Moskau nimmt Kurs auf Merkel

In Deutschland wurde viel geschrieben über eine mögliche Beeinflussung der Bundestagswahl durch den Kreml durch Fake-News-Attacken, eine Instrumentalisierung der Russlanddeutschen oder Hackerangriffe.

Von Moritz Gathmann

Bundeskanzlerin Merkel und Russlands Präsident Putin bei einem Treffen in Sotschi im Mai, © kremlin.ru

Bislang hat sich kaum etwas bewahrheitet, und wer heute die Berichterstattung staatlicher russischer Medien betrachtet, der bekommt den Eindruck, als würde sich die Berichterstattung geradezu um Neutralität bemühen. Zwar berichten die Medien noch immer ausführlich über explizit russlandfreundliche Äußerungen von AfD- oder Linke-Politikern. Aber die schrillen Töne aus dem letzten Jahr, insbesondere gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel, sind weitgehend passé.

Russische Medien für Merkel

Diesen Eindruck teilte jüngst auch Vladislav Belov, Deutschland-Kenner und stellvertretender Direktor des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, im Deutschlandfunk: „Nach den Gesprächen zwischen Frau Merkel und Herrn Putin Anfang Mai in Sotschi habe ich festgestellt, dass die Option Merkel für die nächste Legislaturperiode für Wladimir Wladimirowitsch eine gute Chance ist. Das merkt man auch in russischen Propaganda-Medien, in den ersten zwei Fernsehkanälen, den offiziellen Zeitungen, da ist die Kritik an Frau Merkel verschwunden.“

Mögen im letzten Jahr noch Hoffnungen auf einen Wechsel im Bundeskanzleramt bestanden haben, ist man im Kreml offenbar zu dem Schluss gelangt, dass man mit Angela Merkel auch die nächsten vier Jahre zu tun haben wird – und sich die Beziehungen nicht schon während des Wahlkampfs verderben sollte. Zudem besteht in Moskau angesichts des schlechter werdenden Verhältnisses zwischen Berlin und Washington die Hoffnung auf eine Wiederannäherung.

Große Koalition steht für pragmatischen Kurs

Bevorzugt wird in Russland eine Fortsetzung der Großen Koalition, denn die steht in für Moskau wichtigen Fragen für einen pragmatischen Kurs. Dazu gehört insbesondere die Fortsetzung des Baus der Pipeline Nord Stream 2. Auch bezüglich der Sanktionen birgt die Konstellation Merkel/Schulz Chancen. Gegen die Verschärfung der Sanktionen von US-Seite hat auch Merkel deutlich Position bezogen. Und eine schrittweise Aufhebung der Wirtschaftssanktionen im Falle von Fortschritten bei der Umsetzung des Minsker Abkommens scheint möglich. Darauf lassen entsprechende Äußerungen von Merkel und Außenminister Sigmar Gabriel schließen. Eine Jamaika-Koalition wäre dagegen problematisch für Moskau: Insbesondere die Grünen treten für eine harte Linie gegenüber Russland ein.

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