Person der Woche: Elwira Nabiullina

Elwira Nabiullina © Norwegian-Russian Chamber of Commerce, via flickr

ASPEKTE

  • Nabiullina ist die erste Frau als Zentralbank-Chefin.
  • Die Gouverneurin der Zentralbank zeichnet strenge Geldpolitik aus.
  • Die Wirtschaftswissenschaftlerin stammt aus einfachen Verhältnissen.

Orthodox und liberal – dass das, was gesellschaftlich unvereinbar klingt, in der Wirtschaftspolitik Sinn machen kann, zeigt die Gouverneurin der russischen Zentralbank. Elwira Nabiullina hat sich einen Namen gemacht mit der Rettung des Rubels Ende 2014 durch die mutige Anhebung des Leitzinses auf 17 Prozent. Inzwischen hat sich der Rubel stabilisiert und das Inflationsziel erreicht: Die Inflation ist von zirka 17 Prozent im Jahr 2015 auf heute vier Prozent gesunken. Der Leitzins wurde im September auf 8,5 Prozent gesenkt. Nabiullina bleibt vorsichtig, für ihre strenge Geldpolitik ist sie bekannt.

Die Frau mit der Brille mag auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen, doch ihre Linie zieht sie mit eiserner Hand durch. Und sie hat sich so das Vertrauen von Präsident Putin erarbeitet. Dabei kommt sie eher aus dem marktwirtschaftlich orientierten Umfeld. Der ehemalige liberale Wirtschaftsminister und heutige akademische Leiter der renommierten Moskauer Higher School of Economics gilt als ihr Mentor. Auch mit German Gref, dem heutigen Chef der Sberbank, einem anderen Vorzeigeliberalen aus dem Regierungskreis, hat sie eng zusammengearbeitet.

Als Tochter eines Lastenfahrers und einer Fabrikarbeiterin ist die Opernliebhaberin die Verkörperung des „sowjetischen Traums“: Erfolg durch harte akademische Leistung. Nachdem die ausgezeichnete Schülerin mit 27 ihre Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Lomonossow-Universität abschlossen hatte, heuerte der Wissenschaftlich-industrielle Verband der UdSSR (heute Russischer Verband der Industriellen und Unternehmer, RSPP) die gebürtige Tatarin an. Sie leitete dort erst die Abteilung für Wirtschaftsreformen, dann für Wirtschaftspolitik. Vier Jahre später wurde sie für das Wirtschaftsministerium nominiert, wo sie ebenfalls mit Reformpolitik betraut war, bevor sie 1997 zur stellvertretenden Wirtschaftsministerin berufen wurde. Diesen Posten hatte sie ein Jahr inne.

Nach einem kurzen Ausflug in die Privatwirtschaft – in die Bank des Vaters der liberalen georgischen Wirtschaftsreformen, Kacha Bendukidse – war sie 2003 bis 2005 Leiterin des wirtschaftlichen „Zentrums für strategische Konzepte“, das einmal als Schattenkabinett angedacht war. Sie führte auch den Expertenrat zur Vorbereitung der russischen G8-Präsidentschaft 2006 an.

Im folgenden Jahr wurde die Frau mit der sanften Stimme Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, angeblich hatte Gref selbst sie empfohlen. Die Ernennung zu einer der fünf „persönlichen Berater des Präsidenten“ nach fünf Jahren war ein Zeichen, dass sie auch ohne Ministeramt nah am Entscheidungszirkel verbleiben sollte. Und in der Tat: 2013 wurde sie die erste Frau an der Spitze der russischen Zentralbank. Das russische Wachstum stockte bereits, aber wie schwierig die Zeiten nach der Krim-Krise und den Sanktionen für die russische Wirtschaft werden würden, war damals noch nicht klar. Doch Nabiullina bewährte sich.

Auch die erfolgreiche Konsolidierung des russischen Bankensektors, der mit über 1.000 kleinen und großen Instituten stark fragmentiert war, fällt unter Nabiullinas Mandat. Seit 2013 wurde die Zahl um ein gutes Drittel auf rund 600 Banken reduziert, außerdem passt die Zentralbank das Modell der Bankenaufsicht „den Anforderungen der Zeit“ an. In Zukunft sollen Regulierung und Aufsicht von der Lizenzierung und finanziellen Sanierung getrennt sein.

Dass der Kampf noch nicht beendet ist, zeigt der Fall Otkritie, einer der größten privaten Banken Russlands. Es ist das erste Mal, dass eine der zehn für das russische Finanzsystem „systemisch wichtigen“ Banken von der „Gesundungs“-Aktion betroffen ist. Nabiullina, immer um eine konsequente Linie bemüht, entschied die Bank zwar zu retten, aber unter Aufsicht der Zentralbank zu stellen.


AUSSAGEN

  • Die Zentralbankchefin setzt auf Zwangskonsolidierung.
  • Die Zentralbank sollte ihrer Meinung nach die Inflation senken.
  • Reformen müssen ihrer Auffassung nach das Investitionsklima verbessern.

Über die Zwangskonsolidierung des Bankensektors in Russland

„Ich sehe das nicht als Säuberung, sondern als Prozess der Gesundung des Bankensektors. Es ist eine Befreiung von schwachen Spielern“. (2016)

„Was uns gefällt, ist, dass die Leute verstehen, dass für die, die das Gesetz nicht respektieren, Strafe unvermeidlich ist. Skrupellose Banker werden bestraft und gehen ins Gefängnis.“ (2016)

„Wir haben unsere Politik der Säuberung des Bankensystems fortgesetzt, trotz der schwierigen Umstände, weil sich wirklich massive Probleme angesammelt hatten und einige Bankenvermögen nur auf Papier existierten. In 70 Prozent der Fälle waren diese Banken in der Schattenwirtschaft und in zweifelhafte Aktivitäten involviert.“ (2017)

„Wenn die russische Zentralbank instabilen oder betrügerischen Kreditinstituten die Lizenz entzieht, schützt sie zunächst die Interessen der Anleger und Gläubiger.“ (2017)

Über die Aufgabe der Zentralbank

„Wichtigstes Ziel der Zentralbank sollte sein, die Inflationsrate auf drei bis vier Prozent zu senken.“ (2013)

„Ich bin zuversichtlich, dass die Zentralbank bei ihrer Arbeit, die gesetzlich festgelegten Ziele zu erreichen, einen positiven Beitrag zur Entwicklung der russischen Wirtschaft leisten wird.“ (2017)

Über das Bankgeheimnis

„Wir schlagen vor, Dokumente, die unter das Bankgeheimnis fallen, vorzulegen, wenn Anzeichen für Verstöße vorliegen – und nur in solchen Fällen – um sicherzustellen, dass Strafverfahren so bald wie möglich eingeleitet werden. Sodass die Eigentümer und Führungskräfte dieser Banken in einer effektiveren Weise zur Verantwortung gezogen werden können.“ (2017)

Über die Bewältigung der Krise

„Das Bankensystem ist vollkommen zur Profitabilität zurückgekehrt. Es ist etwa auf dem gleichen Niveau wie vor den Krisen, die gegen Ende 2014 begannen. Das haben wir nicht erreicht, indem wir die Augen vor gewissen Problemen verschlossen haben, sondern wir haben unsere Beaufsichtigung verstärkt.“ (2016)

Über Blockchain und Krypto-Währungen

„Die Verwendung von Krypto-Währung als Ersatz für den Rubel im Handel mit Waren und Dienstleistungen birgt unserer Meinung nach die Gefahr, die Zirkulation des Geldes zu untergraben. (…) Wir als Regulator sind verpflichtet, über die Risiken nachzudenken und diese zu vermeiden. Viele dieser Technologien sind nicht reguliert und staatenlos.“

Über Bankenaufsicht

„Ziele der Bankenaufsicht mit Marktentwicklungszielen zu kontrastieren, wäre ein schwerer Fehler.“ (2017)

Über Reserven  

„Eine Politik der Wiederaufstockung unserer Reserven könnte nur dann erfolgen, wenn es unserem Inflationsziel nicht schadet. Wir haben das Ziel (noch) nicht vollständig erreicht.“ (2017)

Über die aktuellen Reformpläne

„Das erste Ziel dieser Reformen sollte sein, das Vertrauen der Unternehmen und damit das Investitionsklima zu verbessern, um mehr Anreize für Unternehmen zu schaffen, in Russland zu investieren.“ (2017)


ANSICHTEN

  • Experten loben ihre Leistung für die Stabilisierung der Wirtschaft.
  • Sie gilt als eine der mächtigsten Frauen Russlands.
  • Die Zentralbank-Chefin zählt zu den wichtigsten Reformern des Landes.

Wladimir Putin, russischer Staatspräsident

„Unter ihrer Leitung hat die Zentralbank viel getan für die Stabilisierung der Wirtschaft als Ganzes, für die Stabilität des Bankensektors und des ganzen Finanzbereichs.“ (2017)

Elina Ribakowa, Chefökonomin für die EMEA-Region (Europa, Naher Osten und Afrika) bei der Deutschen Bank AG London über Nabiullinas Nominierung für eine weitere Amtszeit

„Das sind gute Nachrichten nicht nur für die Makro-Stabilität, sondern auch für mittelfristiges Wachstum, selbst wenn einige Analysten nicht immer zustimmen, dass Nabiullina auch gut für Wachstum sein kann.“ (2017)

Eduard Steiner, Wirtschaftsjournalist, Die Welt

„Die Frau, die für Putin den Rubel rettet.“ (2015)

„Womöglich wären die Banken des Landes binnen weniger Stunden kollabiert, wenn Nabiullina falsch reagiert hätte. Hat sie aber nicht.“ (2015)

Kenneth Rapoza, BRIC-Korrespondent bei Forbes

„Nabiullina ist wohl eine der mächtigsten Frauen in Russland. Sie hat Wladimir Putins Ohr für alles, was mit Wirtschaft und Finanzen zu tun hat. Putin vertraut ihr in diesen Angelegenheiten.“ (2017)

Elisaweta Osetinskaja, russische Journalistin für Wirtschaftspolitik, ehemalige Chefredakteurin der Wirtschaftszeitungen Wedomosti und Forbes, der RBC-Medienholding, Gründerin des Nachrichtendienstes „The Bell“

„An die Spitze der Liste der mächtigsten Leute in der russischen Wirtschaft würde ich sicherlich die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina stellen. (…) Sie ist wahrscheinlich der konsequenteste Reformator in Russland.“ (2017)

Michail Bolotin, russischer Wirtschaftsjournalist

„International genießt sie hohes Ansehen, doch im Inland muss sie sich mit der Rolle des Sündenbocks anfreunden.“ (2015)

Birgit Hansl, Residentin der Weltbank in Russland

„Ihre Entscheidungen spiegeln ihre Fähigkeit wider, das zu tun, was gut für das Land ist, ungeachtet der politischen Situation.“ (2016)

Oleg Wjugin, Vorsitzender der MDM-Bank und ehemaliger Vizegouverneur der Zentralbank, über Nabiullinas Konsolidierung des Bankensektors

„Sie hat einen Blankoscheck von der Regierung erhalten, Banken, die früher unantastbar waren, zu verfolgen.“ (2016)

Preisvergabe-Komitee des Finanzmagazins Euromoney zur Nominierung von Nabiullina als Zentralbankerin des Jahres 2015

„Die Schocktherapie hat funktioniert. Die Pläne, das scheiternde Band des russischen Rubels mit dem Dollar aufzugeben, ermöglichten es der russischen Zentralbank, auf Ad-hoc-Basis zu intervenieren, um die finanziellen Bedingungen zu stabilisieren.“ (2015)

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