Person der Woche: Sergej Glasjew

Sergei Jurjewitsch Glasjew
Sergei Glasjew gerät oft in die Kritik für seine Ansichten über die wirtschaftliche Entwicklung Russlands.

 

ASPEKTE

  • Glasjew hat eine bewegte politische Karriere hinter sich.
  • Er gilt als konservativ und äußerst kritisch gegenüber dem Westen.
  • Für Putin war er zuletzt unter anderem in Sachen eurasische Integration tätig.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat viele Berater. Zuletzt stand der eher liberale Alexej Kudrin im Rampenlicht. Auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum forderte er weitereichende Wirtschaftsreformen. Kurz darauf machte sich in Astana ein anderer für eine neue regionale und globale Wirtschaftsordnung stark. Auch Sergej Glasjew berät Putin in Sachen Wirtschaft. Er wirbt für expansive Geldpolitik, staatliche Konjunkturprogramme und macht sich vor allem als harscher Kritiker der USA einen Namen. Die globalen Wirtschaftsbeziehungen, seit Ende des Zweiten Weltkrieges geprägt von den USA und Großbritannien, seien überholt. Russland sollte ein vom Ausland unabhängiges Finanz- und Wirtschaftssystem aufbauen, so Glasjew. Eurasien müsse sich emanzipieren. Auch den Europarat nannte er schon „Russland-unfreundlich“. Zudem ziele die Politik der EU darauf ab, den Integrationsprozess ehemaliger sowjetischer Staaten zu vermeiden. Den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko bezeichnete er als „Nazi“ und „illegitimen Präsidenten“, die Ukraine als eine „Faschistische Republik“.

Die andauernden Russland-Sanktionen befürwortet Glasjew. Sie hätten geholfen, ein stabiles Währungssystem zu schaffen. Die Importsubstitution werde das Wirtschaftswachstum vorantreiben.

Glasjew, geboren 1961 im ukrainischen Saporoshje, absolvierte 1983 die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Staatlichen Universität Moskau. 1999 wurde er Professor. Seit 2008 ist er Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN).

1991 begann seine politische Karriere als stellvertretender Chef des Ministeriums für außenwirtschaftliche Beziehungen. 1992 übernahm Glasjew den Posten des Ministers und gehörte daraufhin mehrere Monate lang der liberalen Regierung des Reformers Jegor Gaidar an. Ein Jahr später trat er aus Protest gegen die Parlamentsauflösung durch Präsident Boris Jelzin zurück. Kurz darauf trat er als Abgeordneter für die Demokratische Partei in die Duma ein. Die nächste Wahl verfehlte er und verdingte sich fortan vorwiegend als Berater, kehrte aber für verschiedene Fraktionen immer wieder ins Parlament zurück und versuchte es 2004 gar als Präsidentschaftskandidat – mit einem Ergebnis von 4,18 Prozent der Wählerstimmen. Später erwog Glasjew eine Teilnahme an der Putin-kritischen Bewegung „Das andere Russland“, was am für Glasjew zu liberalen Ansatz des Ex-Premiers Michail Kassjanow scheiterte, der zu den Anführern der Bewegung gehörte.

2009 übernahm Glajew das Sekretariat des von Russland, Belarus und Kasachstan gebildeten einheitlichen Wirtschaftsraumes. 2012 wurde er zu Putins Berater für die eurasische Wirtschaftsintegration. Auch um die Führung der Russischen Zentralbank bewarb er sich 2013, kam aber gegen die wirtschaftsliberale Kandidatin Elwira Nabiullina nicht an. Seither ist die Politik der Bank ein Dauerziel von Glasjews Kritik.


AUSSAGEN

  • Glasjew nimmt kein Blatt vor den Mund, was die russische Wirtschaft angeht.
  • Zu seinen Lieblingszielen gehören die russische Notenbank und die US-Politik.
  • China ist in Glasjews Augen ein wichtiger strategischer Partner.

Über die russische Wirtschaft, die Wirtschafts- und Finanzpolitik

„Die Inflation in Russland ist unter anderem wegen des fehlenden Wettbewerbs, der Korruption in Regulierungsbehörden, der technologischen Rückständigkeit und der geringen Effizienz so hoch.“

„Es gibt eine große Sorge, dass bald nach dem Boom, den wir gerade haben, die große Enttäuschung kommen könnte.“

„Unser makroökonomisches System ist wie ein Patient mit einem Herzinfa

„Ohne staatliche Unterstützung wird die Landwirtschaft nicht wirtschaftlich effektiv sein.“

„Das Bankensystem hat sich zu einer wahren Pumpe entwickelt, die der Realwirtschaft das Geld aus der Tasche zieht.“

„In den letzten 3 Jahren hat die Zentralbank 7 Billionen Rubel aus dem Bankensystem genommen. (…) Das ist der Hauptgrund unserer Krise. Denn: weniger Geld, weniger Kredite.“

„Den Finanzminister und die Zentralbankchefin sollte man in die Industrie schicken, damit sie endlich aufhören Märchen über eine Anpassung an den unstabilen Währungskurs und Leitzins zu erzählen.“

Über die USA und den „Westen“

„ Da wir keine eigene Strategie haben, geben wir die Entwicklung unseres Wirtschaftsraums in die Hände von Ausländern. Sie herrschen über den Finanzmarkt und manipulieren ihn, sie dominieren den Markt für Maschinen, Ausrüstung und Gebrauchsgüter.“

„Einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Russland und den USA wird es sicherlich geben, denn die Außenpolitik der vorherigen Regierung der USA hat sich auf Aggressionen fokussiert. Diese Aggression ist gescheitert.“

„Alle Probleme mit der Ukraine kommen daher, dass die USA das Gebiet kontrolliert.“

„US-Aggression im postsowjetischen Raum soll die Kontrolle über die Peripherie der Weltwirtschaft stärken, um den Wettbewerbsvorteil im wirtschaftlichen Wettbewerb mit China zu erhöhen.“

„Ich denke, dass Trump als pragmatische Person die anti-russischen Sanktionen aufheben wird, die auch den amerikanischen Unternehmen schaden.“

Über China

„Aufgrund (der westlichen) Sanktionen bewegen wir uns allmählich in Richtung China.“

„Sobald wir uns zusammen mit den Chinesen vom Dollar befreien, wird die militärische Macht der Amerikaner ein Ende haben.“

„Staatliche Investitionen sind eine Lokomotive der chinesischen Wirtschaft. Mit ihnen wachsen auch die privaten Investitionen.“

Über den G20-Gipfel in Hamburg

„Eigentlich ist nichts Besonderes passiert, was die Weltwirtschaft und das Finanzsystem betrifft. Es gab nur Floskeln: Man will mehr Wohlstand, Afrika helfen, sich anständig benehmen, keine hektischen Bewegungen machen und nicht zum Protektionismus schreiten. Das amerikanische Finanzsystem hat gewonnen.“
Quellen: Gaseta.ru 2017, V.V. Dokuchaev Soil Science Institute 2017, Tsargrad TV 2017, Forum „Pitfalls einer neuen Normalität“ 2016, TASS 2016, RNS 2017, Yalta Economic Forum 2017, Twitter 2016


ANSICHTEN

  • Präsident Putin nimmt seinen Berater vor Kritik in Schutz.
  • Von anderer Seite muss sich Glasjew für seine Aussagen viel Kritik gefallen lassen.
  • Andere Ökonomen halten ihn auch fachlich für fragwürdig.

Russlands Präsident Wladimir Putin:

„Er ist ein sehr talentierter Mann. Er hat seine eigene Sicht auf Russlands wirtschaftliche Entwicklung und die der Weltwirtschaft.“

„Es ist immer gut, Ansichten aus einer Perspektive zu hören, die nicht der allgemeinen Denkweise einspricht.“

 Dmitrij Peskow, Pressesprecher des Kreml (zu Glasjews Kritik an Bundespräsident Steinmeier, dass er das „Nazi-Regime“ der Ukraine unterstütze):

„Putin ist keinesfalls dieser Meinung. Wir wissen, dass (Glasjew) gelegentlich über seinen akademischen Background hinausgeht und seine Sicht auf verschiedene Dinge teilt. Diese entspricht oft nicht der offiziellen Position des Präsidenten oder dessen Administration.“

Andrej Mowtschan, Senior Fellow und Leiter des Economic Policy Program des Moskauer Carnegie-Zentrums (zur Finanzpolitik Glasjews):

„Seine Vorschläge, wie man diese fragwürdigen Ziele erreichen kann, könnten fatale Folgen haben.“

Denis Rakscha, Managing Partner bei NEOKON Raksha:

„Sergej Glasjews Aussagen sind mehr politisch als wirtschaftlich. Deshalb hat Putin auch mehrere Berater, um zu hören, was sie sagen, und dann selbst zu entscheiden.“

Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine (zu den Nazi-Beschuldigungen):

„Mich interessiert seine Meinung nicht. Er ist ein Niemand.“

Konstantin Sonin, Ökonom:

„Die Bedeutung der Erkenntnisse Glasjews sind für die Wirtschaftswissenschaft als auch für die Realökonomie sehr klein. Seine Artikel wurden nie in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht.“

Quellen: Kreml 2015, „The Putin-Interviews“ 2017, Carnegie Center 2015, Nesawissimaja Gaseta, September 2015, Ukrainische Medien 2014