China: Vor Innovation in China nicht fürchten

Seit 2010 ist der „Manager im Gespräch“ Teil der ChinaContact-Ausgaben und bietet den Lesern des Wirtschaftsmagazins die Möglichkeit, ausländische Manager in China näher kennenzulernen, ihren Werdegang, ihre Ansichten zu aktuellen Themen, ihre Pläne.  Für die Juliausgabe 2017 sprach Chefredakteur Peter Tichauer mit Daniel Berger, Partner der EAC-International Consulting und Leiter der EAC-Repräsentanz in Shanghai.

Daniel Berger, 44, ist Partner der EAC-International Consulting und leitet die EAC-Repräsentanz in Shanghai. © EAC
Daniel Berger, 44, ist Partner der EAC-International Consulting und leitet die EAC-Repräsentanz in Shanghai. © EAC

 

Von Peter Tichauer

China ist nicht erst seit gestern auf der Überholspur. Das macht nicht nur der flüchtige Blick auf die Metropolen deutlich. Shanghai zum Beispiel: Vor zwei Jahrzehnten gab es dort gerade einmal anderthalb U-Bahn-Linien. Heute sind es 18, und mit mehr als 500 Kilometern ist das U-Bahnnetz eines der längsten in der Welt. Vom Bund aus waren auf der Pudonger Seite nur drei Gebäude zu sehen, die Perle des Ostens, der Fernsehturm, darunter. Heute ist die Skyline ein wahrer Wolkenkratzer-„Dschungel“. In den Bürotürmen aus Glas und Stahl residieren Banken und Versicherungen aus aller Welt. Lujiazui ist Chinas Finanz- und Dienstleistungshub. Nicht mehr „Fabrik für die Welt“ will das Land sein, sondern beim globalen technischen Fortschritt ein entscheidendes Wort mitreden. Chinas Strategie „Made in China 2025“ zielt darauf. Wie das geht, zeigt die Entwicklung beim Hochgeschwindigkeits-Schienenverkehr. Heute ist fast jede größere Stadt im Land mit dem Highspeed zu erreichen und die chinesische Technologie für Hochgeschwindigkeitszüge ist zu einem Exportschlager geworden. Das ist nur ein Beispiel. Vom sogenannten Internet der Dinge über Robotik und intelligente Produktion bis zu modernen digitalen Handelsformen – in vielen Bereichen haben chinesische Unternehmen inzwischen mehr als einen Fuß in der Tür und bestimmen in nicht wenigen Bereichen globale Trends.

Paradigmenwechsel erforderlich

Ausländische Unternehmen in China brauchen daher einen Paradigmenwechsel. Davon ist jedenfalls Daniel Berger überzeugt. Der Partner der EAC-International Consulting und Leiter des EAC-Büros in Shanghai weiß, wovon er spricht. Betriebswirtschaft hat er studiert, 1996 in Japan bei einer Wirtschaftskanzlei in Tokio erste berufliche Erfahrungen gesammelt und sich „mit dem Asien-Virus infiziert“. Für ihn war klar, nach Asien zurückkehren zu wollen, am besten als Berater, „denn das ermöglicht einen breiteren Blick über eine Branche und ein Unternehmen hinaus“. Die Arbeit mit unterschiedlichen Unternehmertypen sei stimulierend, um neue Ideen zu entwickeln. 1999 ging er für EAC nach Shanghai, hat dort das Büro aufgebaut. „Damals waren wir hier drei, heute sind es 40 Mitarbeiter“, erzählt Daniel Berger, für den allein diese Tatsache für Dynamik im chinesischen Markt steht. In den vergangenen fast 20 Jahren habe sich das Geschäft wie auch China „fundamental verändert“, stellt er fest. Ginge es in den ersten Jahren vor allem darum, Unternehmen bei der Erschließung des Marktes zu unterstützen, den Unternehmern Marktstrukturen transparent zu machen, um Geschäftschancen analysieren zu können, stünde heute das Verstehen technischer Trends in China und künftiger Entwicklungen im Mittelpunkt. Bestehende Geschäftsmodelle müssten optimiert, Kosten gesenkt werden. Denn die Wettbewerbssituation sei heute eine andere als noch vor zehn Jahren. Das hänge mit der politisch gewollten und geförderten Innovations-Aufholjagd der chinesischen Unternehmen zusammen, aber auch mit dem sich abschwächenden Wirtschaftswachstum, was zu einem „härteren Kampf um Marktanteile und Margen führt“. „Neue Normalität“ wird es bezeichnet. Für Daniel Berger ein durchaus treffender Begriff. Denn bei einem bestimmten Entwicklungsstand der Volkswirtschaft könne keiner erwarten, dass sie über Jahre weiter in demselben zweistelligen Tempo wächst. Das, was sich in den vergangenen drei bis vier Jahren zu entwickeln begonnen hat, bezeichnet Daniel Berger als eine „selbstverständliche Realität“. Und er habe auch nicht den Eindruck, dass bei seinen Kunden angesichts dieser Realität die Alarmglocken schlügen. „Das Interesse am chinesischen Markt ist nach wie vor hoch“, stellt der Berater fest, nur müssten die Unternehmen sich auf das Neue einstellen. „Es geht nicht mehr allein darum, an einem wachsenden Markt teilhaben zu wollen.“

Innovation in China ist die wesentliche Stellschraube, um im Markt weiter erfolgreich zu sein.

Das ist der Paradigmenwechsel, von dem Daniel Berger spricht: „Die Unternehmen, nicht nur die großen, müssen massiv in lokale Forschung und Entwicklung investieren, um von den chinesischen Wettbewerbern nicht technologisch abgehängt zu werden, und chinaspezifische Produkte auf den Markt bringen.“ Daniel Berger will nicht alle Unternehmen über einen Kamm scheren, stellt jedoch fest, viele Firmen hätten die Entwicklung „verschlafen“. Kapazitäten wurden aufgebaut, die flexible Anpassung der Geschäftsmodelle an sich verändernde Bedingungen aber vernachlässigt. Vor allem hätten viele das Thema Innovation ganz und gar ausgeblendet. Dabei sei dies heute „die wesentliche Stellschraube“, um im Markt weiter erfolgreich zu sein. Daniel Berger präsentiert Zahlen aus Kammerberichten: Danach haben nur 40 Prozent der deutschen Unternehmen in China auch Forschungs- und Entwicklungseinheiten im Land. Bei den Amerikanern sind es 46, bei den Unternehmen aus der EU dagegen nur 25 Prozent. Zwar sagten alle, dass sie künftig an Forschung und Entwicklung dächten, „doch in den meisten Fällen handelt es sich um Anpassung und nicht um die Entwicklung neuer Produkte, mit denen ein breiteres Marktsegment erschlossen werden kann“. Die Argumente kennt Daniel Berger gut und bestätigt, dass es trotz sichtbarer Fortschritte nach wie vor Probleme beim Schutz geistigen Eigentums gibt. Deshalb fordert er auch nicht, dass die sogenannten Kernkompetenzen, das Innovations-Know-how und die Grundlagenforschung, nach China verlagert werden. Darum geht es ihm nicht.

Neue Wege einschlagen

Er plädiert aber dafür, dass die Unternehmen den Schritt von einem „Transfer to China“ zu einem „Innovate in China for China“ gehen. „Das muss nicht in erster Linie neue Technologie sein“, sagt der Berater, „über die Entwicklung neuer Geschäfts- und Dienstleistungsmodelle muss ebenso nachgedacht werden.“ Und dies auch deshalb, weil China als Konsumentenmarkt nicht nur Trends setze, sondern diese von den Konsumenten bereitwillig angenommen würden. Bestes Beispiel ist der derzeit regelrecht boomende und mobil gesteuerte Bike-Sharing-Markt, wobei anders als in Deutschland die Idee, „die vielleicht noch nicht hundertprozentig ausgereift ist“, erst einmal umgesetzt wird. Anpassungen und regulierende Maßnahmen folgen später. Chinesischer Pragmatismus eben. Innovation wird staatlich gefördert. Eine lebendige Start-up-Kultur ist entstanden, auch dank zur Verfügung stehender Finanzierungskanäle. „Knapp ein Fünftel aller neuen Start-ups in der Welt waren 2016 chinesische Gründungen“, zeigt Daniel Berger das Potenzial auf, das von deutschen Unternehmen bisher ungenutzt geblieben sei. Und er sagt ganz klar, dass Angst vor der chinesischen Innovationskraft der schlechteste Ratgeber sei. Im Gegenteil, die Unternehmen sollten erkennen, dass China ideal sei, um neue Produkte zu entwickeln und im Markt zu testen. Würden sie hier angenommen, könnte dies sogar zu einem globalen „Marktbeschleuniger“ werden.

Chinas Konsumenten greifen neue Trends gern auf – bestes Beispiel dafür ist der boomende und mobil gesteuerte Bike-Sharing-Markt. © Peter Tichauer
Chinas Konsumenten greifen neue Trends gern auf – bestes Beispiel dafür ist der boomende und mobil gesteuerte Bike-Sharing-Markt. © Peter Tichauer

Was schlägt er also vor? Partnerschaften mit chinesischen Tüftlern ist das eine. Das andere ist, in China eine Art „Entwicklungssatelliten“ aufzubauen, lokale Entwicklungszentren, in denen eine hohe Wertschöpfung erreicht werden kann. Daniel Berger bezeichnet das als „Think Tank“, der von globalen Entscheidungsstrukturen im Unternehmen losgelöst agieren muss und in dem die Mitarbeiter nicht gezwungen werden, „durch die Brille des Unternehmens zu schauen“, sondern sich auf die Entwicklung neuer Ideen konzentrieren können. Die Bereitschaft zum Wagnis, „kleine Keimzellen“ aufzubauen und zu finanzieren, wobei klare Forschungsziele definiert werden, aber bei der operativen Umsetzung losgelassen werden müsste – das ist für den Berater das Zukunftsmodell. Vom Internet der Dinge über Digitalisierung bis hin zu Robotik reiche das Spektrum der Möglichkeiten, wobei chinesische Megatrends aufgegriffen werden müssten, um chinaspezifische Lösungen für Geschäftsmodelle zu finden, die das Unternehmen im chinesischen Markt weiterbrächten. „Gebraucht werden neue Wege, frische Ideen. Kein neuer Motor muss entwickelt werden, sondern Lösungen rund um den Motor.“ Und Daniel Berger wiederholt sein Credo, dass die Unternehmen zu einer neuen, chinesischen Entwicklungskultur bereit sein müssen, „die nicht durch deutsche Ingenieure beeinflusst ist“. Unternehmensinterne „Zwangsjacken“ hinderten die Entwicklung. „Dagegen können neue Impulse entstehen, wenn wir genau hinschauen und erkennen, was die chinesischen Unternehmen stark macht.“ Ohne ideologische Scheuklappen müssten die Erfolge von Alibaba, Tencent & Co. analysiert und Schlussfolgerungen gezogen werden. „Wenn deutsche Unternehmen nicht aufpassen, für neue Trends nicht offen und nicht bereit sind, sich der chinesischen Entwicklung zu stellen, besteht die Gefahr, dass sie ihren technologischen Vorsprung verlieren.“

Übrigens: Wenige Tage nach unserem Gespräch in Shanghai betonten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premier Li Keqiang in Berlin die Bedeutung deutsch-chinesischer Innovationskooperation. Mehr denn je sind heute neue, gemeinsame Ideen gefragt, um die Zukunft zu gestalten. Deutsche und chinesische Unternehmen haben das Potenzial dazu.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 07/2017 erschienen.