Traditionskonzern macht Ungarn zum Flugbau-Zentrum

Die weltweiten Fluggastzahlen sollen Prognosen zufolge bis 2035 auf mehr als sieben Milliarden ansteigen. Davon profitieren der deutsche Technologiekonzern Diehl und Ungarn.

Von Sebastian Becker

In Ungarn stellt Diehl Ausstattungselemente für Flugzeugkabinen her, die an den Mutterkonzern in Laupheim geliefert werden.

Der traditionsreiche und milliardenschwere Familienkonzern Diehl hat schon seit Langem über die Stadtgrenzen seines Stammsitzes in Nürnberg hinausgeschaut und sich neue Standorte aufgebaut. Mittlerweile verfügt das Technologieunternehmen, das vom Ehepaar Margarete und Heinrich Diehl um 1900 als kleine Kunstgießerei gegründet wurde, über fast 100 neue Töchter und Beteiligungen, die über den ganzen Erdball verstreut sind. Das Netzwerk erstreckt sich von Seattle in den USA über Sao Paulo in Brasilien bis hin zur Acht-Millionen-Metropole Nanjing in Ostchina.
Aber auch Mittelosteuropa hat seinen gewichtigen Platz innerhalb des Konzerns. Dazu gehört Ungarn, das in der Gesamtstrategie des Unternehmens eine immer wichtigere Rolle spielt: Diehl hat Ende Juni sein Werk für Flugzeugbauteile in der nordwestungarischen 13.000-Einwohner-Gemeinde Nyírbátor erneut erweitert, das etwa 35 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt liegt. Das Investitionsvolumen liegt bei 3,7 Milliarden Forint oder elf Millionen Euro. Das ist nicht alles: Insgesamt werden 230 neue Jobs entstehen, womit der deutsche Konzern die Zahl der Arbeitsplätze erheblich aufstockt.

Markt entwickelt sich dynamisch

„Vor sechs Jahren wurde der Betrieb als erstes Produktionswerk außerhalb von Deutschland gegründet“, sagte Rainer von Borstel. Der Manager ist der Generaldirektor von Diehl Aerosystems – der Sparte innerhalb des Konzerns, zu der die ungarische Fabrik gehört. „Der Betrieb hatte damals gerade einmal mit ein paar Angestellten begonnen, nun beschäftigen wir hier bereits 500 Mitarbeiter“, unterstrich der Geschäftsmann.
Diese Erweiterung ist bereits die zweite Aufstockung des Standortes innerhalb von zwei Jahren. Das zeigt, wie dynamisch sich das Unternehmen und der gesamte Markt entwickeln. Diehl Aerosystems bedient solche gewichtigen Kunden wie Airbus und entwickelt unter anderem Kabinenausstattung für Verkehrsflugzeuge.Die Sparte Aerosystems ist innerhalb des gesamten Technologiekonzerns der umsatzstärkste Geschäftsbereich, der nahezu 40 Prozent zu den Gesamterlösen beisteuert. Im vergangenen Jahr hat Diehl nach eigenen Angaben seine Volumina im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9,7 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro hochgeschraubt. Aerosystems war dabei der wichtigste Wachstumstreiber, weil die Sparte ihre Umsätze um fast ein Viertel erhöht hat.

Betrieb in Ungarn arbeitet rentabel

Und hier spielt das Werk in Ungarn eine spürbare Rolle. An dem kostengünstigen Standort werden nahezu zehn Prozent aller Mitarbeiter beschäftigt, welche die Sparte weltweit hat. Insgesamt gehören zu diesem Geschäftsbereich etwas mehr als 5.000 Angestellte. Im gesamten Konzern sind rund 16.000 Mitarbeiter in Lohn und Brot. Dabei hat die ungarische Tochter im vergangenen Jahr ihre Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent auf 22,4 Millionen Euro erhöht. Darüber hinaus hat das Werk sogar einen kleinen Gewinn von fast 700.000 Euro erwirtschaftet.
„Nachdem wir 2008 in der oberschwäbischen Stadt Laupenheim ein ehemaliges Airbus-Werk übernommen hatten, wurde schnell deutlich, dass für viele Produkte unseres Flugzeugkabinen-Portfolios mehr Produktionskapazität erforderlich werden würde“, erklärte ein Konzernsprecher auf Anfrage von OstContact. Seinen Aussagen zufolge hat das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt eine Vielzahl von Optionen geprüft, wie Diehl Aerosystems für Kabinenverkleidungen, Gepäckfächer und ähnliche Produkte höhere Lieferzahlen realisieren kann. „Beim Vergleich mehrerer Alternativen sprachen für den heutigen ungarischen Standort unter anderem die Faktoren EU-Mitgliedschaft, logistische Aspekte und die Verfügbarkeit der Liegenschaft“, sagte der Sprecher.
Und es sieht ganz danach aus, dass diese Werkserweiterung in Ungarn noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Der internationale Luftverkehrsverband IATA schätzt, dass sich die Zahl der Fluggäste bis 2035 auf 7,2 Milliarden verdoppelt. Davon würden auch die Auftragsvolumina von Diehl Aerosystems und letztlich auch der gesamte ungarische Wirtschaftsstandort profitieren.

Foto: Diehl

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