Mit e-Zäunen wider den Wildwuchs

Peter Tichauer

Mobike
Mobike

China – Land der Fahrradfahrer. So hieß es bis die Mobilisierung ihren Lauf nahm und immer mehr Menschen in der Lage waren, ein Auto zu kaufen. Nicht mehr dichte Massen von Fahrradfahrern bestimmen heute das Bild in Chinas Straßenverkehr, sondern Stoßstange an Stoßstange sich durch die Stadt schleppende Autoschlangen. Jetzt könnte China wieder zum Land der Fahrradfahrer werden. Längst sind viele Berufspendler wieder auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen, denn Parkplätze für Autos werden rar und immer teurer. Vor allem das in den Metropolen, aber auch in Städten der sogenannten zweiten Reihe im vergangenen Jahrzehnt massiv ausgebaute U-Bahn-Netz macht es vielen Berufspendlern leicht, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Allerdings blieb immer noch das Problem der sogenannten „letzten Meter“ von und zur nächstgelegenen U-Bahn-Station. Das haben Findige erkannt und ein Geschäftsmodell für mobiles Mieten von Fahrrädern entwickelt. Vorreiter war Mobike (摩拜单车), gefolgt von ofo (小黄车). Inzwischen gibt es zig weitere Anbieter im Markt: Orange, Gelb, Blau, Grün, Violett… das sind die Farben der Räder, die dichtgedrängt an den Straßenrändern stehen … und rege genutzt werden. Die Idee ist, wo immer Bedarf ist, via App ein Fahrrad zu finden, dieses freizuschalten und am Ziel abzustellen. Bezahlt wird via Mobile-App nach gefahrenen Kilometern und Zeit, getrackt über GPS.

Mobike ist jetzt beispielsweise knapp mehr als ein Jahr am Markt und hat nach eigenem im ersten Quartal 2017 veröffentlichten Geschäftsbericht einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. In mehr als 80 Städten des Landes hat das Unternehmen derzeit 4,5 Millionen intelligente Räder auf den Straßen. Im Durchschnitt werden pro Tag 20 Millionen Mobike-Touren unternommen. Der ursprünglichen Idee folgend, stellen die Nutzer die Mieträder allerdings beliebig ab. Selbst an Autobahnbrücken sind sie inzwischen zu sehen, wo auch nach chinesischen Verkehrsregeln Fahrräder eigentlich nicht verkehren dürfen. Überall in den Städten sind „Fahrrad-Einsammler“ zu sehen, die mit Kleinstlastern die Räder zu ausgewiesenen Stellflächen transportieren. Positiv könnte das jetzt auch als „Job-Maschine“ durch Start-ups gesehen werden. Dem Gesetzgeber ist der Wildwuchs beim Abstellen der Mieträder ohne Rücksicht auf Passanten und den Straßenverkehr allerdings inzwischen zu einem Dorn im Auge geworden. Hier greift chinesischer Pragmatismus: Neue Geschäftsideen haben eine Chance, die Regulierung folgt später.

In Pekings Dongcheng- und Xicheng-Bezirken werden jetzt beispielsweise als Pilot-Projekt sogenannte e-Zäune für das Abstellen der Räder errichtet. Damit werden über Hightech kontrollierte Zonen abgesteckt, in denen es erlaubt ist, die Mieträder abzustellen, vornehmlich nahe Busterminals, U-Bahn-Stationen und Einkaufszentren. 600 Orte wurden dafür allein im Dongcheng-Bezirk definiert. Über eine Mobile-App wird der Nutzer zu den entsprechenden Stellplätzen geleitet. Wer sein Fahrrad trotzdem außerhalb des e-Zauns parkt, wird über ein elektronisches Signal informiert. Die Fahrräder können dann auch nicht abgeschlossen werden, so dass die Uhr für die Zahlung weiter läuft. Laut Information der Stadtregierung wird dieses Verfahren in Kooperation mit den Anbietern der Mietfahrräder umgesetzt.

Zu hoffen bleibt, dass es gelingt, die Nutzer zu disziplinieren, ohne dabei die eigentliche Idee, eine bequeme und umweltfreundliche Alternative für die letzten Meter zunichte zu machen.

Foto: Mobike

 

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here