Missverständnisse, ja – Entfremdung, nein

Der russische Botschafter Wladimir Grinin geht Anfang 2018 in den Ruhestand. Wir sprachen mit ihm über die bilateralen Beziehungen in den letzten sieben Jahren. 

Wie haben sich die deutsch-russischen Beziehungen auf politischer sowie auf wirtschaftlicher Ebene seit 2010 entwickelt
„Wir sind bereit zu allem, sei es im wirtschaftlichen Bereich, im politischen, im militärischen“ – Wladimir Grinin. Foto: OWC / Michael Farkas

Herr Grinin, Sie sind seit 2010 Botschafter in Deutschland. Wie haben sich die deutsch-russischen Beziehungen auf politischer sowie auf wirtschaftlicher Ebene seither entwickelt?

Grinin: Als ich vor sieben Jahren hierher kam, waren die Beziehungen auf ihrem Höhepunkt. Wir haben damals an der Weiterentwicklung der strategischen Partnerschaft gearbeitet. Öffentlich wurde das als Modernisierungspartnerschaft präsentiert. Wir haben viel getan, hatten mit der EU mehr als 20 substanzielle Dialoge geführt. Zumindest bis Ende 2012, wo es zu dem Beschluss des Bundestags kam, der all diese Ideen auf Eis legte. Später kam es zu der Ukraine-Krise und zu deren Verschärfung durch den Staatsstreich Anfang 2014 in Kiew. Hinter all dem stand der Westen, der dann selbstverständlich Russland für alles verantwortlich gemacht hat. Auf der westlichen Seite wurden dann Sanktionen gegen Russland eingeführt, auch seitens Deutschlands. Dadurch kam es zu einer großen Reduktion unserer Beziehungen, vor allem im politischen Bereich. Wir haben aber trotzdem eine ziemlich feste Basis für unsere Beziehungen aufgebaut und die existiert nach wie vor. Sie besteht vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Medizin, gewissermaßen in der Landwirtschaft und sehr stark im Bereich Kultur – bei Jugendlichen auf allen Ebenen und in verschiedenen Formaten. Ich glaube, das ist das, was wir weiter verfestigen müssen, wenn wir wollen, dass Deutsche und Russen ihre Zusammenarbeit fortsetzen und ihre Beziehungen verbessern.

Sie waren 1973 zum ersten Mal in Bonn im Diplomatischen Dienst. Sehen Sie Parallelen zu der Ost-West-Lagerbildung zur Zeit des Kalten Krieges?

Grinin: Natürlich waren wir damals im sogenannten Kalten Krieg. Aber trotzdem habe ich mich in Westdeutschland gut gefühlt. Meine Kontakte hatten mich überzeugt, dass die Leute doch auf die Verbesserung dieser Beziehungen eingestellt sind. Es war die Zeit der großartigen Brandtschen Friedens- und Versöhnungspolitik. Wir hatten eine sehr positive Stimmung, und mit den Beziehungen ging es aufwärts. Wir müssen uns alles mit offenen Augen anschauen. Deutschland ist für uns ein sehr wichtiger Partner. Die politische Atmosphäre ist zwar sehr schlecht, aber ich verliere nicht die Hoffnung, dass wir doch endlich zu mehr Vernunft und zur Verständigung kommen.

Wie haben sich die deutsch-russischen Beziehungen auf politischer sowie auf wirtschaftlicher Ebene seit 2010 entwickelt
Der russische Botschafter Wladimir Grinin geht Anfang 2018 in den Ruhestand. Foto: OWC

Wie sehen Sie die wirtschaftlichen Beziehungen derzeit? 

Grinin: 2012 war ein Rekordjahr für uns. Damals betrug die Handelsbilanz zwischen Deutschland und Russland etwa 80 Milliarden Euro. 2016 war sie bis auf 48 Milliarden gefallen. Dieses Jahr hatten wir während der ersten sieben Monate eine Zunahme des bilateralen Handelsvolumens um 27,5 Prozent auf 33,1 Milliarden Euro im Vergleich zum ähnlichen Vorjahreszeitraum. Das ist ein fantastisches Ergebnis und gibt mir Hoffnung, dass es im Handel weiter nach oben geht.

Wenn man mit deutschen KMU in Russland spricht, ist der Tenor in der Tat positiv, was die Entwicklung der Rahmenbedingungen angeht – auch wenn es natürlich Kritik gibt. Das Bild, das aber auch viele Unternehmer in Deutschland haben, ist sicher ein anderes. Was kann Moskau machen, damit sich dieses Bild in Deutschland verbessert? 

Grinin: Es geht wie gesagt darum, dass die Kontakte der Deutschen und Russen miteinander sehr stark reduziert wurden. Zwar kam es nicht grundsätzlich zu negativen Änderungen, zu einer Entfremdung, aber trotzdem zu der Entstehung vieler Fragen, Un- und Missverständnisse. Zudem gibt es eine explosionsartige Zunahme der Wirkung der Massenmedien, die der deutschen Bevölkerung Dinge erzählen, die es überhaupt nicht gibt. Sie wiederholen immer wieder Geschichten aus den amerikanischen Medien, etwa über unsere „Hacker“.

Nach fast 50 Jahren im Diplomatischen Dienst steht für Sie Anfang nächsten Jahres der Ruhestand an. Was sind Ihre Pläne danach?

Grinin: Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir Russen und Deutsche uns besser verstehen. Das werde ich nie aufgeben. Aber auf welche Art und Weise, da müssen Sie mir ein bisschen Zeit geben.

Herr Botschafter Grinin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

            Das Interview führten Ulf Schneider und Patrick Bessler.

Lesen Sie das ganze Interview mit Botschafter Wladimir Grinin jetzt im Deutsch-Russischen Wirtschaftsjahrbuch 2017/2018.

 

            Das Interview führten Ulf Schneider und Patrick Bessler.