Der Weg zum Wachstum

Ob die Ukraine, Belarus, Russland, Georgien oder die Länder Südosteuropas – die Landwirtschaft spielt für die Volkswirtschaften Osteuropas und Zentralasiens eine enorme Bedeutung. Für deutsche Anbieter kann das lukrative Geschäfte bedeuten. Vorausgesetzt, die Modernisierung klappt.

Von Patrick Bessler

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Gerade in den noch nicht hochindustrialisierten Wachstumsmärkten der ehemaligen Sowjetunion, aber auch in Ostmittel- und Südosteuropa ist die Landwirtschaft eine dynamische Industrie und Hoffnungsträger. Trotz der Heterogenität der Länder in der Region, die sich auch im Agri-Business zeigt, ist dabei auffällig, wie viele Parallelen es bei Potenzialen und Problemen gibt.

Haben…

Ob die Ukraine, Belarus, Russland, Kasachstan oder Georgien – viele Standorte bieten große Flächen, fruchtbare Böden und gute klimatische Bedingungen, geringere Lohnkosten als im Westen und einen starken Anteil des Sektors am BIP. In der Ukraine dienen mit 41,5 Millionen Hektar 70 Prozent der Fläche des Landes der Landwirtschaft (S. 20). Russland kommt auf ein Zehntel der gesamten globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche. Kasachstan ist neuntgrößtes Land und größtes Binnenland der Erde – mit 80 Prozent Agrar-Fläche. Und die Produktion dieser Länder nimmt kontinuierlich zu. Russlands Landwirtschaft wuchs 2016 um

4,8 Prozent. Im Schnitt legte der Agrarausstoß in den Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) inklusive Kasachstan und Belarus um vier Prozent zu. Ungarn kam auf zirka acht Prozent. Die Ukraine lag laut IWF bei etwa sechs Prozent. Die Landwirtschaft in Osteuropa spielt nicht nur für die Entwicklung der Volkswirtschaften eine bedeutende Rolle. Sie birgt auch viel Potenzial für deutsche Anbieter von Landmaschinen, ob bei Stalltechnik, Futtermittelzusätzen und Tiermedikamenten, Qualitäts-Saatgut und Agrarchemie, oder dem Maschinen- und Anlagenbau.

… und Soll

Auf der Soll-Seite weisen vor allem die ehemaligen Sowjetstaaten ähnliche Probleme auf. Das zentralste von ihnen ist die mangelnde Produktivität. In Georgien etwa liegt die durchschnittliche jährliche Milchleistung pro Kuh bei zirka 1.300 Liter. In Deutschland sind es gut 7.700 Liter pro Jahr. Rund die Hälfte der Erwerbsbevölkerung arbeitet in Georgien in der Landwirtschaft, die aber nur neun Prozent zum BIP beiträgt, so Daten von Germany Trade and Invest (GTAI). Gleichzeitig ist das Land Netto-Importeur von Lebensmitteln.

Private Investitionen ausländischer Unternehmen, die Technologie und Know-how in die Länder bringen, werden dringend benötigt.

In fast allen Ländern der Region mangelt es an Infrastruktur wie Lager- und Transportkapazitäten. Die Ausrüstung ist teils hoffnungslos veraltet. In der Ukraine sind Schätzungen zufolge drei Viertel der eingesetzten Mähdrescher älter als 16 Jahre, berichtet GTAI. Gut 25.000 Fahrzeuge fehlen. Jährlich gingen dadurch etwa sechs Millionen Tonnen Getreide verloren, heißt es.

Die landwirtschaftlichen Flächen werden von zu vielen Kleinbauern genutzt. In Ländern wie Kasachstan werden große Teile davon in erster Linie in Subsistenzwirtschaft bearbeitet. Es mangelt vielerorts an gut ausgebildetem Personal oder überhaupt an Arbeitskräften, die in der Agrarindustrie arbeiten möchten. Geld für Investitionen fehlt, vor allem bei den kleinen Betrieben.

Die Wertschöpfung in der Weiterverarbeitung der Lebensmittel vor Ort ist niedrig, die EU als Absatzmarkt für fertige Produkte schwierig – wegen der Ansprüche und Vorurteile der Konsumenten ebenso wie aufgrund von Einfuhrbeschränkungen und nichttarifären Handelshemmnissen.

Mammutaufgabe Modernisierung

Natürlich ist den Ländern die Bedeutung ihrer Landwirtschaft bewusst, ebenso wie deren Potenzial und die Notwendigkeit, massiv zu modernisieren. Entsprechend sind sie zu umfangreichen Investitionen und Reformprogrammen bereit. Moskau pumpt 2017 staatliche Gelder in Höhe von 216 bis 230 Milliarden Rubel in die Landwirtschaft (ca. 3,4 Mrd. EUR), bis 2020 soll es insgesamt eine Billion Rubel sein. Kasachstan hat seine geplanten Investitionen 2013 im Rahmen seines „Agrobusiness 2020“-Programms mit rund drei Billionen Tenge angegeben (ca. 7,5 Mrd. EUR) und bietet unter anderem Subventionen im Umfang von 30 bis 80 Prozent der Investitionsausgaben. Die Ukraine wird im laufenden Jahr rund 290 Millionen Euro in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie stecken. Hinzu kommen in vielen Ländern nennenswerte Fördermittel der EU und anderer internationaler Organisationen, die sich unter anderem auf Mikrofirmen konzentrieren.

Doch das reicht nicht. Dringend benötigt werden nicht zuletzt private Investitionen ausländischer Unternehmen, die Technologie und Know-how in die Länder bringen. Auf ihrem Weg zu Wachstum durch Modernisierung setzen einige Staaten jedoch auf eine zwiespältige Strategie. Russland macht vor, wie durch protektionistische Maßnahmen die Entwicklung der heimischen Industrie vorangetrieben werden soll. Unter der Politik der Importsubstitution und gedeckt vom russischen Embargo auf Lebensmittelprodukte hat Russland laut Angaben des Landwirtschaftsministeriums seit Beginn seiner Gegensanktionen Waren im Wert von rund vier Milliarden US-Dollar substituiert. Angaben der Regierung zufolge soll das Land seine gesamten Lebensmitteleinfuhren 2015 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 40 Prozent gesenkt haben. Auch andere Länder verfolgen eine Substitutionspolitik, die lokale Produktion zu Lasten von Importen fördern soll. Protektionistische Maßnahmen wie ein diskriminierendes Bodenrecht behindern aber gerade die notwendigen ausländischen Investitionen.

Wachstum vorprogrammiert

In der Folge ist vielen europäischen Lebensmittelexporteuren  der russische Markt, und mit ihm die Märkte der EAWU, weggebrochen. Produzenten, die im Land Lebensmittel herstellen, wie der Käseproduzenten Hochland (S. 14) müssen einerseits ihre Zutaten aus anderen Regionen beziehen – oder von lokalen Zulieferern, deren Qualität oft noch unzureichend ist. Andererseits können die Sanktionen für lokalisierte Hersteller auch einen potenziellen Wettbewerbsvorteil bieten. Maschinen- und Anlagenbauer aus der Lebensmittelverarbeitung könnten ebenso von dem Ausbau lokaler Produktion profitieren. Zahlen von GTAI zufolge kaufen die Mitgliedsländer der EAWU „jedes Jahr Vorleistungen und Hightech-Ausrüstungen für die landwirtschaftliche Produktion im Wert von 4,5 Milliarden US-Dollar ein“. Zwar solle auch in diesem Bereich die Importabhängigkeit verringert werden. Doch bis Länder wie Kasachstan so weit sind, eine eigene entsprechende Industrie auf die Beine zu stellen, dürften noch einige Ernten einzufahren sein.

Die Chancen stehen gut, dass die Agrarbranche in den Märkten Osteuropas und Zentralasiens weiterwachsen wird, sich die Rahmenbedingungen verbessern und Potenzial für deutsche Anbieter trotz oder gerade wegen des Fokus vieler Länder auf einer Stärkung der heimischen Industrie zunehmen wird. Zumindest wenn es keine großen Störfaktoren gibt.

Die Wachstumszahlen der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Zudem steigt die Qualität der Produkte aus der Region, das bestätigen auch deutsche Großhändler.

Eine kontrollierte teilweise Abschottung des Marktes mit dem Ziel der Modernisierung könnte dabei unter Umständen sogar förderlich sein. Die Risiken sind allerdings hoch: Schotten sich die Märkte zu sehr ab, leidet die Wettbewerbsfähigkeit. Das gilt nicht nur für Russland.

Dieser Beitrag erschien in OstContact 10/2017.