Die neue Speisekammer der EU?

Früher Kornkammer der Sowjetunion, in Zukunft der EU? Die Ukraine hat mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden und ihren riesigen Agrarflächen die beste Ausgangslage, führender Agrarproduzent und -exporteur zu werden. Doch bis dahin gibt es noch einiges zu tun.

von Elena Matschilski

Die Ukraine hat mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden und ihren riesigen Agrarflächen die beste Ausgangslage, führender Agrarproduzent und -exporteur zu werden.
Viel Potenzial: Fruchtbare Böden und günstige klimatische Bedingungen zeichnen den Agrarstandort Ukraine aus. Foto: iStock © valio84slV

Die Landwirtschaft in der Ukraine war schon immer stark. Nicht umsonst galt sie als Kornkammer der Sowjetunion. Das Land verfügt über günstigste klimatische und geografische Bedingungen – seine Schwarzerdeböden sind die fruchtbarsten und ertragreichsten der Welt. Schon heute gehört die Ukraine zu den führenden Agrarproduzenten und -exporteuren (siehe Grafik). Und sie arbeitet daran, ihre Position auf dem Weltmarkt weiter zu verbessern.

So ist der weltweite Export ukrainischer Agrarwaren nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums im ersten Halbjahr 2017 gut gewachsen – um ein Drittel auf 7,3 Milliarden Euro – ein sattes Plus gegenüber dem Vorjahresergebnis. Gefragt waren die Produkte vor allem in Asien (30,4%), der EU (31,8%) und Afrika (17,9%). Der Handelsumsatz mit der EU liegt bei 3,2 Milliarden Euro. Die wichtigsten Partner waren die Niederlande, Spanien, Italien, Polen, Frankreich und Deutschland. „Diese Zahlen sind hervorragende Zwischenergebnisse“, kommentierte die stellvertretende Agrarministerin Olga Trofimtseva die Halbjahresergebnisse. „Zunehmend finden auch verarbeitete Produkte mit höherer Wertschöpfung und Nischenwaren ihren Weg auf internationale Märkte.“ Dies sei ein positives Signal.

Gutes Fundament

Dass die Ukraine die Voraussetzungen erfüllt, um ein globaler Agrar-Player zu werden, zeigen ihre landwirtschaftlichen Eckdaten. 70 Prozent der ukrainischen Landesfläche oder 41,5 Millionen Hektar sind Agrarland. Das sind 15 Prozent der Gesamtagrarfläche von Europa, 21 Prozent von Osteuropa oder 23 Prozent der EU-28. Der fruchtbare Schwarzerdeboden, der 56 Prozent der Fläche der Ukraine bedeckt, ist der wichtigste Weizenboden der Erde. Die guten Eigenschaften sind auf eine hohe Nährstoffaustausch- und Wasserkapazität zurückzuführen. Ebenfalls wirken sich das große Porenvolumen und somit eine gute Durchlüftung positiv auf das Wachstum von Pflanzen aus. Das macht die Ukraine zu einem wichtigen Anwärter auf die Rolle der Speisekammer der EU.

Und mit einem Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt von 18 Prozent oder 640 Milliarden Hrywnja (21 Mrd. EUR) im Jahr 2016 – und das mit steigender Tendenz – ist die Branche Motor der Wirtschaft, was aber auch daran liegt, dass andere Sektoren zu schwach entwickelt sind. Zum Vergleich: In Deutschland trägt die Branche 0,6 Prozent des BIP bei, in Spanien 2,6 Prozent und in den Niederlanden 1,8 Prozent. Ihr Anteil am Gesamtexport lag 2016 bei 42 Prozent oder rund 13 Milliarden Euro.

Zudem verzeichnet das Land seit Jahren Rekordernten – mit Ausnahme eines Rückgangs im Jahr 2015 (2014: 63,8 t; 2015: 60 t), auch bedingt durch den bewaffneten Konflikt im Osten der Ukraine. Zwischen 2000 und 2013 verdreifachte sich die Getreideernte. Im vergangenen Jahr fuhren Landwirte rund 66 Millionen Tonnen Getreide ein – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Bis 2020 soll die Ernte auf 100 Millionen Tonnen steigen, schätzen Experten.

Auch beim Pflanzenanbau gehört die Ukraine zu den größten Produzenten und Exporteuren. Dabei liegen die durchschnittlichen Flächenerträge nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) noch weit unter westeuropäischem Niveau. Das Ministerium geht von weiter steigenden Erträgen beim Feldbau in den kommenden Jahren aus, sofern die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft verbessert werden.

Die Zuckerproduktion zog in der Ukraine im Jahr 2016 ebenfalls kräftig an. In insgesamt 42 Zuckerfabriken wurden zwei Millionen Tonnen Zucker erzeugt. Das entspricht einer Steigerung von 40,5 Prozent zum Vorjahr. Exportiert wurden 470.000 Tonnen Zucker. Die Tierproduktion ging zwar zurück, bei der Produktion von Geflügelfleisch registrierte das Land jedoch Zuwächse. In den ersten Monaten dieses Jahres zeichnete sich zudem eine Entspannung bei der kommerziellen Rinder- und Schweinehaltung ab.

Die Ukraine hat mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden und ihren riesigen Agrarflächen die beste Ausgangslage, führender Agrarproduzent und -exporteur zu werden.
Quelle: Agrarministerium Ukraine

Großes Potenzial bei Bio

Über ein beträchtliches Entwicklungspotenzial verfügt vor allem der Öko-Landbau. 210 zertifizierte landwirtschaftliche Betriebe erzeugen heute ökologische Produkte auf 411.000 Hektar. Auf weiteren 540.000 Hektar werden Bio-Pilze und Bio-Beeren geerntet. Der steigende Bedarf nach Bio-Lebensmitteln in Deutschland und Europa birgt große Chancen für die Ukraine. Bereits heute stammen nach Angaben des BMEL beachtliche Anteile der nach Deutschland exportierten BioProdukte aus der Ukraine, darunter Weizen, Körnermais und Sonnenblumenkerne. Dabei spricht vor allem auch das günstige Preisniveau für die ukrainischen Produkte.

Weitere Investitionen notwendig

Um die Potenziale zu nutzen, sind aber noch weitere Reformen und Investitionen notwendig. Die Produktivität ist weiterhin sehr gering. Auch die Infrastruktur, Transport- und Lagerkapazitäten sind lange nicht ausreichend. Zudem besteht weiterhin großer Bedarf an moderner Landtechnik, Saatgut und Agrarchemie. Auch Anlagen der Weiterverarbeitung und Veredelung, was heutzutage oftmals noch in Ländern des Zwischenhandels stattfindet, können in der Ukraine für eine Steigerung der Wertschöpfung ausgebaut werden. Darüber hinaus gibt es Luft nach oben bei der Qualitätssicherheit und Zertifizierung. Hier sind bei Weitem noch nicht alle Kapazitäten ausreichend, um die benötigten Ressourcen für einen erfolgreichen Lebensmittelhandel bereitzustellen, erklärt André Pilling, Leiter des bilateralen Kooperationsprojekts Agritrade. Das vom BMEL geförderte Projekt hat zum Ziel, die Ukraine im Rahmen des tiefgreifenden und umfassenden Freihandelsabkommens DCFTA zu Agrarhandelsfragen zu beraten.

Ein weiterer Punkt auf der Agenda ist die Aufhebung des Moratoriums auf den freien Handel von Landwirtschaftsflächen, das Privateigentümern verbietet, Land zu verkaufen.  Das Moratorium wird seit Jahren diskutiert. In der Öffentlichkeit und im Parlament bestehen dagegen erhebliche Vorbehalte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet dadurch aber zusätzliche Investitionen und damit Wirtschaftswachstum. Er fordert deshalb das Landhandelsmoratorium, das seit 1992 in Kraft ist, nicht über Anfang 2018 hinaus zu verlängern.

„Lebensmittelrecht, Verpackung, Qualitätsstandarts und Praxiswissen über Vertrieb und Marketing stellen besonders für KMU immer noch große Herausforderungen dar.“

Doch es geht voran. Nach Angaben von Germany Trade & Invest (GTAI) planen in diesem Jahr verschiedene Unternehmen den Bau und Ausbau von großen Getreidespeichern, darunter UkrLandFarming, Korporation GPSKU und Prometej. Der Verband der ukrainischen Gartenbauunternehmen Ukrsadprom kündigte Investitionen in verschiedene Ausbauvorhaben inklusive Lager- und Logistikprojekte in dreistelliger Millionen-US-Dollar-Höhe an. Insgesamt geht GTAI von Investitionen in die Branche von etwa sieben Milliarden Euro aus – ein Anstieg von 20 Prozent. Mit einem Drittel am Gesamtumsatz der Landwirtschaft 2016 bieten sie große Wachstumschancen.

Weiter Weg ins EU-Regal

Das seit dem 1. September geltende Assoziierungsabkommen mit Brüssel gibt der Ukraine weiteren Anreiz, sich zu entwickeln, um ihre Produkte in den Regalen im Westen zu positionieren. „Die Zusammenarbeit mit der Ukraine bietet sowohl der EU als auch der Ukraine eine echte Win-Win-Situation“, sagt Pilling. Durch die Reformen und die Zusammenarbeit werde die wirtschaftliche Situation gestärkt und stabilisiert. „Gleichzeitig öffnet sich der EU ein Riesenpotenzial für den Bezug von Agrargütern und den Absatz von eigenen Erzeugnissen in der Ukraine“, sagt der Projektleiter. Dabei sei das Potenzial dieser Kooperation noch nicht ausgeschöpft. Dennoch gebe es noch viel zu tun auf dem Weg ins EU-Supermarktregal.

Zwar hätten ukrainische Unternehmen mittlerweile verstanden, welche Anforderungen der europäische Lebensmittelhandel stellt. Dennoch gebe es noch Aufholbedarf, erklärt der Projektleiter. Das Lebensmittelrecht sowie Verpackungsverordnungen, Qualitätsstandards und auch ein gewisses Praxiswissen über Vertrieb und Marketing stellten besonders für die kleinen und mittleren Unternehmen immer noch große Herausforderungen dar. Entgegen noch vorhandener negativer Vorstellungen böten ukrainische Lebensmittel aber eine hohe Güte. „Wir können in der Ukraine neue Sorten und Geschmackserlebnisse finden, welche sich auch fernab vom Mainstream in vorhandenen Nischen erfolgreich positionieren können, etwa Beeren und Honig“, erklärt Pilling.

Europäische Einzelhändler sind etwas vorsichtiger. Nach Angaben der REWE International hätten Gespräche mit ukrainischen Produzenten zwar gezeigt, dass gute Voraussetzungen und Chancen bestünden. Wichtig sei für die Produzenten jedoch, „sich die Marktmitbewerber anzusehen, um seitens Design, Slogan und Inhaltsstoffen die richtigen Akzente setzen zu können“.

Das bestätigt auch der Großhändler Metro. Ukrainische Produzenten hätten in den vergangenen Jahren die Qualität ihrer Waren maßgeblich verbessert. „Immer mehr Produzenten erreichen EU-Standards und lassen ihre Produkte beispielsweise im Rahmen der von der Global Food Safety Initiative (GFSI) anerkannten Standards zertifizieren“, sagt ein Sprecher der Metro Group. Das Potenzial sei aber noch nicht ausgeschöpft. „Produktionskapazitäten können noch weiter aufgebaut werden. Dies schafft die Basis dafür, sich zunehmend auf den Export verarbeiteter Lebensmittel in die Nachbarländer der Ukraine zu fokussieren.“ Das Assoziierungsabkommen sieht auch Metro als wichtigen Treiber bei der Entwicklung des ukrainischen Lebensmittelmarktes sowohl im Hinblick auf steigende Auslandsinvestitionen in den Sektor als auch auf wachsende Exportmöglichkeiten.

Die Ukraine hat mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden und ihren riesigen Agrarflächen die beste Ausgangslage, führender Agrarproduzent und -exporteur zu werden.
Quelle: Agrarministerium Ukraine / Eigene Darstellung

Insgesamt geht die Ukraine aber den Weg in die richtige Richtung. Immer mehr Unternehmen besuchen große Leitmessen wie Anuga, Biofach, SIAL und PLMA, nehmen an Veranstaltungen und Formaten, wie sie etwa Agritrade anbietet, teil. „Wir haben ein deutsch-ukrainisches Lebensmittelforum als Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen“, berichtet Pilling. Dieses Format biete ukrainischen Unternehmen und deren Vertretern die Möglichkeit, anhand von Markterkundungsreisen in Deutschland und weiteren Veranstaltungen in direkten Kontakt mit Vertretern des deutschen Handels und der Industrie zu treten. Zudem bringe das ukrainische Ministerium für Agrarpolitik und Lebensmittel vermehrt Initiativen zur Entwicklung von Kampagnen und eines einheitlichen Labels zur Vermarktung ukrainischer Erzeugnisse auf den Weg. „Besonders positiv ist hier die Zusammenarbeit mit der stellvertretenden Ministerin für europäische Integration, Olga Trofimtseva, hervorzuheben“, sagt Pilling.

Dieser Beitrag erschien in OstContact 10/2017.

 

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