Auch wir können von Peking lernen

Seit 30 Jahren besteht die Städtepartnerschaft zwischen Köln und Peking. Im Interview mit ChinaContact zieht Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker
Bilanz und gibt einen Ausblick auf das kommende Jahrzehnt.

Das Interview führte Peter Tichauer

Henriette Reker
Henriette Reker

Frau Reker, Köln und Peking feiern in diesem Jahr das 30-jährige Jubiläum ihrer Städtepartnerschaft. Was bedeutet diese Städtepartnerschaft für Köln?

Die Städtepartnerschaft ist nicht nur für Köln wichtig, sie bedeutet auch mir persönlich sehr viel. Wir haben mit weltweit 22 Städten Partnerschaften, aber die Städtepartnerschaft mit Peking wird richtig gelebt. Das zeigt sich daran, dass der Drache bei uns hier nicht nur seit Jahren tanzt, sondern dass wir auch einen regen Austausch mit der Pekinger Stadtregierung pflegen. Das reicht von Fragen, wie Umweltprobleme in den Städten gelöst werden können, bis hin zum Schulaustausch. Wir haben hier in Köln 200 chinesische Unternehmen, die diese Freundschaft zwischen unseren beiden Städten leben. Jährlich veranstalten wir mit den chinesischen Unternehmensvertretern einen China-Abend. Allein die Stimmung dort macht die Verbundenheit deutlich.

Es geht sicherlich nicht nur um freundschaftliche Stimmung. Welche Bedeutung haben die 200 chinesischen Unternehmen als Wirtschaftsfaktor für die Stadt Köln?

Wir brauchen uns ja nur die globale wirtschaftliche Entwicklung anzuschauen. China spielt in der Weltwirtschaft eine immer größere Rolle. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt und werden auch künftig eine besondere Bedeutung haben. Das trifft auch für Köln zu.

Wir müssen jedoch die Unterschiede zwischen Deutschland und China sehen. Während für China ausländische Investitionen auch eine entwicklungspolitische Funktion haben, ist Köln ein hochentwickelter Standort. Wir wachsen und gedeihen aus dem Bestand heraus. Das Neugeschäft aus dem Ausland macht etwa fünf Prozent des gesamten Geschäfts aus. Selbstverständlich entstanden durch chinesische Investitionen hier in der Stadt mehr als Tausend Arbeitsplätze. Umsätze wurden erzielt. Chinesische Handelsunternehmen sind näher an ihre deutschen Lieferanten herangerückt, wovon diese profitieren. Übrigens können wir für uns in Anspruch nehmen, dass das erste chinesische Unternehmen, das sich in Deutschland angesiedelt hat, in Köln seinen Sitz hat, die Genertec Temax Europe GmbH.

In den vergangenen Monaten ist in Deutschland eine heftige Diskussion über chinesische Investitionen entbrannt, die uns „aufkaufen“ würden. Welche Bedeutung hat eine Städtepartnerschaft wie die zwischen Köln und Peking, um das Image chinesischer Investoren zu verändern, um sie nicht anders zu sehen als Investoren aus westlichen Ländern?

Für mich persönlich sind Investoren aus China nicht anders als alle anderen Investoren. Die Städtepartnerschaft, die ja darauf zielt, Menschen beider Städte miteinander zu verbinden, trägt dazu bei, möglicherweise bestehende Ängste abzubauen, dass keine Fremdheit gefühlt wird und nicht der Eindruck entsteht, dominiert zu werden. Es ist das gute Recht der Chinesen, wie alle anderen hier zu investieren. Und wir bekommen ja auch etwas zurück, wenn sie hier investieren. Wir fallen schließlich nicht irgendwelchen Finanzhaien zum Opfer, die bisherigen Firmenübernahmen zeigen im Gegenteil, dass die Unternehmen sogar von neuen Absatzmöglichkeiten profitieren. Wir sollten auch nicht aus dem Blick verlieren, dass rein zahlenmäßig deutlich mehr deutsche Unternehmen in China investiert haben als umgekehrt chinesische in Deutschland.

Selbstverständlich sind wir hier aber mehr an Investitionen in Unternehmen, am Aufbau neuer Firmen, an sogenannten Greenfield-Investitionen interessiert. Investitionen in Immobilien wollen wir angesichts der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt dagegen eher nicht. Das trifft aber nicht nur für chinesische Investoren zu.

Ein großes Thema ist derzeit die von Präsident Xi Jinping initiierte Wiederbelebung der Seidenstraße. Sehen Sie dabei auch einen Platz für Köln?

Mit dem Container-Terminal Eifeltor hat Köln eine besondere Rolle im innerdeutschen und innereuropäischen Logistiknetzwerk. Unsere Stadt liegt zentral in Europa. Insofern können wir auch eine Rolle beim Ausbau der Seidenstraße spielen. Entscheidend ist, wie attraktiv und innovativ wir als Standort bleiben.

Sie erwähnten die Zusammenarbeit im Umweltbereich. Eine erfolgreiche Partnerschaft zeichnet sich durch ein Geben und Nehmen aus. Was kann Köln bei der Lösung von Umweltproblemen von Peking lernen?

Für Peking sind unsere Erfahrungen in der Abfallwirtschaft sehr wertvoll. Und wir können von Peking lernen, wie Maßnahmen zur Verkehrssteuerung effizient ergriffen werden. Ob wir sie hier übernehmen oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber Verkehr kann durchaus über Nummernschilder gesteuert werden.

Persönlich finde ich großartig, dass Umweltziele, die in China mit einer bestimmten Zeitschiene definiert wurden, konsequent umgesetzt werden. Da gibt es kein Verlängern von Fristen um zwei oder fünf Jahre. Wenn beispielsweise beschlossen wird, ein Kohlekraftwerk zu einem bestimmten Termin zu schließen, um der Smog-Belastung zu begegnen, wird es auch geschlossen, wenn Auflagen zur Umrüstung nicht umgesetzt wurden.

Und wie schätzen Sie die Start-up-Szene ein, die unter anderem zur Lösung von Verkehrsproblemen führt? Das boomende Bike-Sharing beispielsweise.

Das haben wir hier im Kleinen auch. Ein Blick auf die Entwicklung in Peking zeigt aber, dass der Wandel dort gelungen ist, vor allem in der Mentalität. Wir hier sind Fahrradfahrer aus Leidenschaft. In China war das Fahrrad lange Zeit „nur“ ein Transportmittel, dann wollte es keiner mehr haben, und jetzt erlebt es eine Wiedergeburt. Auch dank wachsendem Umweltbewusstsein. Das ist ein Sinneswandel. Und den finde ich beachtlich.

Lassen Sie uns noch einmal Bilanz ziehen. Was ist für Sie persönlich der größte Erfolg der dreißigjährigen Städtepartnerschaft zwischen Köln und Peking?

Dass es möglich geworden ist, auch in kritischen, schwierigen Situationen freundschaftlich und offen miteinander Lösungswege zu suchen und zu finden.

Wenn Sie dann in die Zukunft schauen und an die Herausforderungen denken, vor denen wir alle in der Welt stehen, Deutsche und Chinesen, Kölner und Pekinger, was wäre für Sie die wichtigste Aufgabe, die im kommenden Jahrzehnt von Köln und Peking gemeinsam angepackt werden muss?

Die Umwelt. Ganz klar. Ich will jetzt nicht behaupten, die Wirtschaft laufe von selbst. So ist es ja auch nicht. Doch die Grundlagen dafür sind gelegt. Aber dass China sich dem Klimaschutzabkommen angeschlossen hat, das finde ich bemerkenswert. Denn China ist damit auch die Verpflichtung eingegangen, dazu beizutragen, unser Leben weltweit zu erhalten.

Das ist jetzt sehr allgemein formuliert. Gibt es ein Projekt, das Sie gern mit Ihrem Pekinger Amtspartner für die kommenden zehn Jahre vereinbaren würden?

Das Problem ist, dass ich den seinerzeit neuen Pekinger Oberbürgermeister Cai im Februar erst kennengelernt habe, und schon ist er zum Parteisekretär aufgestiegen. Seinen Nachfolger Chen habe ich leider noch nicht getroffen, hoffe aber auf eine möglichst zeitnahe Begegnung.

Ich wünsche mir, den Austausch zwischen Schülern und Studenten weiter zu intensivieren. Denn es ist für das ganze Leben prägend, in einem anderen Land, in einem anderen Kulturkreis eine Zeit gelebt zu haben. Ich würde mir auch wünschen, dass der 1. FC Köln in Peking eine große Rolle spielt, weil ich weiß, dass der Club dort viele Fans hat. Ich freue mich auf die Olympischen Winterspiele an der Großen Mauer und hoffe, dort zu erleben, wie heutzutage Winterspiele nachhaltig gestaltet werden können. Und selbstverständlich hätte ich auch das chinesische Generalkonsulat lieber in Köln als in Düsseldorf gesehen.

Foto: Stadt Köln

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here