Leuchtturm ukrainische Restaurantbranche

Die Restaurantbranche boomt in der Ukraine – ein positives Zeichen für die kleineren und mittelständischen Unternehmen des Landes. Auch von Deutschland wird diese Entwicklung unterstützt.

Von Denis Trubetskoy

Der Kiewer Andreassteig mit seinen vielen Restaurants ist eine der beliebtesten Tourismus-Attraktionen der Hauptstadt. iStock © efesenko

Sie ist der Leuchtturm unter den kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Ukraine: die Restaurantbranche. Vor allem in der Hauptstadt Kiew, aber auch in anderen Regionen entwickelt sie sich mittlerweile rasant – trotz der wirtschaftlichen Krise, die das Land seit der Maidan-Revolution im Februar 2014, der Annexion der Krim durch Russland und dem Krieg im Donbass prägt. In Kiew wird sogar von einem „Boom“ gesprochen: Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind in der ukrainischen Hauptstadt rund 50 neue Restaurants eröffnet worden, was nicht nur die Branche als vielversprechend sieht.

„In Kiew ist der Umsatz des Restaurantmarktes im ersten Halbjahr um zehn Prozent gegenüber 2016 gewachsen“, berichtet Olga Nassonowa, Generaldirektorin der Consulting-Firma „Restorannyj Konsalting“, gegenüber Liga.net. Die Kiewer Restaurantbranche hat zwischen Januar und Juli einen Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Hrywnja (umgerechnet 634 Mio. EUR) erreicht. Auch im gesamten Land ist die Tendenz steigend“, sagt Nassonowa mit Optimismus. Witalij Schadtschnew, Direktor im Verkauf des großen Restaurantnetzes „Myrowa Karta“, hat ebenfalls positive Zahlen zu vermelden: „Die Anzahl unserer Besucher ist gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent gestiegen. Dies ist eine sehr positive Dynamik.“

 

„Die Menschen sind wieder bereit, deutlich mehr Geld auszugeben.“

 

Beste Verbraucherstimmung seit Langem

Zudem lassen die Kiewer laut Schadtschnew im Durchschnitt etwa 20 Prozent mehr Geld als zuvor bei ihren Restaurantbesuchen liegen. In der Hauptstadt liegt die Durchschnittsrechnung für eine Person mittlerweile bei rund 200 Hrywnja – zwar sind das nur umgerechnet 6,50 Euro, doch die Gesamttendenz ist klar steigend. Diese Tendenz wird unter anderem von einer Studie des Forschungsunternehmens GfK Ukraine gestützt, die von der besten Verbraucherstimmung seit Langem spricht. „Im Juni 2017 haben wir den höchsten Wert seit zwei Jahren erzielt“, heißt es in der Meldung. „Die Menschen sind wieder bereit, deutlich mehr Geld auszugeben. Der Trend sollte sich über das Jahresende hinaus fortsetzen.“

Das zeigt vor allem, dass eine wirtschaftliche Stabilität zurückgekehrt ist. Obwohl der Konflikt im Donbass immer noch andauert und kein Ende in Sicht ist, fühlen sich die beiden turbulenten Jahre 2014 und 2015 mittlerweile doch vergangen an. Die meisten Menschen haben sich mit der neuen Realität abgefunden – das Gleiche gilt für Unternehmer. „Unsere Branche hat die Krise mit am besten überlebt. Das hat wohl mit Kreativität zu tun“, sagt Dmytro Boryssow, einer der bekanntesten ukrainischen Restaurantbesitzer. „Klar mussten wir vor drei Jahren alle die Frage beantworten, wie es mit uns weitergeht. Doch dann haben die meisten gleich den Weg gesucht, wie wir das Beste aus der aktuellen wirtschaftlichen Situation rausholen können.“

Restaurant-Geschäft im Trend

Im Großen und Ganzen scheint das geklappt zu haben. Doch nicht alles ist rosig. Während große und erfahrene Netzbesitzer das Risiko erfolgreich minimieren, haben Einsteiger nur wenige Chancen auf Erfolg. Womöglich werden in diesem Jahr rund 100 neue Restaurants in Kiew eröffnet, doch ein Drittel wird das erste Jahr kaum überleben. „Das ist auch eine Tendenz, die wir nicht ignorieren können“, sagt Olga Nassonowa. „Restaurants zu eröffnet ist im Moment sehr beliebt, es ist Mode. Das führt dazu, dass viele Leute Geld investieren, ohne von der Spezifik der Branche Ahnung zu haben.“

Laut Restorannyj Konsalting braucht ein Unternehmer in Kiew rund 250.000 US-Dollar, um ein vollständiges Restaurant zu eröffnen. Wenig Geld ist das nicht, zumal die günstigen Kredite für kleine und mittelständische Unternehmer in der Ukraine nahezu unmöglich sind. Die Restaurants, die keinen Erfolg haben, werden meist nach einem Jahr verkauft, oft zu einem deutlich geringeren Preis, der in der Regel in Richtung 50.000 US-Dollar geht. Doch das hindert die positiven Prognosen kaum. Die durchschnittliche Anzahl der Besucher in Kiewer Restaurants soll bis Januar auf zusätzliche 15 Prozent steigen, was wahrscheinlich zu höheren Preisen von rund 20 Prozent führen würde.

 

100 neue Restaurants werden in diesem Jahr in Kiew eröffnet, doch ein Drittel wird das erste Jahr kaum überleben.

 

KMU auf dem Vormarsch dank Krise

Der Erfolg der Restaurantbranche ist ein wichtiges Zeichen für den gesamten Markt der kleineren und mittelständischen Unternehmen in der Ukraine. Denn diese spielen heute eine wichtigere Rolle in der ukrainischen Wirtschaft. Durch die Krise und die Kündigung der Freihandelszone zwischen der Ukraine und Russland mussten große Unternehmen der Schwerindustrie massiv an Bedeutung einbüßen. Dafür sind die Arbeitsplätze in kleineren und mittelständischen Unternehmen auf 79,1 Prozent gewachsen. „Große Unternehmen haben ihre Position wegen der Krise verloren, kleinere und mittelständische Unternehmen konnten aber gut damit umgehen und sind deutlich bedeutender geworden“, berichtet das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel.

Dabei ist es ausgesprochen komisch, dass, worüber kleinere und mittelständische Unternehmer am meisten geklagt haben, zu ihrem Erfolg geführt hat: Banken hielten sie für zu klein und riskant, um ihnen günstige Kredite zur Verfügung zu stellen. Not macht aber erfinderisch, und so haben die Unternehmer gelernt, wie sie ohne Kredite auskommen. Damit sind sie deutlich weniger krisenanfällig geworden. „Natürlich ist es immer noch schlecht, dass die Banken und auch der Staat diese Unternehmen ignorieren“, sagt Finanzexperte Andrij Gajewyj. „Gerade die neue Marktsituation und die Freihandelszone mit der EU sollten ihnen mehr Aufmerksamkeit bringen. Andererseits hat die Abwesenheit der strengen Banken- und Staatskontrolle sie viel freier gemacht – und als nach 2014 viele Banken Insolvenz anmeldeten, hielten sich die Verluste in Grenzen.“

Hilfe vom ukrainischen und deutschen Staat

Mittlerweile hat das Wirtschaftsministerium eine Strategie der Unterstützung der kleinen und mittelständischen Unternehmen erarbeitet, die zunächst bis 2020 befristet ist. Die Schlüsselpunkte der Strategie sind Deregulierung, Erleichterung des Finanzierungszugangs sowie des Steuerdrucks sowie verstärkter Einsatz der Unternehmen im Außenhandel. Für die Umsetzung des Programms hat die Deutsch-Ukrainische Stiftung 18 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die Strategie wird jedoch von vielen Experten als „nicht konkret“ kritisiert. Außerdem will Kiew die Unternehmen zur Teilnahme an internationalen Programmen bewegen. So hat die Ukraine für 2017 117 Millionen Euro im Rahmen des EU-Programms COSME erhalten. Um einen Teil von diesem Geld zu bekommen, müssen KMU ihre Projekte je nach aktueller Ausschreibung vorschlagen. Über die Gewinner entscheidet nicht Kiew, sondern die Europäische Kommission.

Auch Deutschland spielt bei der Förderung eine Rolle. Seit April 2017 dürfen 250 Ukrainer im Rahmen eines Programms der Kreditanstalt für Wiederaufbau sowie der Deutsch-Ukrainischen-Stiftung einen Investitionskredit mit einem Zinssatz von 17 Prozent für sechs Jahre bekommen. Einzige Bedingungen: Sie müssen weniger als zehn Millionen Euro pro Jahr verdienen und seit mindestens drei Jahren tätig sein. Allerdings scheint der Zinssatz von 17 Prozent nicht besonders günstig. Zudem meldete die deutsche Botschaft in Kiew im August, dass Deutschland zehn Millionen Euro in Entwicklung von KMU in der Ukraine investieren werde. „Deutschland will seine Rolle als einer der wichtigsten Investoren in die ukrainische Wirtschaft bekräftigen“, hieß es in der Mitteilung. Das Geld soll vor allem in die IT-, Leicht- und Lebensmittelindustrie fließen.

Gerade diese drei Bereiche – und mit ihnen die boomende Restaurantbranche – sind die Hoffnungen für KMU. Ob sie es letztlich schaffen, die ukrainische Wirtschaft aus der Krise rauszuholen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Dieser Beitrag erscheint in OstContact 10/2017.