Interview mit GEA: „Man müsste uns eigentlich auf Händen tragen“

Der börsennotierte Technologiekonzern GEA hat in Russland lokalisiert. Wir
trafen Country Manager Oliver Cescotti im GEA-Werk in Klimowsk und sprachen über Lokalisierung, Importsubstitution und Exporte.

Oliver Cescotti, Country Manager GEA Russland, © OWC

Herr Cescotti, seit wann produziert GEA in Russland?
Cescotti:
Unsere Tierhygieneproduktion in Woronesch gibt es seit 2007, die Stallausrüstungsproduktion in Kolomna bei Moskau sogar seit 2005. GEA hatte damals einen niederländischen Produzenten von Stallausrüstung gekauft, der ein Tochterunternehmen in Russland hatte. Wir überdenken derzeit die strategische Nachhaltigkeit der Produktionen in Kolomna und in Woronesch. Die Hygieneproduktion und die Herstellung von Stallausrüstung in diesen Werken sind ein Nischenmarkt, der unsere Angebotspalette für Turnkey solutions ergänzt. Im Werk in Klimowsk wollen wir in jedem Fall expandieren. Wir stellen hier unter anderem Gasverdichtungs- und Separationsanlagen für verschiedene Branchen her. Es besteht seit 2015 und ist ein „Multifunctional assembly plant“ oder multifunktionales Montagewerk. Wir haben eine breite Produktionspalette und identifizieren kontinuierlich GEA-Produkte, für die es eine Marktnachfrage gibt. Dann prüfen wir unsere Produktionsmöglichkeit und das Lokalisierungspotenzial, um dadurch einen Konkurrenzvorteil zu gewinnen und somit bessere Verkaufschancen zu haben.

Was war der Grund dafür in Klimowsk zu lokalisieren?
Cescotti: Wir hatten vor wenigen Jahren ein Projekt in Sibirien, eine Gasverdichterstation für Gazprom. Durch das Know-how aus diesem Auftrag haben wir eine weitere Ausschreibung für acht Anlagen gewonnen. Das war der Kick-off für dieses Werk. Im Februar 2015 haben wir den Vertrag unterschrieben und im Mai angefangen zu montieren. Die Werkshalle mit Laufkränen hatten wir erst im Februar gefunden. Da gab es kein Zurück mehr, wir hatten Lieferfristen. Innerhalb von zwei Monaten haben wir das Gebäude, eine leere Halle, mit der notwendigsten Infrastruktur ausgerüstet. Und dann haben wir angefangen zu arbeiten: zur Peak Time in drei Schichten und mit 80 Leuten. Das ist auch das Maximum bei dem beschränkten Platz von zirka 2.000 Quadratmetern.

Das erklärt also, warum Sie 2015 ein Werk beziehen und dann zwei Jahre später schon merken, dass es zu klein ist?
Cescotti: Wir haben viele verschiedene Produkte und Lösungen in der GEA. Die Multifunktionalität lässt wenig Prognosen zu. Was wir im nächsten Jahr oder in zwei Jahren produzieren werden, ist sehr schwierig zu sagen. Wir hatten auch schon schlechte Zeiten, in denen das Werk bei Weitem nicht ausgelastet war. In dieser Zeit haben wir für das Werk in Kolomna auch Stallausrüstungen geschweißt, also ganz einfache Schwarzmetallarbeiten gemacht. Es ist eine Herausforderung, eine stabile Auslastung bereitzustellen. Wir prüfen derweil, was wir in Russland auch für unsere globalen Standorte produzieren können. GEA hat weltweit fünf solche universale Montagewerke – in Deutschland, China, Indien, den USA und hier in Russland. Klimowsk ist das „New kid on the block“ und wir prüfen, wie es an der globalen Auslastung dieser Werke teilnehmen kann und ob Klimowsk als nächstgelegenes Werk zu Westeuropa auch für die EU produzieren kann.

Das entspricht ja auch der neuen Leitlinie der russischen Politik – erst lokalisieren, dann exportieren.
Cescotti: Natürlich. Und damit sind wir absolut im Trend. Ich weiß auch, dass unsere Bemühungen mit Interesse beobachtet werden. Ich rechne aber nicht damit, dass es konkrete Unterstützung gibt, auch wenn wir als GEA recht bekannt sind. Vor dem Hintergrund der politischen Situation in Russland müsste man uns eigentlich auf Händen tragen. 200 russische Ingenieure haben bei uns einen unbegrenzten Zugang zu Technologie in einem weltweit tätigen Technologiekonzern. Wenn es hier eine Technologie gibt, die gebraucht wird, dann haben wir die Möglichkeit, das gesamte globale Know-how von GEA anzuzapfen. Und wir bestimmen selbst, was hier verkauft wird.

„Russland hat den Zug im Werkzeugmaschinenbau verpasst.“

Wie steht es um Ihren Lokalisierungsgrad?
Cescotti: Nehmen wir das Beispiel Kälteanlagen und Gasverdichtung. Der GEA-Verdichter aus Deutschland oder den Niederlanden ist hier das Kernprodukt unserer GEA-Anlage. Den werden wir niemals importsubstituieren. Wir haben eine Fabrik in Berlin, die ungefähr 1.500 Schraubenverdichter jährlich für die gesamte Welt produziert. Ich werde manchmal gefragt, ob wir nicht eine Verdichter-Fabrik in Russland bauen können. Da habe ich immer eine einfache Antwort: Kein Problem, aber wir brauchen mindestens eine garantierte Abnahme von 1.500 Stück. Der Gesamtbedarf von Russland ist aber vielleicht fünf Prozent. Das heißt, man müsste für den Export produzieren. Und wenn man dafür produziert, dann ist der Benchmark viel höher, wenn man konkurrenzfähig sein möchte. Das ist ja überhaupt ein interessantes Thema bei der Lokalisierung: Wenn zu viel importsubstituiert wird, besteht die Gefahr, dass die Qualität sinkt. Und wenn die sinkt, verschließt man sich vor dem Exportmarkt und das wird zum Nachteil für das Land, denn der Exportmarkt bringt Devisen. Russland hat den Zug im Werkzeugmaschinenbau verpasst. Das muss man ganz offen sagen. Es gibt im Werkzeugmaschinenbau in Russland mit DMG Mori einen einzigen konkurrenzfähigen Werkzeugmaschinenbauer. Sie produzieren mit ihren 300 Mitarbeitern so viel wie alle Werkzeugmaschinenbauer Russlands zusammen. In Anbetracht eines 140-Millionen-Einwohner-Landes ist diese Tatsache bezeichnend.

Sie glauben also nicht, dass die Importsubstitution Russland helfen wird aufzuholen?
Cescotti: Sie müssen an die Maßstäbe denken. Nehmen Sie Toleranzen im Werkzeugmaschinenbau oder die Robotertechnik. Es gibt kein Land, das isoliert ist und zugleich weltweiter Leader im Industriebereich. Das ist undenkbar. Es gibt globalisierte Strukturen, internationale Konzerne und Ingenieure aus Amerika, Europa und Asien, die dort ihre Köpfe zusammenstecken. Was will Russland alleine machen? Natürlich gibt es auch hier geniale Leute und wir sind stolz auf unsere lokale Ingenieursleistung. Wir haben zum Beispiel ein Aggregat für Heliumverdichtung, das nur wir hier in Russland produziert haben. Und obwohl unsere russischen Ingenieure das von A bis Z konzipiert haben und es hier gebaut wurde, haben wir kein Ursprungszertifikat bekommen, dass es ein russisches Produkt ist. Denn der Wert der zwei ausländischen Kernkomponenten in der gesamten Anlage, die in dem Aggregat verbaut wurden, etwa der Verdichter und der Elektromotor, machen 60 Prozent aus. Und da können wir uns drehen und wenden wie wir wollen, wir kriegen kein Zertifikat. Hätten wir den Motor in Russland gekauft, wäre es anders, dann wäre das Produkt „Made in Russia“. Dabei verwenden die russischen Hersteller auch ausländische Komponenten. Es ist immer schwierig zu beantworten, wie viel Prozent man lokalisiert hat. Ich sage oftmals 70 Prozent. Aber gemessen an was? Dem Wert der Bauteile, wie viel Kilogramm importiert oder nicht importiert sind? Das ist alles relativ. Es ist ein Politikum.

Wovon hätten Sie profitiert, wenn das Produkt das Zertifikat „Made in Russia“ bekommen hätte?
Cescotti: Das war eine nachträgliche Auflage unseres Kunden, und nicht unser Ziel. Unser Kunde hatte Probleme, weil er Subventionen vom Staat bekommt und diese nur in Abhängigkeit vom Lokalisierungsgrad ausgeschüttet werden. Das ist die Absurdität der Diskussion. Aber die russischen Zulieferer müssen auch Qualität, Preis und normale Lieferzeiten bieten, damit wir ihre Motoren kaufen. Es ist noch lange nicht so, dass ein russischer Motor preiswerter ist als ein importierter. Auch bei der Qualität und der Garantieleistung haben viele russische Hersteller noch Nachholbedarf.

Wie steht es denn um die Qualität anderer Produkte in Russland? Gibt es Probleme bei Zulieferern?
Cescotti: Wir haben jüngst eine Kooperation mit dem russischen Verband zur Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMSP) unterzeichnet. Es geht darum, kompetente und langfristig zuverlässige Zulieferer zu finden. In der letzten Woche haben wir der KMSP Checklisten geschickt, nach denen wir potenzielle Zulieferer vorauswählen, zum Beispiel, ob sie ein wirkliches Qualitätsmanagement haben, finanziell stabil sind und Steuern zahlen. Gerade Steuern sind in Russland ein besonderes Thema. Steuerbetrug ist zwar viel schwieriger geworden, aber wir hatten zum Beispiel einen Fall, dass ein Zulieferer die geschäftliche Tätigkeit eingestellt hat und einfach „verschwand“. Dann kam die Steuerbehörde zu uns und wollte, dass wir für entgangene Gewinnsteuer und Mehrwertsteuer aufkommen. Sie sagten, wir müssten schließlich wissen, mit wem wir zusammenarbeiten und seien unserer Sorgfaltspflicht bei der Lieferantenauswahl nicht nachgekommen. Deshalb muss man bei der Auswahl von Zulieferern sehr aufmerksam sein.

Kommt es vor, dass ein Kunde sagt, ich suche mir einen anderen Zulieferer, weil GEA nicht garantieren kann, dass ich den lokalen Anteil halte?
Cescotti: Wir sind für unsere Kunden ideal, weil wir flexibel sind. Der besagte Kunde hatte uns diese Auflage nicht gegeben. Deshalb kam es für ihn zu Schwierigkeiten und bis heute ist das Aggregat nur angezahlt, jedoch ausgeliefert. Letztlich wird sich dieser Fall aber in Wohlgefallen auflösen, da beide Seiten zusammen nach Lösungen suchen. Ein Unternehmen muss schließlich seine Anlage zu einem bestimmten Tag X in Betrieb nehmen. Und nur weil der Motor importiert ist, kann die Inbetriebnahme einer ganzen Anlage nicht verschoben werden.

„Die Vorteile des SPIK sind fraglich.“

Sie haben keinen Spezinvestkontrakt abgeschlossen. Ist das ein Problem, wenn Sie viele Staatsaufträge haben?
Cescotti: Für einen SPIK muss man zehn Millionen Euro investieren. Unser Werk in Klimowsk auszurüsten, hat weit unter einer Million Euro gekostet. Die Vorteile des SPIK sind fraglich. Wir haben dadurch keinen Wettbewerbsnachteil. Insbesondere hapert es ja an der Akzeptanz, was als lokalisiert von den Behörden bewertet wird oder nicht, um in den Genuss von Investitionsvorteilen zu kommen oder nicht. Das ist diese Kurzsichtigkeit, die man immer wieder in Russland erfährt.

Das heißt, wenn es staatliche Aufträge gibt und Sie die Technologie bieten,sind Sie auch gefragt?
Cescotti: Wenn die Technologie nicht auf der Sanktionsliste steht, ja. Wir haben praktisch nichts, was von den Sanktionen betroffen ist. Natürlich prüfen wir unsere Produkte und liefern nichts, was wir nicht dürfen. Aber wir treffen oft auf gegenseitiges Verständnis. Schließlich haben Politiker das Problem der Sanktionen und Antisanktionen verursacht. Wir aber sind keine Politiker, betreiben keine Politik und können für alle politischen Probleme auch keine Lösungen anbieten. Ich bin überzeugt, dass unsere intensive geschäftliche Tätigkeit ein Brückenbau zwischen Russland und dem Rest der Welt ist. Unsere Präsenz im Land kann nur einen positiven Einfluss haben.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Elena Matschilski und Patrick Bessler.

Dieser Beitrag erschien zuerst in OstContact 09/2017.

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