Person der Woche: Alexander Graf Lambsdorff

Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des EU-Parlaments
Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des EU-Parlaments

ASPEKTE

  • Lambsdorff ist der Mann für Außenpolitik bei der FDP.
  • Schon in seiner Jugend beschäftigte er sich mit Themen wie Außenhandel und Populismus.
  • Der derzeitige Vizepräsident des EU-Parlaments wird als potenzieller Außenminister gehandelt

„Ich befürchte, dass man die Krim zunächst als dauerhaftes Provisorium ansehen muss.“ Das waren die Worte des FDP-Parteichefs Christian Lindner, die zu Beginn dieser Woche völlig unerwartet die Beziehungen zu Russland wieder in den Mittelpunkt der deutschen Debatte rückten. Und entsprechend laut war auch das Echo in der Presse: Wie Lindner denn eigentlich überhaupt auf Russland komme, fragten sich viele – denn der Parteichef ist in der Vergangenheit nur wenig mit Äußerungen zu internationalen Themen aufgefallen.

Sie wunderten sich umso mehr, weil normalerweise ein ganz anderer Mann bei der FDP für die Außenpolitik verantwortlich ist: Alexander Graf Lambsdorff, ehemaliger deutscher Diplomat und seit 2004 Europa-Abgeordneter. Der heutige Vizepräsident des EU-Parlaments versuchte auch sofort in einem Interview mit der „Welt“ den Kritikern seines Chefs den Wind aus den Segeln zu nehmen. Lindner habe nur gemeint, „dass die Krim-Annexion nicht jede Form von Dialog blockieren darf“, so Lambsdorff am Montag. Und viele hätten den FDP-Vorsitzenden „absichtlich falsch verstanden“.

Diese politischen Fähigkeiten, sich schnell in eine schwierige Debatte einzuschalten und den richtigen Ton zu treffen, hat der Neffe des berühmten Otto Graf Lambsdorff schon in jungen Jahren entwickelt. Der 1966 geborene Kölner befasst sich bereits seit seiner Jugend mit internationaler und transatlantischer Politik, Populismus und Außenhandel – also genau den Themen, die auch in der heutigen Zeit eine besonders große Bedeutung haben.

An der renommierten Georgetown University hatte Lambsdorff mit einer Arbeit zur Kooperation faschistischer Gruppen im Europa der 1920er-Jahre seinen Master in Neuerer Europäischer Geschichte abgeschlossen. Zusätzlich hatte er noch einen Master mit Schwerpunkt Handels- und Finanzfragen abgelegt. 1995 trat Lambsdorff ins Auswärtige Amt ein und arbeitete zunächst im Planungsstab, bevor er 1998 Büroleiter des ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel im Bundestag wurde. Da war er schon elf Jahre FDP-Mitglied. Nicht die USA, in die er 2003 als Mitarbeiter des Pressereferats zurückkehrte, kennt Lambsdorff gut, auch Russland gehört zu seinen Spezialgebieten: In der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes war er Länderbeauftragter für das Land.

2004 wurde Lambsdorff für die FDP, die dort der ALDE (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa) angehört, ins Europarlament gewählt. Seitdem ist er im europäischen Auftrag als Außenpolitiker unterwegs: Ausschuss für internationalen Handel, Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten, Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei, Delegation des europäischen Parlaments für die Beziehungen zu Israel. Verteidigung von TTIP, Wahlbeobachtung in Afrika und Asien, Mitglied der Delegation für China, und immer wieder Besuche in der Ukraine, Russland und anderen Staaten Osteuropas.

Dieses Know-how will sich natürlich auch Parteichef Lindner bei den kommenden Bundestagswahlen am 24. September zunutze machen. Dort wird Lambsdorff als potenzieller Außenminister gehandelt, sollte die FDP an der Regierung beteiligt werden. Das wird selbstverständlich davon abhängen, ob die Wähler solche provokanten Aussagen wie das Statement zur Krim anerkennen. Bei den aktuellen Umfragen des ARD-Deutschlandtrends sieht es immerhin ganz danach aus, dass die FDP mit acht Prozent den Einzug in den Bundestag schafft. Vielleicht sieht man dann Lambsdorff tatsächlich als Außenminister wieder.


ANSICHTEN

  • Lambsdorff gilt als erfahrener und versierter Außenpolitiker.
  • Er ist eher ein Mann leiser Töne und der Diplomatie.
  • Der Pro-Europäer steht auch bei Russland-Freunden hoch im Kurs.

Christopher Ziedler, Journalist beim Tagesspiegel

„Außenpolitik und Diplomatie hat er von der Pike auf gelernt.“ (2016)

Christian Lindner, Parteivorsitzender der FDP

„Seine Wahl zum Vizepräsidenten des EU-Parlaments ist Ausdruck der großen Wertschätzung und des Respektes, den er sich fraktionsübergreifend erarbeitet hat. Gerade in diesen Zeiten brauchen wir starke proeuropäische Stimmen wie Alexander Graf Lambsdorff.“ (2014)

„Sein Name zeigt an, wofür er und die FDP stehen: ein marktwirtschaftliches, bürgernahes Europa.“ (2014)

Alexander Alvaro, Europa-Parlamentarier

„Graf Lambsdorff ist ein hervorragender Außenpolitiker mit idealen Fähigkeiten.“ (2011)

Thomas Gutschker, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

„Alexander Graf Lambsdorff ist der Mann der leisen Töne, des ruhigen Abwägens und sachlichen Argumentierens. Das sind die Qualitäten, die in Brüssel und Straßburg gefragt sind.“ (2014)

Alexander Rahr, Projektleiter Deutsch-Russisches Forum

„Für diejenigen, die auf eine Normalisierung mit Russland hoffen, sind Lindner, Graf Lambsdorff und Co. wählbarer geworden.“ (2017)

Hanna Roth, Journalistin der Mitteldeutschen Zeitung

„Seriös, freundlich, eloquent (…) Wie kein anderer seiner elf FDP-Kollegen im Europaparlament hat er sich in seinem Spezialgebiet einen Ruf als Experte erarbeitet.“ (2011)

Antje Sirleschtov, Leiterin der Parlamentsredaktion des Tagesspiegel

„Transatlantiker, Europäer und seit Jahren einer der wichtigsten Verbindungsleute der FDP-Europapolitiker“ (2011)

Informationsbroschüre für die Soros-Stiftung

„Weise Stimme in seiner Fraktion” (2015)

Olaf Opitz, Korrespondent der Berliner Parlamentsredaktion, Focus Online

„Lambsdorff junior ist ein honoriger Europäer, seit 2004 gehört er als geschätzter Europa-Experte und Abgeordnete dem EU-Parlament an, aber kein stimmgewaltiger Volkstribun, der Säle und Marktplätze begeistert.“ (2014)


AUSSAGEN

  • Lambsdorff sieht es als „verdammte Pflicht“ der Politik an, sich für freien Handel einzusetzen.
  • Ohne den Welthandel werde es kein Wachstum für die EU geben.
  • Gegenüber den USA spricht er sich für eine Emanzipation Europas aus.

Über die Aufgabe der Politik, den Welthandel für europäische Unternehmen zu öffnen

„Das ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit.“

„Zu einer guten Handelspolitik gehört auch die Wahrung eigener Interessen.“

„Aus deutscher Sicht gibt es zu mehr Handel in mehr und offeneren Märkten keine Alternative. In den nächsten 20 bis 30 Jahren entstehen 90 Prozent des globalen Nachfragewachstums außerhalb Europas.“

„Europa und die Europäer sind doch nicht zufällig Teil der Globalisierung, wir sind eine ihrer treibenden Kräfte und einer ihrer Hauptnutznießer.“

Über die EU

„EU-Mitgliedsstaaten verhalten sich überwiegend egoistisch“

Über den deutschen Leistungsbilanzüberschuss

„Die deutsche Exportstärke ist nicht Ausdruck einer zentral gesteuerten Politik, sie ist vielmehr Ergebnis zahlreicher dezentral getroffener Kaufentscheidungen rund um den Globus.“

Über die USA und die EU

„Wenn man die Herausforderungen in unserer Nachbarschaft sieht, ist unser Militär nicht gut genug und es wird Zeiten geben, in denen die USA unsere Krisen nicht lösen können.“

 

Über die Beziehungen zu Russland und den Ukraine-Konflikt

„Wir Europäer müssen eine politische Lösung finden (…) (Der US-Vorstoß könnte) die Hoffnung in Kiew nähren, dass dieser Konflikt mit Russland militärisch zu gewinnen ist – das ist er aber nicht:“

Über die EU-Beziehungen zur Türkei

„Ich glaube, die Position der Bundesregierung ist falsch in dieser Frage, und die Kommunikation der Kanzlerin ist wirklich nur noch chaotisch zu nennen.“

 

 

Bild: Wikimedia