sein, „Schubladen“ zu verlassen und neu zu denken. „Wir reden viel über sogenannte soziale Mobilität“, sagt Billy Wong, „und verstehen darunter, auf der sozialen Leiter immer höher zu steigen.“ Es dürfe aber nicht ausschließlich um das Höhersteigen gehen. Gebraucht würde eine Bereitschaft, von einem Bereich in den anderen zu wechseln. Anja Chia, die seit vielen Jahren in Hongkong lebt und derzeit mittelständische Unternehmen beim Aufbau von Beschaffungsgeschäften unterstützt, stellt fest, dass der jungen Hongkonger Generation die „Wir-können-das“-Mentalität verlorengegangen ist, die von der Elterngeneration noch gelebt wurde. Die Erkenntnis, dass Hongkonger inzwischen nicht mehr besser sind als Festlandchinesen und letztere den Hongkongern zu Konkurrenten werden, führt zu Unzufriedenheit und möglicherweise Lähmung. „Es ist eben bitter, vom ‚armen Cousin‘ überholt zu werden“, sagt Anja Chia, die nach wie vor an den sprichwörtlichen Hongkonger Geist glaubt.

Kreativität stärken

An den glaubt auch Wellington Fung. Sein Credo, das er der Jugend vermittelt, ist: „Sei kreativ, wenn Du mit der Gegenwart nicht zufrieden bist.“ Das meint er im übertragenen Sinne auch für Hongkong als Ganzes, das mit der Entwicklung der sogenannten Kreativwirtschaft das Abwandern der Industrie nach der Öffnung des chinesischen Festlandes für ausländische Investoren kompensieren will. Film, Fernsehen, Musik, Design, Architektur, Publizistik und Druck, digitale Unterhaltung und Werbung – das sind die Bereiche, die besonders gefördert werden und in denen Hongkong nach Ansicht von Wellington Fung in Asien eine führende Rolle übernehmen muss. Selbstverständlich sieht er in diesem Bereich auch einen zunehmenden Wettbewerb durch chinesische Unternehmen. Junge Start-up-Firmen auf dem Festland setzen zunehmend auch international Maßstäbe in Sachen Kreativität und Design. „Das kann uns nur antreiben“, meint er und nimmt Bezug zu dem Schubladen-Bild, das Billy Wong verwendet hat: Die Aufgabe der Gesellschaft müsse es sein, deutlich zu machen, dass in der Kreativwirtschaft Engagierte keine andere Zukunft als Banker oder Rechtsanwälte haben. Es gehe auch um den sozialen Status, der viele junge Menschen – vermutlich auch auf Druck der Familien – davon abhalte, in Bereiche der Kreativwirtschaft zu gehen. Mit Programmen zur Förderung von Talenten müsse die Regierung den „Boden pflügen“. Die Inkubatoren-Programme für neue Unternehmen mit neuen Geschäftsideen richteten sich allerdings an Bürger mit Hongkonger Aufenthaltsstatus, denen es aber freistehe, auch ausländische Partner mit ins Boot zu holen. Für seinen Bereich sagt er ganz konkret, dass die Regierung noch mehr Filmproduktionen finanzieren sollte. Auch dadurch entstünden neue Arbeitsmöglichkeiten. Noch sei der Anteil, den die Kreativwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt mit fünf Prozent zu gering, glaubt Wellington Fung, der jedoch zufrieden ist, dass die kreativen Branchen heute zwei Prozentpunkte mehr zur Wirtschaftsleistung beitragen als das vor knapp zehn Jahren noch der Fall war.

Hongkongs Filmindustrie hat schon mal bessere Zeiten erlebt. In den 1980er-Jahren war die Stadt einer der wichtigsten Orte für asiatische Filmproduktionen. „Mit Action- und Kungfu-Filmen“ sei es einfach gewesen, den Markt zu durchdringen. Schauspieler wie Jacky Chan, Jet Li oder Donnie Yan haben den Hongkonger Film-Ruf in alle Winkel der Welt getragen. Auf dem Höhepunkt der Erfolgswelle Mitte der 1990er-Jahre wurden in den Studios der Stadt mehr als 200 Filme im Jahr gedreht. „Danach ging es bergab“, sagt Wellington Fung, der selbst auch Filmproduzent war. „Wo nur noch der Menge hinterhergejagt wird, geht die Qualität verloren. In den Filmen gab es wenig Neues, Dialoge und Handlungen wurden kopiert.“ Hinzu kamen der Video-Boom und Ende 2002, Anfang 2003 die SARS-Epidemie. Keiner ging mehr in die Kinos.

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?
Durch enge Kooperation mit dem chinesischen Festland hat Hongkongs Filmindustrie die Chance zur Wiedergeburt. © Hong Kong Film Development Council

Inzwischen sieht die Branche wieder besseren Zeiten entgegen und profitiert vor allem von der engeren Kooperation mit dem Festland im Rahmen der Vereinbarung über engere wirtschaftliche Partnerschaft CEPA, die in Hongkong ansässigen Unternehmen aus den verschiedenen Branchen einfacheren Marktzugang in China ermöglicht hat. So auch den Filmproduzenten, die davon profitieren, dass Chinas Kinomarkt derzeit jährlich um 20 Prozent wächst. Lagen die Einnahmen an den chinesischen Kinokassen vor dem Jahr 2000 noch bei etwa einer Milliarde Yuan per anno, waren es allein im vergangenen Jahr vierzigmal so viel. „Zu den ‚goldenen Zeiten‘ werden wir wohl nicht mehr zurückkehren“, meint Wellington Fung, „durch die Kooperationen mit China haben wir aber die Chance zur Wiedergeburt des Hongkonger Films.“ 61 wurden im vergangenen Jahr gedreht, und der Film­enthusiast nennt sie die „neuen Hongkonger Filme“, die mehr als nur Kungfu zeigen.

Wellington Fung ist aber nicht nur die Wiedergeburt des Hongkonger Films wichtig. Er sieht Hongkong auch als Drehscheibe für internationale Produzenten, die vom chinesischen Kino-Boom profitieren wollen. Der „Filmart“, die jeweils im Frühjahr stattfindende Internationale Hongkonger Messe für Film und Fernsehen, ist inzwischen nach dem Filmfestival in Cannes zur zweitwichtigsten Plattform für den Handel von Film- und Fernsehproduktionen geworden.

Know-how für die Seidenstraße

Handfester geht es dagegen bei der MTR Corporation, dem Hongkonger Betreiber des innerstädtischen Schienenverkehrsnetzes zu. Vor 40 Jahren wurde das Unternehmen gegründet und 1979 wurde die erste U-Bahn-Linie in der Stadt in Betrieb genommen. Zwölf Linien sind es heute, die auf eine Gesamtlänge von 230 Kilometern kommen. Im Bau sind drei weitere Verbindungen: Die Highspeed-Verbindung nach Kanton wird im 3. Quartal 2018 dem Verkehr übergeben, die 43 Kilometer lange Verbindung zwischen Shatin und Central ein Jahr später und 2021 folgt dann noch eine weitere Verbindung unter dem Hongkonger Hafen. Heute liegen 90 Prozent des öffentlichen Nahverkehrs Hongkongs in den Händen der MTR, sagt der Präsident der MTR Academy, Morris Cheung. Anders als europäische Gesellschaften, die U-Bahnen oft nur betreiben, ist die MTR ein Konglomerat, das die U-Bahnen baut, betreibt und wartet und gleichzeitig auch die Immobilien an den Stationen unterhält. Synergien zwischen Schienenverkehr und der Nutzung von Immobilien nutzt Hongkong in idealer Weise: Laut Morris Cheung werden 35 Prozent der Gewinne durch die Vermietung der Immobilien erwirtschaftet, 38 Prozent durch Vermietung von Werbeflächen in den Stationen und nur sechs Prozent durch den Transport. Dass die Gesellschaft auch Shareholder des Betreibers der Octopus-Card ist, über die längst nicht mehr nur die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln bezahlt werden, sei, so der Akademie-Chef, eine strategische Entscheidung, die für den gesamten öffentlichen Nahverkehr in Hongkong von Bedeutung ist.

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?
Know-how bei Bau und Betrieb innerstädtischer Schienenverbindungen will die MTR Corporation auch entlang der Seidenstraße vermitteln. © iStock © aluxum

Die Akademie wurde vor einem Jahr gegründet, denn die MTR Corporation sieht mit der chinesischen Seidenstraßen-Initiative neue Möglichkeiten, um das internationale Geschäft auszubauen. In der Akademie, die zu einem „führenden Institut für Schienenverkehr“ werden soll, werden Experten für den Betrieb von schienengebundenen Verkehrslösungen aus- und weitergebildet, vornehmlich aus Ländern entlang der Seidenstraße. Laut Morris Cheung werden die Programme für die jeweiligen Betreiber entsprechend den konkreten Bedingungen „maßgeschneidert“. „Wir wollen zu Lösungen für mehr Effizienz und höhere Qualität im Service beitragen.“ Von den 68 offiziellen Seidenstraßen-Ländern plant knapp die Hälfte auch den Bau von U-Bahnen. Und die Akademie sieht die Chance, bei der Entwicklung von Standards für Projekte, die von öffentlicher und privater Hand finanziert und betrieben werden, Standards zu entwickeln und zu setzen. Selbstverständlich wird eine große Gruppe der Auszubildenden aus China kommen. Allein mit den in den kommenden fünf Jahren geplanten U-Bahn-Projekten wird sich die Gesamtlänge des Streckennetzes verdoppeln. „Sie können sich vorstellen, welcher Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften besteht.“ Und dabei sind noch nicht einmal die neuen Hochgeschwindigkeits- und Regionalverbindungen berücksichtigt.

Die MTR Corporation ist längst nicht mehr nur eine Hongkonger Gesellschaft. Schon im Jahr 2000 wurde das Unternehmen an der Hongkonger Börse gelistet. 24 Prozent der Aktien halten heute internationale stille institutionelle Investoren. Auf dem chinesischen Festland betreibt die MTR in Hangzhou eine Linie, in Shenzhen zwei und in Peking sogar vier U-Bahn-Linien. Das sind alles Vorhaben, die als öffentlich-private Partnerschaften realisiert wurden. Auch in Australien und Europa ist das Unternehmen unterwegs, „dort allerdings nur in Märkten, die dereguliert sind“. Das sei in Großbritannien der Fall und ebenso in Schweden, wo die MTR in Stockholm die U-Bahn mit einer Gesamtlänge von 110 Kilometern betreibt. „In Stockholm sind wir der viertgrößte Arbeitgeber“, erzählt Morris Cheung.

Die Frage, ob für die MTR auch Betreibermodelle in den Seidenstraßen-Ländern denkbar sind, beantwortet der Akademie-Chef etwas zurückhaltend. Öffentlich-private Partnerschaften könnten durchaus machbar sein, meint er, aber es müsse genau geprüft werden, ob sich die Risiken in Grenzen halten und Gewinne erwirtschaftet werden können. „Bisher gibt es das Umfeld noch nicht her.“

Hongkongs Wirtschaft wächst sehr robust. Ist das ein Grund für die Stadt, darauf zu vertrauen, dass die alten Modelle auch künftig funktionieren?

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 12/2017 erschienen.

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