Geschäfte mit Europas „Enfant terrible“ Orbán

Die Kritik der EU und der westlichen Presse am ungarischen Regierungschef ebbt einfach nicht ab. Trotzdem weiten die deutschen Autobauer ihre Investitionen aus. „Die Gemeinschaft und die Bundesregierung sind hier gefragt“, fordert Knorr-Bremse aus München.

Von Sebastian Becker

Ungarns Staatschef Viktor Orbán © tODD FELLOWS, via flickr

Ungarn gilt politisch als eines der Sorgenkinder in der EU. Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán ist quasi eine Art Rotes Tuch für die Gemeinschaft und die westliche Presse, weil er nach Ansicht des Westens die Grundwerte der EU ablehnt und in autoritärer Weise seine politischen Interessen durchsetzen will. Jetzt bahnt sich neuer Ärger an, weil die ungarische Regierung gesetzlich den Datenschutz massiv verändern will. Der ungarische Datenschutzbeauftragte Attila Péterfalvi befürchtet, dass dadurch ein fragwürdiges Überwachungssystem entsteht, das demokratischen Prinzipen widerspricht. Natürlich sind diese ständigen politischen Querelen auch eine Belastung für den Wirtschaftsstandort, weil sie grundsätzlich die Atmosphäre verschlechtern. Doch bauen die Investoren nahezu unbeirrt ihre Geschäfte weiter aus. Gerade die Deutschen, die mit Abstand die größte Gruppe der ausländischen Direktinvestoren stellen, sind weiterhin von Ungarn überzeugt – allen Konflikten zum Trotz. Dazu gehört das Münchner Familienunternehmen Knorr-Bremse (KB), das seine Produkte für Bahnen und Lkw herstellt.

Staat unterstützt Investoren

So erhält die Tochter des Herstellers, Fékrendszerek Kft, die in der zentralungarischen 110.000-Einwohner-Stadt Kecskemet ihren Standort hat, staatliche Fördermittel für Innovationen von 1,26 Milliarden Forint (4,2 Mio. EUR) für ein Projekt, bei dem besondere Nutzfahrzeugsysteme entwickelt werden. KB ist nicht das einzige deutsche Unternehmen aus der Automobilbranche, das seine Investitionen verstärkt. Auch Audi aus Ingolstadt, das im westungarischen Győr ein riesiges Werk im Dreiländereck mit der Slowakei und Österreich unterhält, bekommt von der Regierung einen staatlichen Obolus, um in die F&E zu investieren. Die Summe, die das Land auf den Tisch legt, ist sogar mehr als zehnmal höher als bei den bayerischen Kollegen aus München. Mit 14,2 Milliarden Forint (fast 50 Mio. Euro) unterstützt die ungarische Regierung den Bau eines Hochschul- und Industriekooperations-Zentrums (FIEK), das am Standort des Audi-Betriebes liegt. Es wird den Planungen zufolge auf einer Fläche von 4.700 Quadratmetern liegen und im Juli 2018 fertig sein.

„In Győr sollen die besten Ingenieure Europas ausgebildet werden.“

„Dort sollen die besten Ingenieure in ganz Europa ausgebildet werden“, machte das Regierungsmitglied Péter Szijjártó klar, dass sein Land das Geld nicht umsonst gibt. „Ungarn soll dadurch zum Europäischen Zentrum für Automobilforschung werden“, nannte der Minister das nicht ganz unbescheidene Ziel. Konkret werde das Zentrum auf den Gebieten Logistik, Motoren, Elektromotoren und Turbolader forschen, betonte der Minister. Ungarn plant insgesamt acht solcher Einrichtungen, die über das gesamte Land verteilt werden und die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrieunternehmen fördern sollen.

Audi-Werk gilt als eine der größten Einzelinvestitionen

Das Audi-Werk in Raab/Győr ist eine der größten Einzelinvestitionen, die es je im Land gegeben hat. Hier laufen unter anderem der TT Coupe und der TT Roadster vom Band. Auf einer Fläche von mehr als 500 Hektar beschäftigt der bayerische Autobauer über 11.600 Mitarbeiter, die jährlich mehr als 120.000 Fahrzeuge und fast zwei Millionen Motoren herstellen – also einen spürbaren Beitrag für die Gesamtgeschäfte des Konzerns leisten. Zum Vergleich: Audi hat im vergangenen Jahr weltweit 1,9 Millionen Fahrzeuge hergestellt. Doch nicht nur für die Hersteller, sondern auch für die Zulieferer ist Ungarn ein bedeutender Standort. So plant ThyssenKrupp (TK), das bereits seit 2013 Vorder- und Hinterachsen für das Audi-Werk baut, eine neue Fabrik für Schraubenfedern und Stabilisatoren. TK will 35 Millionen Euro in diese neue Investition pumpen. Doch das ist  noch nicht alles. Der Konzern hat bereits im vergangenen Jahr mit dem Bau eines neuen Produktionsstandortes begonnen, wo ab 2018 die Serienproduktion von elektrisch unterstützten Lenksystemen und Zylinderkopfhauben mit integrierten Nockenwellen geplant ist. Kostenpunkt: rund 100 Millionen Euro. „Ungarn hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Standort für die internationale Autoindustrie in Europa entwickelt“, jubelte auch Karsten Kroos, der Geschäftsführer der Komponentensparte bei TK.

Der TK-Manager und alle anderen Führungskräfte der deutschen Konzerne interessieren sich insbesondere deswegen für Ungarn, weil sie hier eine günstige Kombination von Standortvorteilen vorfinden, die es im Westen in dieser Form nicht gibt: Erstens sind hier die Arbeitskosten im Vergleich zum Westen noch relativ moderat. Zweitens liegt das Land in Zentraleuropa, sodass übermäßige Transportkosten nach Deutschland wegfallen. Drittens gehört es zur EU, wodurch sich eine Investition grundsätzlich leichter als in anderen Staaten umsetzen lässt, die nicht zur Gemeinschaft zählen – unabhängig von den politischen Reibereien, die Budapest ständig mit Brüssel hat.

Dieser Beitrag erschien zuerst in voller Länge in OstContact 09/2017.

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