Mit Biomedizin in eine neue Stufe der Wertschöpfung

Knapp über zwei Prozent könnte die taiwanische Wirtschaftskraft in diesem Jahr zulegen. Zu wenig, um von einer Erholung zu sprechen, meinen Ökonomen. Notwendig ist ein neuer Schub in der Wertschöpfung außerhalb der ICT-Industrie. In der Biomedizin und im medizinischen Gerätebau könnte er erreicht werden.

Von Peter Tichauer

Taiwans Regierung hat „fünf plus zwei“ innovative Branchen definiert, mit denen sich die Insel in den kommenden Jahren einen neuen Platz auf der globalen Wirtschaftsbühne erobern will. Dazu gehören die Biomedizin und der medizinische Gerätebau. © iStock / ferrantraite
Taiwans Regierung hat „fünf plus zwei“ innovative Branchen definiert, mit denen sich die Insel in den kommenden Jahren einen neuen Platz auf der globalen Wirtschaftsbühne erobern will. Dazu gehören die Biomedizin und der medizinische Gerätebau. © iStock / ferrantraite

Ist die taiwanische Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt? Gibt es Grund für Optimismus? Unter den deutschen Unternehmen in Taiwan sei die Stimmung jedenfalls gut, konstatiert der Direktor des Deutschen Wirtschaftsbüros in Taipei, Axel Limberg. „Die Bäume wachsen zwar nicht in den Himmel“, fügt er noch an. Aber immerhin. Im ersten Quartal dieses Jahres ist die taiwanische Wirtschaftsleistung um 2,66 Prozent gewachsen, im zweiten waren es 2,13 Prozent und für das ganze Jahr rechnet die Regierung mit einem Plus von 2,11 Prozent.

Ein Grund für Optimismus sei dies allerdings nicht, stellt der stellvertretende Leiter des Forschungszentrums für makroökonomische Prognosen beim Taiwan Institute of Economic Research, Darson Chiu, fest. Seine Vorhersage für 2017 liegt drei Hundertstel Prozentpunkte unter der Regierungsprognose. „Viele meinen, das sei bereits ein Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung. Ist es aber nicht“, stellt er klar. Nach Jahren mit einem durchschnittlichen Leistungswachstum von vier Prozent per anno war die Wirtschaft 2015 ins Minus gerutscht und erst mit dem zweiten Quartal 2016 ging es wieder sehr langsam aufwärts. Dabei seien die Ökonomen davon ausgegangen, dass sich der 2014 einsetzende Rohöl-Preisverfall positiv auf die taiwanische Wirtschaft, insbesondere die Exporte in der Elektronikindustrie auswirken werde. Geringere Herstellungskosten und höhere Margen wurden erwartet. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, so Darson Chiu. „In der Elektronikindustrie sind die Exportpreise eingebrochen und Taiwan hat das eher noch als die Konkurrenten in Korea und Singapur zu spüren bekommen. Und nur in Taiwan hatte dies zu einem Minuswachstum geführt.“

Strukturelle Probleme

Laut Darson Chiu sind dafür in erster Linie strukturelle Prob­leme verantwortlich, die nach wie vor ungelöst seien und Taiwan im Vergleich zu seinen Hauptkonkurrenten schlechter dastehen ließen. 43 Prozent der Exporte sind ICT-Produkte. Die Branche, die in den vergangenen Jahrzehnten für den Aufstieg der taiwanischen Wirtschaft zu einem Powerhouse gesorgt hat, sei aber in der Entwicklung stehengeblieben, meint der Ökonom. Anders als in China oder einigen Ländern Südostasiens sei es nicht gelungen, mehrere Stufen in der Wertschöpfungskette nach oben zu klettern. Der Wettbewerb habe zugenommen, die Margen seien in der Folge immer geringer geworden. Hinzu komme weiterhin, dass der chinesische Markt für 30 Prozent der globalen Marktfrage bei ICT-Produkten stehe. Die Aufholjagd in der chinesischen ICT-Industrie habe aber auch zur Folge, dass China viel stärker auf die „rote Beschaffungskette“ setzen könne, wie es die Taiwaner nennen, also auf die Beschaffung im eigenen Markt.

Das zweite Problem ist, dass Taiwan auf absehbare Zeit keine Chance hat, mit seinen Hauptmärkten für Maschinen, Anlagen, Autoteile oder Stahl Freihandelsabkommen zu vereinbaren. Einfuhrzölle von je nach Warengruppe und Zielmarkt fünf bis 20 Prozent bedeuten für taiwanische Hersteller weniger Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten. „Die Koreaner haben beispielsweise inzwischen mit allen unseren Hauptmärkten Freihandelsabkommen vereinbart. Auch mit China.“ Der unter der Vorgängerregierung ausgehandelten Vereinbarung über eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Taiwan und China, ECFA, gibt Darson Chiu unter der jetzigen Regierung keine Chance. Dabei komme sie einer Freihandelsvereinbarung nahe, von der beide Seiten profitieren würden.

 

Wirtschaftsdaten Taiwan Januar bis Juli 2017
(Quelle: Deutsches Wirtschaftsbüro Taipei)

  • BIP-Prognose 568,2 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr 2,11 %
  • BIP pro Kopf 24.120 US$
    Veränderung zum Vorjahr 7,2%
  • Durchschnittseinkommen (Mai) 39.833 TW$
    Veränderung zum Vorjahr 2,8%
  • Außenhandelsvolumen 321,5 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr 14,3%
  • Deutsche Importe aus Taiwan 3,7 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr 7,1%
  • Deutsche Exporte nach Taiwan 5,1 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr 8,1%
  • Realisierte ausländische Investitionen 0,9 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr -17,9%
  • Bestand deutscher Investitionen in Taiwan 2,79 Mrd. US$
    Veränderung zum Vorjahr 1,8%

 

Höhere Wertschöpfung notwendig

Der Wissenschaftler glaubt nicht daran, dass es der taiwanischen Wirtschaft in den kommenden fünf Jahren gelingen werde, einen Sprung in der Wertschöpfung zu erreichen. Von „Erholung“ will er auch nicht sprechen und verweist darauf, dass selbst wenn die zwei Prozent plus Wachstum in diesem Jahr erreicht werden, Taiwan damit immer noch unter dem globalen Durchschnitt von drei Prozent liegen werde. Kleine Länder wie Estland oder Litauen stünden besser da, selbst das lange krisengeschüttelte Griechenland. Der Abstand zum Weltdurchschnitt werde sich in den kommenden Jahren nicht reduzieren. Da helfe auch nicht die von Präsidentin Tsai Ing-wen angestrebte „Südausrichtung“. Dass es vernünftig ist, im Export und bei der Wirtschaftskooperation nicht nur auf einen, auf den chinesischen Markt zu setzen, daran gibt es eigentlich keinen Zweifel. Ob aber die Märkte Südostasiens ein Ersatz für den chinesischen sind, muss bezweifelt werden. Darson Chiu verweist unter anderem auf die Lokalisierungserfordernisse bei der Beschaffung im südostasiatischen Wirtschaftsraum, was den Marktzugang erschwere, so lange es keine bilateralen Investitionsschutz- und Freihandelsabkommen gebe. „Am Ende entscheidet ohnehin die Wirtschaft, in welchem Markt sie aktiv ist. Das kann nicht durch politisch formulierte Willenserklärungen gelenkt werden.“

Vor allem müsse Taiwan sich entscheiden, welchen Platz es in der globalen Wirtschaft einnehmen könne und wolle. „Höhere Wertschöpfung ist der einzigen Weg“, so Darson Chiu. Das ist auch der Regierung unter Tsai Ing-wen klar, die fünf plus zwei innovative Branchen definiert hat, mit denen sich die Insel in den kommenden Jahren einen neuen Platz auf der globalen Wirtschaftsbühne erobern will. Dazu gehören die Biomedizin und der medizinische Gerätebau. Dass die Branche, die schon unter den Vorgängerregierungen als Zukunftsindustrie definiert wurde, in naher Zukunft eine ebenso starke Rolle wie die ICT-Industrie spielen wird, muss aber angezweifelt werden. Derzeit wird ein Fünftel des taiwanischen Bruttosozialprodukts im produzierenden Gewerbe erwirtschaftet, davon die Hälfte in der Elektronikindustrie. Keine zehn Prozent kämen auf die Pharma- und Medizintechnikindustrie, stellt Lee Chia-feng, Leiterin der Abteilung Konsumgüter und chemische Industrie beim Industrial Development Bureau des Wirtschaftsministeriums, fest. Das gegenwärtige Produktionsvolumen in der Branche gibt sie mit 315 Milliarden Taiwan-Dollar an, knapp neun Milliarden Euro. Das jährliche Wachstum soll von gegenwärtig sechs auf neun Prozent im Jahr 2025 ansteigen. Bis dahin sollen 20 neue Medikamente auf den internationalen Markt gebracht werden, 80 neue medizinische Geräte und zehn globale Marken. „Und ich hoffe, dass sich das Exportvolumen bis dahin verdoppelt. Denn das Wachstum können wir nur auf dem Export aufbauen.“ 20 Milliarden Taiwan-Dollar, 560 Millionen Euro, sind es gegenwärtig.

Medizinische Innovation stärken

Um diese Ziele zu erreichen, müssen Impulse gesetzt werden, die Innovation nicht nur erleichtern, sondern auch fördern. In Taipeis Nangang-Bezirk entsteht gerade ein Industriepark für Biomedizin-Unternehmen. Im südlich gelegenen Hsinchu wächst im dortigen Wissenschaftspark ebenfalls ein gut 36 Quadratkilometer großer Industriepark für Biomedizin, der Hsinchu Biomedical Park, in dem für Start-up-Firmen, die neue Pharmazeutika, moderne medizinische Geräte oder Behandlungsmethoden entwickeln, ideale Bedingungen bestehen. Das bestätigt unter anderen Jerry Chen, ein Chirurg, der 2014 mit rund 1,3 Millionen Euro Investitionen die Brain Navi Ltd. als Start-up gegründet hat. Mit heute 15 Mitarbeitern entwickelt er Roboter für endoskopische Operationen am Gehirn. Dabei werden künstliche Intelligenz, moderne Optoelekt­ronik und intelligenter Maschinenbau in Einklang gebracht. Genau das ist der Weg, mit dem für Taiwans Elektronikindustrie neue Wachstumschancen entstehen können. Den Biomedizin-Park von Hsinchu bezeichnet Jerry Chen als einen „idealen Inkubator für junge innovative Unternehmen“, in dem alle notwendigen Geräte für die Entwicklung, einschließlich 3D-Druckern für den Bau von Modellen, sowie Möglichkeiten für Tierversuche gemeinsam genutzt werden können. Zudem gibt es eine zentrale Abteilung, die die Jung­unternehmer im Registrierungsverfahren unterstützt.

Der Chirurg Jerry Chen hat im Jahr 2014 mit rund 1,3 Millionen Euro Investitionen die Brain Navi Ltd. als Start-up gegründet. CC-Chefredakteur Peter Tichauer traf sich mit Chen im Biomedizin-Park von Hsinchu zum Gespräch. © ChinaContact
Der Chirurg Jerry Chen hat im Jahr 2014 mit rund 1,3 Millionen Euro Investitionen die Brain Navi Ltd. als Start-up gegründet. CC-Chefredakteur Peter Tichauer traf sich mit Chen im Biomedizin-Park von Hsinchu zum Gespräch. © ChinaContact

Jerry Chen ist ein Beispiel dafür, wie Jungunternehmer im Bereich der Biomedizin gefördert werden. Schon 2007 habe die Regierung ein Programm verabschiedet, mit dem Wissenschaftler unterstützt werden, Unternehmen zu gründen, sagt der stellvertretende Generaldirektor des Industrial Development Bureaus beim Wirtschaftsministerium, Yu Cheng-wei. Rund die Hälfte der Forschungs- und Entwicklungskosten würden aus einem staatlichen Fonds gefördert. Lee Chia-feng ergänzt, dass ab diesem Jahr der Förderungsschwerpunkt auf Innovation und die Entwicklung neuer und hochwertiger Medikamente, neuer Verfahren und Geräte verlagert wurde, damit „Taiwan zu einem asiatischen Zentrum für Pharmazie und medizinischen Gerätebau wird“. Mit steuerlichen Erleichterungen können Unternehmen rechnen, die in diesen Bereichen forschen, entwickeln und produzieren. Jerry Chen glaubt jedenfalls, dass es in Taiwan ein hohes Potenzial an Fachkräften gibt, die bei richtiger Förderung den Schritt in die Innovation gehen könnten. So sei die Ausbildung von Ärzten in Taiwan eine der besten in der Welt. „Ärzte müssen wie ich aber nicht ewig Ärzte bleiben“, sagt er. „Sie wissen am besten, welcher Bedarf in den Kliniken besteht. Wenn sie sich mit Ingenieuren zusammentun, entsteht eine ideale Partnerschaft für zukunftsweisende medizintechnische Innovation.“ Und John Deng, Vizepräsident der vor zwei Jahren gegründeten Medigen Vaccine Biologics Group, einem Spin-off eines Herstellers von Medikamenten zur Krebsbehandlung, das Medikamente und Impfstoffe auf biologischer Basis in Hsinchu entwickelt, unter anderem zur Behandlung von Darmerkrankungen und Denguefieber, und demnächst auch produziert, fügt an, mit der Entwicklung der Elektronikindustrie in den vergangenen Jahren seien in Taiwan die technischen Voraussetzungen geschaffen worden, um nun auch die Pharmaindustrie stärker entwickeln zu können.

Auch Taiwans demografische Veränderungen mit einer alternden Bevölkerung machten es erforderlich, der Entwicklung in diesen Bereichen mehr Schwung zu verleihen, fügt Lee Chia-feng noch an und verweist auf den Bereich orthopädischer Eingriffe. Das ist genau das Feld der ebenfalls im Hsinchu Biomedical Park ansässigen Wiltrom Co., Ltd., einem aus dem Institut für Industrie-Technologie-Forschung ITRI hervorgegangenen Start-up-Unternehmen, das 2009 gegründet wurde. Liang Huang-chien, Präsident des Unternehmens, sagt: „Damit waren wir der Regierungspolitik einen Schritt voraus und sozusagen ein Pionier.“ Wiltrom entwickelt und produziert künstliche Materialien auf biologischer Basis für Implantate, Knochenaufbau und -ersatz. Allein in Taiwan würden jährlich 20.000 Implantate benötigt, so Liang Huang-chien. Das Verfahren für die Operation, bei dem die Materialien als Pulver inversiv an die entsprechenden Stellen eingefügt werden und sich dann aus dem Pulver der Knochen wieder aufbaut, ist das Innovative. Der Vorteil ist, dass bei den Operationen durch eine minimale Öffnung der Blutverlust gering ist, die Wunde schneller heilt und eine Verletzung der Muskulatur vermieden wird. Die entsprechenden Operationsinstrumente stammen auch von Wiltrom, wobei Liang Huang-chien sagt, sie seien „eine notwendige Zugabe“. „Innovation kannst Du nur verkaufen, wenn Du auch das Instrument für die Anwendung mitlieferst.“ Das eigentliche Produkt sind die Stoffe für die Implantate.

Allein in diesem Jahr investiert sein Unternehmen 35 Millionen Taiwan-Dollar, etwa 980.000 Euro, in Forschung und Entwicklung, so Liang Huang-chien. Vom Staat erhalte er weitere zehn Millionen Taiwan-Dollar, knapp 280.000 Euro, als Forschungs- und Entwicklungszuschuss, der nicht rückzahlbar sei, „wenn die Regierung von dem Projekt überzeugt ist“.

Mehr Investitionen in die Ausbildung und Ressourcen für die Forschung und Entwicklung zur Verfügung zu stellen, das sei alles richtig und auch wichtig, meint Jerry Chen, wünscht sich allerdings, dass die Regierung eher daran denkt, den jungen und oft kleinen Unternehmen in der Branche bei der Öffnung der Märkte unter die Arme zu greifen. Er glaubt, die Medizintechnik könnte nach der Textilindustrie und der 
Elektronikindustrie die neue Wachstumsbranche für Taiwan werden. Allerdings müsste auch ein Umdenken erfolgen. „Taiwan ist das Königreich der OEM-Produktion“, stellt er fest, die Elektronikindustrie sei damit lange gut gefahren, auch ohne eigene Marken aufzubauen, die in der Welt einen Namen haben. Anders als in der Elektronikindustrie könne in der Medizintechnik nicht auf Masse gesetzt werden. Würden aber innovative Geräte entwickelt und richtig vermarktet, könnten deutlich höhere Margen als in der Elektronikindustrie erzielt werden. Voraussetzung sei allerdings, dass Marken aufgebaut würden, mit denen taiwanische Unternehmen im globalen Markt Nischen besetzen können. Dabei müsse die Regierung unterstützen. Ebenso bei der Registrierung der Geräte für den einheimischen Markt. „Das dauert noch zu lange“, sagt Jerry Chen, der seine Prototypen zuerst in Europa registrieren lässt, weil eine europäische Zulassung es einfacher macht, das taiwanische Verfahren zu durchlaufen. Außerdem sei der taiwanische Markt viel zu klein. Auch das ein Hinweis, in welche Richtung die Biomedizin-Strategie Taiwans gehen muss. 2020 will er dann unter eigener Marke die ersten 20 bis 50 „Gehirn-Navigatoren“ auf den Markt bringen und er rechnet sich aus, in den darauffolgenden Jahren jährlich etwa zehn Prozent zu wachsen. „Der Anfang ist immer schwer.“

Liang Huang-chien sieht die Notwendigkeit des Markenaufbaus und intensiveren internationalen Marketings ebenso. Noch mache die Wiltrom Co., Ltd. 90 Prozent des Umsatzes in Taiwan. Das mögliche Marktvolumen sei aber mit umgerechnet etwa 2,8 Millionen Euro eher gering. Mehr Potenzial sieht er im US-amerikanischen Markt, wo aufgrund der verbreiteten Fettleibigkeit in der Bevölkerung 45 Prozent der weltweiten operativen Bandscheibeneingriffe erfolgen.

Nicht auf die Regierung verlassen

Wie Jerry Chen und Liang Huang-chien verweist auch John Deng von der Medigen Vaccine Biologics Group auf die beschränkte Größe des taiwanischen Marktes. Die Fabrik im Hsinchu-Park ist nagelneu, modern ausgestattet und lichtdurchflutet. Moderne Kunst in den Fluren.

John Deng lobt die guten Bedingungen im Park, der in den vergangenen zwei Jahren sichtlich gewachsen ist und wo demnächst das renommierte Krankenhaus der Taiwan-Universität einen Ableger eröffnen wird. „Damit werden für uns klinische Tests einfacher.“ Außerdem profitiere sein Unternehmen von der Nähe zu den Bildungseinrichtungen in Hsinchu. Um gutes Personal müsse er sich keine Sorgen machen.
Vor allem von dem Dengue-Präparat, das derzeit wie alle anderen Präparate noch in der Zertifizierungsphase ist, erhofft sich die Medigen Vaccine Biologics Corp. einen Durchbruch auf dem Weltmarkt, insbesondere in Südostasien, wo nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 70 Prozent der jährlich weltweit 100 bis 500 Millionen neuen Ansteckungen registriert werden. Insofern sieht er die neue Ausrichtung nach Südostasien positiv. Ansonsten glaubt er, dass es nicht darauf ankomme, ob die Regierung sogenannte Schwerpunktbranchen definiere oder nicht und diese in der einen oder anderen Form fördere. „Nicht die Regierung muss entscheiden, sondern der Markt muss es regeln“, steht für John Deng außer Frage. „Wir müssen uns selbst stärken und unsere Nische finden.“ Damit ist er sich mit Jerry Chen von Brain Navi einig. Das gelte für alle taiwanischen Unternehmen in der Branche, so John Deng. Sie könnten sich nur behaupten, wenn sie auf weltweit höchstem Niveau entwickeln und entsprechend technisch ausgestattet sind. Im dritten Quartal 2018 soll bei Medigen die reguläre Produktion anlaufen, „vielleicht noch nicht unter unserer eigenen Marke“, so John Deng, der darauf verweist, auch Auftragsfertigung für globale Hersteller übernehmen zu können. Die eigene Marke ist aber ein definitives Ziel.

Für Lee Chia-feng vom Büro für Industrielle Entwicklung beim Wirtschaftsministerium ist auch klar, dass die Branche nur eine Zukunftschance hat, wenn sie sich internationalisiert. Sie verweist aber auf eine Schwierigkeit, die die Hersteller von Pharmazeutika und medizinischen Geräten vor Herausforderungen stelle. Denn anders als bei ICT-Produkten müssten hier für jeden einzelnen Zielmarkt die besonderen Zertifizierungsanforderungen beachtet werden. Das ist im Prinzip auch für deutsche Hersteller ein Problem, die in den taiwanischen Markt wollen, so Axel Limberg. Aufgrund nationaler Zertifizierungsbestimmungen seien die Markteintrittsbarrieren noch hoch. Das staatlich gelenkte Gesundheitswesen, das ohne Zweifel zu einem der besten in Asien gehört, mache es ausländischen Pharmaunternehmen schwer, neue Produkte auf den ohnehin kleinen Markt zu bringen. Das hänge auch mit der konservativen Haltung der Taiwaner zusammen, die gegenüber Neuem wenig aufgeschlossen seien und sich ungern als „Versuchskaninchen“ sähen. Taiwans Tür sei nur schwer zu öffnen, meint auch Hong Tsai-lung, Kartellrechtskommissar bei der Fair Trade Commission, der vor den Wahlen Wirtschaftsberater im Team der heutigen Präsidentin Tsai Ing-wen war. „Innovation braucht ein offenes Umfeld“, sagt er. Diese Offenheit fehle in der Gesellschaft oftmals. Konflikte sollen vermieden werden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum viele einschätzen, dass die Regierung zwar Ziele für die Zukunft vorgegeben hat, ihr es aber schwerfällt, einen klaren Weg zum Erreichen der Ziele zu skizzieren. Genau das bemängelt auch Darson Chiu vom Taiwan Institute of Economic Research.

Prämien für „Grün“

Möglicherweise lassen sich die Vorbehalte in der Gesellschaft bei einem anderen Thema schneller überwinden, denn es betrifft die Umwelt. Auch die Taiwaner wollen saubere Luft. Die wird aber in den Städten durch Millionen Scooter verpestet. Von den 13 Millionen Scootern auf den taiwanischen Straßen sind derzeit nur 80.000 elektrisch betrieben. Bis zum Jahr 2018 soll der Anteil von E-Scootern auf acht Prozent steigen, sagt Tung Chien-chiang, Abteilungsleiter im Büro für Industrieentwicklung beim Wirtschaftsministerium, und er stellt fest, dass der Anteil der E-Scooter am gesamten Scooter-Verkauf derzeit um etwa fünf Prozent im Jahr wächst. Das werde unter anderem dadurch erreicht, dass der Verkauf je nach Größe des Fahrzeugs mit 7.200 bis 10.000 Taiwan-Dollar, etwa 200 bis 280 Euro subventioniert wird. Das entspreche einem Viertel des Verkaufspreises und der Differenz zum Preis der benzinbetriebenen Scooter. Zusätzlich gewähren einzelne Kommunen Nachlässe bei den Gebühren für die Registrierung der Fahrzeuge und für die Nummernschilder, so dass der Zuschuss in der Summe bis zu 17.000 Taiwan-Dollar, rund 470 Euro, ausmachen kann. Diese Subventionen würden aber nur für Scooter gewährt, die einen hohen taiwanischen Lokalisierungsanteil in der Produktion haben, stellt Li Yan, einer der Gründer des Pekinger Start-ups Niu Technology Co., Ltd. fest, das seit 2014 mit den Niu-Scootern nicht nur in China, sondern auch in Europa im E-Scooter-Markt neue Zeichen setzt. „Taiwan wäre sicherlich ein interessanter Markt“, meint er, „eine Chance haben wir dort aber nicht.“

Auch die Taiwaner wollen saubere Luft. Die wird aber in den Städten durch Millionen Scooter verpestet. © iStock/ronniechua
Auch die Taiwaner wollen saubere Luft. Die wird aber in den Städten durch Millionen Scooter verpestet. © iStock/ronniechua

Im Deutschen Wirtschaftsbüro Taipei ist man sich nicht sicher, wie ernst die Pläne zu nehmen sind, denn gerade in diesem Sommer habe sich gezeigt, dass Taiwan Probleme mit der Sicherung der Stromversorgung habe. Das sieht Tung Chien-
chiang freilich anders und er verweist darauf, dass die „Grün-Prämie“ nicht das einzige Mittel ist, um die Taiwaner für elektrisch betriebene Scooter zu begeistern. Wichtig sei der Ausbau der Ladeinfrastruktur. Parkflächen und Tankstellen sollen in den kommenden Jahren flächendeckend mit Ladestationen ausgerüstet werden. Für neue Bauvorhaben gelte die Vorgabe, Lademöglichkeiten zu schaffen. Auch werde es darum gehen, in die Entwicklung der Batterien zu investieren. „Hier sehen wir gute Möglichkeiten für Kooperationen mit deutschen Anbietern“, sagt Yu Cheng-wei.

Beim Projekt „Grün im Straßenverkehr“ geht es derzeit allerdings nur um Scooter. Zwar werden in Taiwan auch Elektro-Autos vertrieben, ihr Marktanteil ist allerdings nur marginal. Yu Cheng-wei glaubt, daran werde sich in naher Zukunft auch nicht viel ändern, „denn die Preisunterschiede zu den Autos mit herkömmlichem Verbrennungsmotor sind noch zu groß“. „Wir verfolgen aber sehr genau die Diskussion in Deutschland über den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor-Zeitalter und die in anderen europäischen Ländern dazu bereits formulierten klaren Zielvorgaben.“

 

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 10/2017 erschienen.

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