Die Leiter weiter nach oben geklettert

Von Peter Tichauer

In der globalen Finanzwelt will Shanghai künftig noch stärker mitreden. Im Ranking der ost- und südostasiatischen Finanzzentren hat sich die Metropole am Huangpu auf den vierten Platz hochgearbeitet. Ein Bonus auf die Öffnungsversprechen vom Anfang dieses Jahres?

Im Global Financial Centres Index, der von der britischen Beratungsgesellschaft Z/Y zweimal jährlich aktualisiert wird, ist Shanghai jetzt um sieben Plätze nach oben auf den 6. Rang geklettert. Foto: iStock / Shaxiaozi

Hongkong, Singapur, Tokio … und dann Shanghai. Das ist die Reihenfolge im Global Financial Centres Index von diesem Sommer, in dem die britische Beratungsgesellschaft Z/Yen die weltweiten Finanzplätze vergleicht. Die vier Metropolen führen nicht nur das Ranking in der Asien-Pazifik-Region an, sie positionieren sich auch im globalen Vergleich ganz weit oben. Vor ihnen liegen lediglich London und New York auf den ersten beiden Plätzen. Während Singapur und Hongkong gegenüber dem vorangegangenen Ranking – Z/Yen bewertet die Finanzmetropolen zweimal im Jahr – ihre Plätze getauscht haben, Tokio unverändert die Nummer fünf in der Welt blieb, kletterte Shanghai gleich um sieben Plätze auf Rang sechs nach oben. Das ist die Richtung, die die Shanghaier für ihre Stadt sehen wollen: Shanghai soll im Chor der globalen Finanzzentren ein gewichtiges Wort mitreden.

Wenn es darum geht, dem Dienstleistungssektor ein größeres Gewicht an der Wirtschaftsleitung der Stadt zu geben, kommt der Finanzwirtschaft eine besondere Bedeutung zu. Die Branche legte im ersten Halbjahr 2017 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um mehr als zehn Prozent zu und erwirtschaftete mit knapp 265 Milliarden Yuan, etwa 34 Milliarden Euro, 19 Prozent des Shanghaier Bruttosozialprodukts. Lediglich moderne ITK- und Software-Dienstleistungen sowie Transport und Logistik wiesen mit 13,5 beziehungsweise 11,8 Prozent ein noch höheres Wachstum auf. Mit 6,3 respektive 4,4 Prozent ist deren Anteil am Bruttosozialprodukt der Stadt aber wesentlich geringer. Insgesamt erwirtschaftet Shanghai etwa 7,7 Prozent des Gesamtvolumens der chinesischen Finanzwirtschaft.

Skepsis bei ausländischen Bankern

So weit die Fakten der städtischen Statistikbehörde, die von der Shanghaier Finanzbehörde noch untermauert werden. Am Shanghaier Finanzplatz wurden demnach im vergangenen Jahr Transaktionen von insgesamt 1.364,7 Billionen Yuan, etwa 175 Billionen Euro, realisiert, was im Vergleich zu 2011 das 3,3-Fache ist. Darin eingeschlossen sind unter anderem Aktien- und Devisen­geschäfte, Geschäfte in Chinesischen Yuan und Versicherungen, Kreditgeschäfte und Goldhandel. Von Januar bis August dieses Jahres wird das Volumen nach vorläufigen Berechnungen mit 920,8 Billionen Yuan angegeben, im Vergleich zum selben Zeitraum 2016 entspricht dies einem Plus von drei Prozent, so dass die Shanghaier davon ausgehen, dass am Ende des Jahres mit 1.400 Billionen Yuan ein neuer Finanztransaktionsrekord bilanziert werden könnte.

International ist Shanghai auf alle Fälle. Zumindest lassen darauf die großen Namen internationaler Banken schließen, die im Finanzdistrikt Lujiazui ansässig sind. Laut Shanghaier Finanzbehörde waren Ende vergangenen Jahres 431 internationale Finanzinstitute in der Stadt registriert, was fast ein Drittel aller Finanzinstitute ist. „Was aber hinter den hell erleuchteten Fassaden wirklich passiert, bleibt eine große Frage“, sagt ein europäischer Banker, der seit vielen Jahren in der Huangpu-Metropole arbeitet, jedoch wie viele seiner Kollegen nicht namentlich genannt werden möchte. Er sagt, dass es durchaus richtig sei, eine strenge Finanzaufsicht zu haben – überall auf der Welt. „Banker müssen kontrolliert werden.“ Doch was China derzeit praktiziere, grenze an Gängelung. Selbst das einfache Brot-und-Butter-Geschäft werde damit erschwert, ganz abgesehen von komplizierten Transaktionen. Von „international“ könne da keine Rede sein, sagt der Banker, denn allein die Präsenz ausländischer Finanzinstitute spreche noch nicht dafür, dass ein Finanzplatz tatsächlich internationale Bedeutung habe. Uneingeschränkte Möglichkeiten für das Geschäft, darauf komme es an, selbstverständlich in einem regulatorischen Rahmen, der aber „Luft zum Atmen“ lasse. „Mehr Öffnung“, lautet der Ruf ausländischer Finanz­institute, die von den chinesischen Behörden erwarten, Zusagen für eine weitere Marktöffnung, die Anfang des Jahres gegeben wurden, umzusetzen.

Während diese Zeilen geschrieben werden, beginnt in der chinesischen Hauptstadt der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei. Auf ihn richten sich die Hoffnungen. Hoffnungen, dass den vielen Marktöffnungsankündigungen Taten folgen werden. Den Beschlüssen des Parteitages kann hier nicht vorweggegriffen werden. Vorhersagen zu treffen, würde eher dem Lesen von Orakelknochen gleichen. Erinnert sei aber daran, dass auf dem Parteitag vor vier Jahren nicht nur ein Bekenntnis zu weiterer Marktöffnung gegeben wurde, sondern auch zu einer Stärkung der Marktkräfte. In den Beschlüssen des 3. Plenums des 18. Zentralkomitees wurde dies bekräftigt. Wer allerdings das diesjährige Positionspapier der EU-Kammer in China genau liest, wird feststellen, dass wie in den vorangegangenen Jahren erneut der Erwartung Ausdruck verliehen wird, die Beschlüsse umzusetzen.

Ausgangspunkt für Reformen

Shanghais Finanzbehörde kennt diese Forderungen durchaus und verweist darauf, dass die Metropole nicht nur für Reformen im Finanzmarkt stehe, sondern auch für die Erprobung und Einführung innovativer Lösungen für die Branche. Schon 2009 wurde vom Staatsrat im Dokument Nr. 19 die Zukunft Shanghais als modernes Dienstleistungszentrum mit internationaler Ausstrahlung formuliert. Darin heißt es konkret, dass die Stadt bis 2020 „im Wesentlichen zu einem internationalen Finanzzentrum werden soll, das in Einklang mit der Wirtschaftskraft unseres Landes steht und der internationalen Bedeutung des Renminbi-Yuans entspricht“. Zumindest bei der Internationalisierung  des Yuans gibt es inzwischen Fortschritte: Im internationalen Zahlungsverkehr spielt er eine zunehmende Rolle. Und neben den „alten“ Leitwährungen US-Dollar, Euro, Britischem Pfund und Japanischem Yen ist der Yuan inzwischen auch Reservewährung des Internationalen Währungsfonds. Shanghais Finanzbehörde verweist darauf, dass die chinesischen Finanzmarkt-Reformen der vergangenen Jahre aus Shanghai in das Land getragen wurden. In der Pilot-Freihandelszone, der ersten Freihandelszone Chinas, würden neue Modelle etwa im globalen Handel mit Yuan oder bei der Einführung neuer Modelle im internationalen Finanzgeschäft getestet, wozu auch Internet-Finanzierungen gehörten.

Laut einer Commerzbank-Umfrage aus dem Jahr 2016 beschäftigen sich mittlerweile 33 Prozent der deutschen Mittelständler aktiv mit der Geschäftsabwicklung in Yuan. Diese Zahl lag 2015 noch bei 25 Prozent. „Die strengeren Kapitalverkehrskontrollen seit Dezember 2016 haben aber alle Marktteilnehmer überrascht. Auch wenn Hintergründe und Zielsetzung dieser Maßnahmen mittlerweile geklärt sind, ist die realwirtschaftliche Auswirkung für international agierende Firmenkunden nicht zu unterschätzen“, sagt der Asien-Experte der Commerzbank, Michael Rugilo. Ob die Akzeptanz der chinesischen Währung trotz strengerer Kontrollen weiterhin steigt, wolle die Bank demnächst erneut erfragen.

Auch die seit 2014 bestehende Verbindungen zwischen den Börsen in Shanghai und Hongkong, die einen direkten Handel an beiden Börsen ermöglicht, gilt als ein Zeichen für mehr Internationalität des Shanghaier Finanzplatzes. Das Potenzial dieser Verbindung werde aber nicht ausgeschöpft, so die Einschätzung bei der Europäischen Handelskammer in Shanghai.

Shanghai muss weiter aufholen

Dem kann auch die Shanghaier Finanzbehörde nicht widersprechen. Dort heißt es auf Anfrage: „Wir sind uns bewusst, dass wir den großen Finanzplätzen der Welt beim Grad der Internationalisierung noch deutlich hinterher sind.“ Untermauert wird dies mit der Feststellung, dass der Anteil internationaler Investoren am Finanzplatz Shanghai noch sehr gering ist und aus Shanghai noch unzureichende Angebote an Finanzdienstleistungen für den globalen Markt kommen. Noch fehle es an internationaler Ausstrahlungskraft.

Wie sie die „Aufholjagd“ beschleunigen wollen, haben die Shanghaier Behörden auch formuliert – in einem Maßnahmenkatalog, der relativ allgemein bleibt: Im Finanzsektor sollen noch mehr Bereiche „in einem größeren Rahmen“ für ausländische Unternehmen geöffnet werden. Die Pilot-Freihandelszone soll weiter dazu beitragen, Shanghai als internationalen Finanzplatz zu stärken. Unter der Voraussetzung, dass die Risiken kalkulierbar bleiben, soll die Internationalisierung des Yuans vorangetrieben und Shanghai zu einem Dienstleistungszentrum für internationales Yuan-Geschäft ausgebaut werden. Der Freihandelszone kommt dabei eine Art Inkubator-Rolle zu. Hier sollen Modelle getestet werden, um sie später landesweit einzuführen. Im Prinzip soll in der Zone die Infrastruktur entstehen, die es ermöglicht, den globalen mit dem lokalen Devisenmarkt enger zu verknüpfen.

Bestehende Marktzugangsbeschränkungen für ausländische Finanzinstitute sollen allmählich fallen, damit die Institute im Markt gleichberechtigt am Wettbewerb teilnehmen können. Außerdem sollen Bedingungen geschaffen werden, damit ausländische und inländische Unternehmen enger kooperieren können, vor allem aber dass nationaler und internationaler Finanzmarkt koordiniert funktionieren und der gegenseitige Kapitalfluss erleichtert wird. Dazu sei es wichtig, so die Shanghaier Finanzbehörde, Marktmechanismen mehr Raum zu bieten, innovative Geschäftsmodelle zu ermöglichen, gleichzeitig aber auch den Rechtsrahmen so zu gestalten, dass Vertrauen in den Markt entsteht. Zudem müsste noch stärker in die Ausbildung von Finanzexperten investiert werden.

Und nicht zuletzt soll Shanghai ein gewichtiges Wort mitreden, wenn es um die Finanzierung von Großprojekten wie der Seidenstraßen-Initiative geht. Zwar hat die Asiatische Infrastruktur Entwicklungsbank, ein wichtiger Investor an der Seidenstraße,  ihren Sitz in der chinesischen Hauptstadt. Doch Shanghai ist Sitz der von den BRICS-Ländern initiierten Neuen Entwicklungsbank, deren Headquarter auf dem Shanghaier Expo-Gelände gebaut wird. Der Grundstein für den 150 Meter hohen, als „grünes Gebäude“ zertifizierten Tower wurde am 2. September dieses Jahres gelegt. Für Shanghai ist der Bau des Bank-Towers ein weiteres Mosaik-Steinchen auf dem Weg zu einem internationalen Finanzzentrum. Und die Bank sieht ihrerseits in dem Gebäude einen Beitrag zu Shanghais Bestrebungen, als smart und umweltfreundlich Maßstäbe für die Urbanisierung im 21. Jahrhundert zu setzen, wie es der Präsident der Neuen Entwicklungsbank, Kundapur Vaman Kamath, bei der Grundsteinlegung formulierte.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 11/2017 erschienen.