Deutsche Konzerne setzen auf polnische Warenlager

Der Einzelhandel ist in Polen eine treibende Kraft für den Markt für Lagerimmobilien – neben den Onlinehändlern. Mit dabei ist alles, was international Rang und Namen hat.

Von Sebastian Becker

Eine Filiale von Kaufland in Opoczno (Zentralpolen): Das deutsche Unternehmen gehört zu den größten Händlern in Polen. / Foto: Kaufland

Kaufland-Chef Patrick Kaudewitz, der seit Oktober 2015 mit eisernen Besen den südwestdeutschen Einzelhändler restrukturiert, kann mit seiner polnischen Tochter durchaus zufrieden sein: Die Polen haben im vergangenen Jahr ihren Umsatz auf zehn Milliarden Złoty (2,3 Mrd. EUR) erhöht – und damit satte zehn Prozent zu den Gesamterlösen beigetragen. Im laufenden Jahr werden 700 Millionen Złoty (rund 160 Mio. EUR) in neue Verkaufsstellen investiert. Für polnische Verhältnisse ist das eine sehr hohe Summe. Denn oft sind sogar die größeren Städte und Gemeinden in Polen kaum in der Lage, so viel Geld für ihre Bauprojekte aufzubringen.

Zu Hause in Deutschland hingegen krempelt der Konzern seinen Verkauf schon seit Jahren um, Filialschließungen waren im Gespräch, Mitarbeiter fürchteten um ihre Jobs. Die regionale deutsche Presse schrieb mitunter, dass Kaudewitz im Unternehmen „keinen Stein auf dem anderen belässt“. Solche harten Maßnahmen waren allerdings in Polen nicht nötig, weil sich der Standort seit Jahren stetig auf einem soliden Niveau entwickelt. Und das wird insbesondere am Markt für Industrieimmobilien deutlich, der sich sehr dynamisch zeigt.
Zu den Investitionen, die Kaufland in diesem Land in Angriff genommen hat, gehört ein neues Logistikzentrum in Bydgoszcz (Bromberg), der achtgrößten Stadt Polens. Die Lagerfläche des Gebäudes beträgt 43.800 Quadratmeter. In den Kühlräumen lagert der Einzelhändler Fleisch, Gemüse und andere leicht verderbliche Lebensmittel.

Kaufland-Lager bis Ende Juni zweitgrößte Eröffnung

Das Zentrum, das der deutsche Einzelhändler Anfang des Jahres in Betrieb genommen hat, ist die zweitgrößte Immobilie ihrer Art, die in der ersten Jahreshälfte in Polen eröffnet worden ist. Das geht aus der aktuellen Studie „Market in Minutes – Markt für Lager- und Industrieflächen in Polen“ hervor, den die Beratungsgesellschaft Savills im August herausgegeben hat.

Die größte Fläche hat die Gruppe GIC eröffnet, die ihren Industriepark P3 Blonie, der knapp 15 Kilometer westlich von Warschau liegt, um 47.500 Quadratmeter ausgebaut hat. Die Fachleute von Savills haben errechnet, dass sich bis Ende Juni das Gesamtvolumen der Lagerfläche, die in Betrieb genommen wurde, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17 Prozent auf 800.000 Quadratmeter vergrößert hat.

Dass sich unter denjenigen Unternehmen, die neue Fläche in Betrieb nehmen, mit Kaufland gerade ein großer Einzelhändler befindet, ist mit Sicherheit kein Zufall. Denn der Handel ist eine der Säulen der Wirtschaft Polens. Die mächtigen deutschen Ketten, die in der Branche den Ton angeben, gehören zu den wichtigsten Investoren im Land.

Derzeit werden rund 1,6 Millionen Quadratmeter gebaut – etwa doppelt so viel wie noch zwölf Monate zuvor.

So zählen neben Kaufland auch Lidl, das Schwesterunternehmen aus der Schwarz-Gruppe, sowie die Metro und Rossmann zu den zehn größten Einzelhandelskonzernen. Lidl liegt auf der aktuellen Rangliste, die von der Tageszeitung Rzeczpospolita erstellt wird, mit 14 Milliarden Złoty (3,1 Mrd. EUR) auf dem zweiten Platz. Kaufland erreicht hier den sechsten Platz. „Die Verfassung des Marktes für Lagerimmobilien ist in Polen nach wie vor sehr gut“, betont Wojciech Zon, der Sprecher von Savills. „Außerdem wird der Markt durch die dynamische Entwicklung des E-Commerce belebt, der Lager und andere Logistiklösungen braucht“, fügt der Experte hinzu.

Wie stark die Impulse sind, die der E-Commerce der Branche gibt, wird auch an einer anderen Statistik deutlich. Derzeit werden insgesamt rund 1,6 Millionen Quadratmeter gebaut – etwa doppelt so viel wie noch zwölf Monate zuvor. Die Experten von Savills sprechen sogar von einer Rekordfläche, die gerade am Entstehen sei.

Tausende neue Jobs in Szczecin und Südostpolen

Die größten Projekte, die über die Bühne gehen, wurden von internationalen Onlinehändlern in Auftrag gegeben. So lässt Amazon sogar zwei Zentren errichten: Das erste entsteht gerade in Kolbaskowo in der Nähe von Szczecin (Stettin) und umfasst später 161.000 Quadratmeter. Dabei handelt es sich um ein riesiges Zentrum, das auf einer Fläche von 22 Fußballfeldern liegt. Die Regionalzeitung Głos Szczeciński geht davon aus, dass hier 1.000 Mitarbeiter einen Job finden werden. Das Blatt rechnet damit, dass das Unternehmen den Standort im September oder Oktober des laufenden Jahres eröffnet.

Seine zweite Immobilie, die 135.000 Quadratmeter groß sein soll, baut der US-Händler in der Stadt Sosnowiec. Die Eröffnung dieses Lagers soll zu einem ähnlichen Zeitpunkt erfolgen – und zwar auch im Oktober, so die Tageszeitung Gazeta Wyborcza (GW). Hier werden Schuhe und Textilien gelagert, die für den Verkauf im Westen bestimmt sind. Offizielle Zahlen, wie viele Mitarbeiter der Konzern beschäftigen will, gibt es nicht. Das Blatt rechnet mit rund 3.000 Angestellten, die dort Arbeit finden werden. Zum Vergleich: In Deutschland stehen bei Amazon weit mehr als 10.000 und weltweit über 340.000 auf den Lohnlisten.

Sosnowiec wird dann das fünfte Zentrum, über das der Konzern in Polen verfügt. Drei betreibt das Unternehmen schon – und zwar in Wrocław und eins in Poznań. „Seit 2014 haben wir rund drei Milliarden Złoty (etwa 750 Mio. EUR) investiert und Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen“, sagte Steven Harman, Sprecher von Amazon.

Darüber hinaus hat der Berliner Händler Zalando nach Auskunft der GW bereits im Juli ein Magazin eröffnet – und zwar ebenso bei Szczecin. Die Fläche beträgt 130.000 Quadratmeter. „Wir wollen in den kommenden sechs Monaten mit dem Projektstart für noch ein weiteres Zentrum in Polen beginnen“, sagte eine Sprecherin dem OstContact, die eine Zahl von 1.000 Arbeitsplätzen andeutete, die dort entstehen. Gerade für Onlinehändler, die international aktiv sind, ist Polen ein sehr günstiger Standort, der von Deutschland aus verhältnismäßig leicht zu erreichen ist. Von Szczecin aus, wo Amazon und Zalando ihre Lager errichten, können die Lkw mit ihren Waren und Gütern in knapp zwei Stunden nach Berlin fahren.

Und auch die Zukunft sieht nicht schlecht aus: „Der Markt ist noch nicht gesättigt und hat noch weiteres Entwicklungspotenzial“, wirft Wojciech Zon von Savills einen Blick nach vorn. Mit von der Partie wird auch Kaufland sein: „Unsere Pläne sehen die Eröffnung eines weiteren Zentrums vor“, steht in einer offiziellen Erklärung vom April.

Dieser Beitrag erschien zuerst in OstContact 09/2017.

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