Moskaus Lokalisierungs-Politik: Mit Zuckerbrot und Peitsche

Moskau will ausländische Unternehmen zur Lokalisierung ihrer Produktion bringen. Doch kaum einer will dabei der Politik der Regierung folgen, sondern allein wirtschaftlicher Logik. Wird der vermeintliche Trend überbewertet?

Von Patrick Bessler und Elena Matschilski

Mit Zuckerbrot und Peitsche will Moskau Unternehmen zur Lokalisierung ihrer Produktion bringen. Doch kaum einer will dabei der Politik folgen. iStock © saoirse_2010

Lange hatte es immer wieder Spekulationen gegeben, ob und wann Mercedes-Benz tatsächlich rund 250 Millionen Euro in ein neues Werk in Russland investieren werde – trotz Krise und eines schwächelnden Absatzmarktes. Im Februar verkündete das Unternehmen endlich den Startschuss für den Bau des Werks. Nur eines von zahlreichen Beispielen deutscher Hersteller, die ihre Produktion in Russland ausbauen oder gerade ausgebaut haben. Dabei werden nicht nur Kapazitäten hochgeschraubt, sondern auch die Wertschöpfungskette vertieft. Zumindest, wenn es nach dem Willen der russischen Regierung geht. Die Begriffe Lokalisierung und Importsubstitution sind derzeit in aller Munde. Mit Zuckerbrot (Subventionen) und Peitsche (Importstopps und Wettbewerbsvorteile für heimische Produzenten) versucht Moskau, seinen Willen im Dienste der Modernisierung des Landes durchzusetzen. Der sogenannte Sonderinvestitionsvertrag (Spezinvestkontrakt, kurz SPIK) ist eines der meist diskutierten Instrumente dieser Politik. Er soll ausländische Unternehmen in die Pflicht nehmen und ihnen gleichzeitig besondere Vorteile – oder zumindest die Gleichstellung mit russischen Herstellern – garantieren. Gleichzeitig ist der SPIK hoch umstritten. Gut anderthalb Jahre nachdem der deutsche Landmaschinenhersteller CLAAS den ersten Vertrag unterschrieben hatte, ist die Zahl der SPIK-Partnerschaften begrenzt. Und viele deutsche Unternehmen lehnen das Instrument nicht nur als irrelevant ab. Sie relativieren auch die russische Politik der Importsubstitution. Gespräche, die OstContact mit deutschen Produzenten in Russland geführt hat, zeigen: Die lokale Produktion auszubauen, hat in ihren Augen nichts mit politischen Maßnahmen zu tun, sondern basiert rein auf rationalen und strategischen Entscheidungen. Und: Der Ausbau der lokalen Wertschöpfung bleibt limitiert – zum einen weil zentrale und technologisch anspruchsvolle Komponenten auch trotz des Importsubstitutionsregimes nicht in Russland produziert werden. Zum anderen weil mit Blick auf qualitativ hochwertige Zulieferer und Rohstoffe in Russland auch auf mittelfristige Sicht das Angebot fehlen wird. Ein Beispiel dafür ist der Technologiekonzern GEA.

Marktgröße ist ausschlaggebend

Sobald ein Markt eine bestimmte Größenordnung erreicht, „spielt auch die Verlagerung der Produktion eine immer stärkere Rolle“, fasst ein Vertreter eines anderen deutschen Industrieunternehmens gegenüber OstContact zusammen, der nicht genannt werden will. „Das gilt aber nicht nur für Russland, sondern auch für andere Märkte.“ Das Unternehmen hofft noch in diesem Jahr seine lokale Produktion auszubauen. Die Politik der Importsubstitution sei zwar auch ein Grund gewesen, aber bei Weitem nicht der einzige. Der Zugang zu den Märkten der Eurasischen Wirtschaftsunion spielte ebenfalls eine Rolle.

Auch Michael Popp, Inhaber und Vorstandsvorsitzender des Pharmaherstellers Bionorica SE, betont, dass der Aufbau einer Produktion in Russland im Juli dieses Jahres „mit den angesprochenen Importrestriktionen nichts zu tun“ habe. „Ein eigenes Werk in Russland zu errichten, hatten wir schon vor vielen Jahren geplant“, so Popp. Die Lokalisierung sei zwar ein Bekenntnis und Zeichen der Treue zum immerhin wichtigsten internationalen Markt für Bionorica. Vor allem aber wolle man „Kapazitäten erweitern sowie kürzere Lieferwege und -zeiten zum Endkunden erhalten“. Es seien logistische Gründe wie Transportkostenvorteile, die für eine Lokalisierung sprechen. Die Importsubstitutionspolitik will auch Popp nicht gutheißen: „Aus Unternehmersicht ist natürlich ein länderübergreifender freier Warenverkehr essenziell. Überzeugt bin ich davon, dass wir einen ganz anderen Umgang mit Russland bräuchten, als es aktuell der Fall ist“, appelliert er zugleich.

„Mit den Importrestriktionen hat das nichts zu tun.“

Mangel an Zulieferern und Ressourcen

Der Baustoffhersteller Knauf betreibt mittlerweile 15 Fabriken im Land und beschäftigt über 4.000 Mitarbeiter. In der Stadt Tschapajewsk hat Knauf für zirka 25 Millionen Euro ein neues Mischwerk gebaut, das ab Herbst dieses Jahres erste Putze aus Gips produzieren wird. Mit der Importsubstitutionspolitik habe das nichts zu tun, sagt Knauf-Russland-Geschäftsführer Janis Kraulis. „Unser Engagement ist nach wie vor in erster Linie auf die Versorgung des russischen Binnenmarktes gerichtet.“ Eines der großen Probleme beim Ausbau der lokalen Wertschöpfung ist nach wie vor der Mangel lokaler Zulieferer und Ressourcen: „Für die Produktion in Russland müssen wir Rohstoffe und chemische Compounds aus Europa importieren, die es hier nicht gibt.“ Wegen der Wechselkursveränderungen werden diese Importe immer teurer. Auch ein großer Teil der Maschinen, Anlagen und Ausrüstungsgegenstände müsse aus Europa oder den USA importiert werden. Doch langsam scheint sich die Lage zu bessern: „Wir versuchen maximal zu lokalisieren. Mittlerweile haben wir 60 Prozent der Anlagen für die neue Fabrik bei lokalen Produzenten beschafft“, erklärt Kraulis. Ein anderes Beispiel sind Säcke: „Vor der Krise kamen alle unsere Säcke für Trockengemische aus dem EU-Raum“, so der Manager, „weil es hier keine wettbewerbsfähigen Hersteller gab.“ Heute beziehe Knauf diese Säcke zum großen Teil aus Russland – und spare dadurch beträchtliche Kosten ein. Sein Unternehmen zeige, dass es durchaus möglich sei, in Russland die lokale Wertschöpfung zu erhöhen. Doch das gehe nicht „über Nacht“.

Auch für Knauf spielt der SPIK keine Rolle. „Wir unterschreiben mit den regionalen Behörden Vereinbarungen, wo auch uns Unterstützung bei den Investitionsprojekten zugesichert wird.“ So habe Knauf im Juni eine ähnliche Abmachung mit dem Gouverneur des Leningrader Gebietes über die Zusammenarbeit zwischen dem Gebiet und der АО Knauf Petroboard unterzeichnet. „Wir werden in diesem Projekt zwischen 2017 und 2020 mindestens 3,5 Milliarden Rubel in die Modernisierung der Fabrik investieren. Wir versorgen alle unsere Fabriken sowie die anderen russischen Hersteller mit den Produkten aus dieser Fabrik. Aber wir exportieren auch Tausende Tonnen Gipskarton nach Kasachstan, Usbekistan, Aserbaidschan, Lettland, Finnland und in den Iran“, berichtet der Knauf-Geschäftsführer. Auch in weitere EU-Staaten wolle man zukünftig von St. Petersburg aus exportieren.

„Wir haben alles lokalisiert, was wir lokalisieren konnten.“

Das Problem der lokalen Zulieferer und Rohstoffe unterstreicht auch Volkswagen. Der Konzern hatte 2015 ein rund 250 Millionen Euro teures Werk in Kaluga in Betrieb genommen. Medien berichteten im Juni, dass VW neue Lokalisierungspläne für die Produktion von Autoteilen und Zubehör in Tscheljabinsk schmiede. Gegenüber OstContact dementierte eine Sprecherin dies. Volkswagen habe die Strategie der russischen Regierung, lokale Produktion zu stimulieren, immer unterstützt, sagt Natalja Kostjukowitsch. Dafür arbeite man bereits seit 2007 daran, die lokalen Zuliefererstrukturen auf- und auszubauen. Doch jetzt habe man das Limit erreicht: „Wir haben alles lokalisiert, was wir lokalisieren konnten“, so Kostjukowitsch. „Nun muss die Lokalisierung vertieft werden und das ist der Bereich, wo die Regierung helfen und unterstützen muss. Sie sollte KMU unterstützen – Tier-zwei- und drei-Zulieferer, damit die weniger abhängig von importierten Ressourcen sind.“ Der SPIK sei nur eines der Instrumente der Importsubstitution. Was die Automobilindustrie jetzt viel mehr brauche, seien „transparente und gleiche Regeln für alle Hersteller. Nur verständliche und langfristige Konditionen können hohe Wettbewerbsfähigkeit schaffen.“

FDI rückläufig, Optimismus steigt

Musterbeispiele wie das des Pumpenherstellers Wilo (OstContact 08/2016) bleiben bislang die Ausnahme. Für einen großen Teil der Unternehmen spielen staatliche Lockmittel wie der SPIK kaum eine Rolle. Auch der Blick auf die Statistik relativiert den vermeintlichen Lokalisierungstrend: 2013 hatten die deutschen Auslandsdirektinvestitionen (FDI) nach Angaben von Germany Trade and Invest um 756 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr zugelegt. 2014 waren sie um 2,3 Milliarden eingebrochen. 2015 gab es eine nur leichte Erholung um 128 Millionen, der 2016 wiederum ein leichter Rückgang um 40 Millionen Euro folgte.

Ein Beispiel für ein Unternehmen, das sich aus der lokalen Produktion zurückgezogen hat, ist der Hersteller von Flüssigkeits- und Filtersystemen Mann+Hummel. Das Unternehmen gibt den „starken Rückgang des Verkaufs und der Produktion von Automobilen in der Russischen Föderation in den letzten Jahren“ als Grund an. Es geht davon aus, dass „eine kurzfristige Belebung des Marktes nicht zu erwarten“ sei. „Daher haben wir unser Werk in Toljatti im Februar 2017 an ein russisches Unternehmen verkauft. Wir werden unsere russischen Kunden wie bisher aus dem europäischen Produktionsnetzwerk bedienen und die Belieferung mit Komponenten weiterhin fortsetzen“, so Pressesprecherin Sinikka Kenklies gegenüber OstContact. Dennoch glaube man „langfristig an das Potenzial des russischen Marktes“, erklärte Kenklies.

Hoffnungsvoll stimmt die jüngste Konjunkturumfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom Februar dieses Jahres. Ihr zufolge sehen 68 Prozent der Befragten der Entwicklung der russischen Wirtschaft im laufenden Jahr optimistisch entgegen. Und immerhin gut ein Drittel wolle in den nächsten zwölf Monaten in Russland investieren. Mit oder ohne Spezinvestkontrakt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in OstContact 09/2017.