Die Branche hängt am Tropf

Der russische Medizintechnikmarkt hat in den vergangenen Jahren im Zuge der Wirtschaftskrise Rückgänge verzeichnet. Nun gibt es erste Anzeichen einer Erholung. Dennoch bleibt die Situation für ausländische Unternehmer durchwachsen. 

Von Elena Matschilski

Der russische Medizintechnikmarkt hat in den vergangenen Jahren im Zuge der Wirtschaftskrise Rückgänge verzeichnet.
Die Investitionen, die Russland im Gesundheitssektor tätigt, sind verglichen mit westlichen Ländern gering. Foto: iStock © sudok1

Russlands Medizintechnikmarkt zwischen Erholung und Abhängigkeit

Der Medizintechnikmarkt verzeichnete nach Rückgängen im vergangenen Jahr wieder Zuwächse. Das Marktvolumen betrug 2016 nach Angaben des Industrie- und Handelsministeriums 245,5 Milliarden Rubel oder umgerechnet 3,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von zehn Prozent. Sein Vorkrisenvolumen aus dem Jahr 2012 mit 260,1 Milliarden Rubel hat der Markt jedoch nicht wieder erreicht. Gleichzeitig sprechen Daten von Germany Trade & Invest (GTAI) für das Jahr 2015 für ein geringeres Plus als das Industrieministerium berichtet: GTAI geht von einem Volumen von 235,8 Milliarden Rubel aus, was einem Zuwachs von nur 4,1 Prozent im Jahr 2016 entsprechen würde.

Die Produktion legte laut Industrieministerium zu: um 15,5 Prozent auf 52,8 Milliarden Rubel. Russische Hersteller haben zudem ihren Anteil am Markt vergrößert. Er stieg auf 20,2 Prozent. Auch der Export von Medizingeräten aus Russland zeigte ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahresergebnis. Exportiert wurden Waren im Wert von 64 Millionen Euro. Die Abhängigkeit von ausländischen Einfuhren ging etwas zurück. Russland importierte Geräte für 2,4 Milliarden Euro und damit 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Dennoch ist man weit davon entfernt, von ausländischen Anbietern unabhängig zu sein.

Staat bestimmt die Branche

Auch vom Staat ist die Branche stark abhängig. Nach Angaben von GTAI werden rund 80 Prozent der Krankenhäuser, Polykliniken und Gesundheitseinrichtungen von den Gesundheitsministerien, vom Verteidigungs- und Innenministerium, der gesetzlichen Krankenkasse OMS oder von Staatskonzernen finanziert.

Die Investitionen, die der Staat im Gesundheitssektor tätigt, sind verglichen mit westlichen Ländern gering.

Private Einrichtungen spielen noch kaum eine Rolle, nicht zuletzt wegen der geringen Kaufkraft der russischen Bevölkerung. Ihr Marktanteil wächst aber laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG stetig. In den vergangenen Jahren waren es vor allem staatliche Sonderprogramme, die Dynamik in den Medizintechnikmarkt brachten. 2011 und 2012 etwa investierte Moskau im Rahmen eines Programmes zur Modernisierung von 3.000 Kliniken jeweils 160 Milliarden Rubel. Mit Auslauf der Subvention ging ein Einbruch des Marktvolumens einher. Im kommenden Jahr müsste ein Großteil der vorhandenen Medizintechnik laut GTAI ausgetauscht oder überholt werden. Das sei im Budget aber überhaupt nicht drin, sagt Mirco Nowak, CEO und Inhaber der Luno-Gruppe, die sich mit ihrer Tochter Medicatus Holding AG mit der Akquise und Vermarktung von Produkten und Patenten aus der russischen Biomedizin sowie mit dem Know-how-Transfer und Ärzteaustausch aus Deutschland für medizinische Einrichtungen in Russland beschäftigt. „Höchstens, wenn Putin soziale Pluspunkte bei der Bevölkerung sammeln will und das Gesundheitsbudget anhebt“, sagt Nowak.

Die Investitionen, die der Staat im Gesundheitssektor tätigt, sind verglichen mit westlichen Ländern gering. In Deutschland etwa flossen 2015 11,3 Prozent des BIP in den Gesundheitstopf. Russland investierte im selben Jahr gerade einmal 3,5 Prozent, im Jahr 2016 sogar nur 3,3 Prozent. Prognosen von KPMG zufolge soll der Anteil der Ausgaben 2017 und 2018 bei 3,5 und 3,6 Prozent des BIP liegen. Der BIP-Rückgang und die Rezession 2015 (-3,7%) und 2016 (-0,2%) ließen die geringen Ausgaben in den Gesundheitssektor noch weiter schrumpfen.

Chancen dank schwacher Konkurrenz

Dennoch haben ausländische Hersteller gute Chancen, gerade weil russische Hersteller schwach entwickelt sind. Die meisten inländischen Produkte sind Low-Tech. Ein Grund dafür ist die ungenügende Kommerzialisierung der inländischen wissenschaftlichen Entwicklungen und Forschung. Vorrangig stellen russische Unternehmen Verbrauchsmaterial wie Spritzen, Kanülen, Verbandsstoff, chirurgische Instrumente und Möbel her.

Jedoch sei in den vergangenen fünf Jahren auch die Produktion elektromedizinischer Apparate durch Lizenzerwerb, Joint Ventures und die Einfuhr von Komponenten gestiegen, berichtet GTAI. Dazu gehören Tomografen, Röntgengeräte, Fluorografen, Mammografen und Angiografen. Bei Ausrüstungen für die Augenheilkunde und Lasermedizin, zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktion von Frühgeborenen sowie bei mobilen kardiologischen Geräten zur Reanimation und zur ersten Hilfe sei die russische Industrie gut entwickelt. Hierzu dürfte nicht zuletzt das Staatsprogramm zur Entwicklung des Gesundheitswesens 2013 bis 2020 beigetragen haben.

Importsubstitution und Lokalisierung

Eine potenzielle Hürde für den Marktzugang ist die Politik der Importsubstitution. Damit will die Regierung ausländische Unternehmen dazu bewegen, in Russland zu produzieren. Moskau will so den Technologietransfer und die Entwicklung der heimischen Medizintechnikbranche fördern. Bisher haben jedoch nur wenige Unternehmen lokalisiert. Zuletzt unterzeichnete der niederländische Health-Care-Hersteller Philips einen Speziellen Investitionsvertrag zur Lokalisierung seiner Produktion auf dem St. Petersburg International Economic Forum im Juni. Noch in diesem Jahr will Philips gemeinsam mit dem russischen Medizintechnikhersteller AMICO bei Moskau Ultraschallgeräte und Computertomografen produzieren.

Quelle: KMPG. Eigene Darstellung

„Eine große Herausforderung bei der Lokalisierung ist die Zulieferung qualitativer und konkurrenzfähiger Ersatzteile aus inländischer Produktion“, sagt Branchenkenner Nowak. „Der Mangel an qualifizierten Herstellern schafft Probleme bei der Einhaltung der Anforderungen an ein Produkt Made in Russia und treibt die Produktionskosten in die Höhe. Das musste auch Philips bei seinen ersten Lokalisierungsbemühungen erfahren.“ Daneben sei für viele der Medizintechnikmarkt zu klein, als dass sich eine Produktion vor Ort lohnen würde. Eine weitere Herausforderung stellten die zu immer größeren Einheiten zusammengefassten Tenderausschreibungen des russischen Staates dar. Die Bedienung sei besonders für kleine und mittelständische Unternehmen sehr schwierig, vor allem die Finanzierung dafür auf die Beine zu stellen. Das Vertrauen von Banken und anderen Finanzinstituten in Russland sei in den letzten Jahren nachhaltig geschädigt worden, die Schwankungen im Rubel seien oft größer als die potenziellen Margen.

Potenzial bei personalisierter Medizin

Das „klassische“ Geschäft mit Medizintechnik hat Nowak abgeschrieben. Er fokussiert sich auf einen anderen, aus seiner Sicht vielversprechenden Bereich: „In der personalisierten Medizin, in der individuellen Herangehensweise, der Immunologie hat Russland das Potenzial aufzuholen“, sagt Nowak. Das Land brauche aber Unterstützung sowohl vom eigenen Staat, um international bekannter zu werden, als auch durch westliche Partner, die bei der Vermarktung unterstützen. „Da ist Russland äußerst schwach. Wenn ein westlicher Konzern kommt, spielt er Russland an die Wand.“ Auch das Gesundheitsministerium lege aktuell einen Schwerpunkt auf den Bereich personalisierte Medizin. Ministerin Veronika Skworzowa „betont sehr oft, dass Russland in der Regenerativen Rehabilitation, dem Bereich des Well Beings und im Bereich der personalisierten Medizin sehr große Pluspunkte hat“, berichtet Nowak. Dennoch ist er skeptisch, dass Russland sein Potenzial und seinen Vorsprung nutzen und eine internationale Führungsrolle übernehmen kann.

Auch dass sich die Situation auf dem russischen Medizintechnikmarkt im kommenden Jahr maßgeblich verbessert, sieht Nowak nicht: „Ich habe nicht das Gefühl, dass sich 2018 etwas tut.“ Da helfe es auch nicht, dass viele Modernisierungen anstünden. „Die letzten zwei, drei Wellen von Modernisierungen sind immer noch nicht abgeschlossen.“

Dieser Beitrag erscheint zunächst in OstContact 11/2017.

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