Trotz Erfolge: Ukraine wirft polnischen Bahn-Chef raus

Der polnische Chef der ukrainischen Staatsbahn, Wojciech Balczun, hat erstmals wieder schwarze Zahlen erwirtschaftet. Trotzdem wirft die Eigentümerregierung den Manager raus.

Von Sebastian Becker

Stoppzeichen für den Bahnchef: Der „Singende Reformer“ muss gehen. © Adam Kliczek, http://zatrzymujeczas.pl

Zu Jahresanfang hatte es für Wojciech Balczun, den polnischen Chef der Staatsbahn der Ukraine Ukrsalisnyzja, noch sehr gut ausgesehen: Der für das Land strategisch wichtige Konzern, der im Korruptionssumpf versinkt, schrieb das erste Mal seit knapp zwölf Monaten wieder schwarze Zahlen. Unterm Strich stand schließlich ein Gewinn von etwa zehn Millionen Euro. Dafür, dass die Bahn 2015 noch einen Verlust von mehr als einer halben Milliarde Euro eingefahren hatte, war dies eine schon erstaunliche Entwicklung. Doch nun muss der 47-jährige Balczun schon im laufenden Sommer seinen Hut nehmen – diesem beachtlichen Erfolg zum Trotz. Die Hintergründe sind nicht klar. Das ukrainische Fachblatt „Wirtschaftliche Wahrheit” (EP) deutet an, dass der Unternehmensboss Opfer von politischen Grabenkämpfen innerhalb der Regierung geworden ist – dem Eigentümer der Bahnen.

„Destruktive Art und Weise”

Einer der größten Kritiker war der Infrastrukturminister Volodomyr Omelyan, der diese Skepsis gegenüber Balczun auch im Interview mit OstContact im Juli gezeigt hat. Die ständige Kritik an Balczun war so auffällig, dass man den Eindruck haben konnte, es gehe eigentlich gar nicht um die Leistungen des polnischen Managers, sondern um etwas ganz anderes. Möglicherweise hatte er einfach nur persönliche Differenzen mit Omelyan – dem Infrastrukturminister.

Omelyan hat Balczun in „destruktiver Art und Weise“ miesgemacht.

Die EP berichtet, dass Omelyan nahezu jeden Erfolg, den der polnische Chef dem Eigentümer der Bahn präsentiert hat, „in destruktiver Art und Weise” miesgemacht hat. Der Minister habe ihn immerfort wegen angeblicher „Untätigkeit” kritisiert, wenn es um die Bekämpfung der Korruption geht, schreibt das Blatt. Auch habe Omelyan Balczun immer vorgeworfen, der Konzernlenker nehme keine Reformen in Angriff. Aus diesem Grund sei es schwierig, die Gesamtleistung des Polen zu bewerten, findet die Zeitung. Die Journalisten stimmen dem Minister zwar zu, dass Balczun tatsächlich kaum etwas gegen die Korruption gemacht habe. „Allerdings ist das auch nicht einfach, da das Problem so groß ist”, urteilt die EP.

Dass die ukrainische Regierung ausländische Fachleute in die staatlichen Unternehmen holt, ist im Land ein ganz normaler Vorgang. Aus der Sicht von Omelyan ist dies sogar notwendig, weil die Ukraine das Know-how von internationalen Experten braucht. Und darüber verfügt Balczun mit Sicherheit, hat er doch vor einigen Jahren mit Erfolg die Frachtgut-Tochter der polnischen staatlichen Bahnen geleitet. Denn Balczun hatte durchaus einige positive Leistungen erbracht – neben dem kleinen Gewinn, den das Unternehmen unter seiner Leitung erwirtschaftet hatte. „In erster Linie hat er neue Trassen eröffnet”, sagte Olexandr Kawa, Transportexperte vom Better Regulation Delivery Office (BRDO) – einer privaten Beratungsgesellschaft, die der Ukraine bei ihrer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung helfen soll.

So viele neue Trassen wie lange nicht

„Besonders wichtig ist der Zug ‚Kiew-Ismail‘, der von der ukrainischen Hauptstadt in den Süden nach Bessarabien führt“, erklärt Kawa, der ein Potenzial von 650.000 Fahrgästen sieht. „Es gibt das erste Mal seit 20 Jahren wieder einen Zug auf dieser Strecke“, unterstreicht der Fachmann. Doch das war noch nicht alles: Balczun eröffnete mehrere neue Intercity-Verbindungen im Land. Dazu kamen zwei weitere neue Trassen nach Polen – und zwar nach Chelm und Przemysl in Ost-Polen. „So viele neue Angebote gab es schon lange nicht mehr“, lobte Kawa.

Diese Maßnahmen wirkten sich auch 2017 positiv auf die Bilanz aus. So verzeichnete der Konzern bis Ende Juni des laufenden Jahres einen Gewinn von 122,5 Millionen Hrywnja (rund vier Mio. EUR). Zwölf Monate zuvor hatte es noch einen Verlust von 3,8 Milliarden Hrywnja (125 Mio. EUR) gegeben. Berücksichtigt man diese Leistungen Balczuns, hätte es eigentlich keinen Grund gegeben, ihn rauszuwerfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in OstContact 09/2017.