Kasachstan empfiehlt sich

Am 10. Juni startete in Astana die erste EXPO-Weltausstellung in einem postsowjetischen Land. Für Kasachstan eine wichtige Gelegenheit, sich der Welt vorzustellen und sein Image den eigenen Vorstellungen entsprechend aufzupolieren.

Von Patrick Bessler

Es ist EXPO. Astana hat sich herausgeputzt und will vor allem zunächst einmal gastfreundlich sein – eine in Kasachstan elementar wichtige Eigenschaft. Nicht ohne Grund hat ihr das Land in seinem EXPO-Pavillon gleich eine ganze Wand gewidmet. Aber Kasachstan will viel mehr sein als das. Es möchte das zentrale Land in Zentralasien sein, Führungsnation der Region, ein neutraler Vermittler zwischen Ost und West. Und entsprechend dem Motto der dreimonatigen Weltausstellung: ein Vorreiter in Sachen „Energie der Zukunft“.

Eine junge Besucherin vor einer Wandillustration: Kasachstan stellt seine Gastfreundschaft in den Vordergrund.

Kasachstan will lernen
Das futuristische Astana hat sich zu einer Millionenstadt entwickelt. Die Gelder für den Ausbau kommen zu großen Teilen aus dem Ölgeschäft. Der Verkehr ist geprägt von breiten Straßen, an einem heißen Tag steht der beißende Geruch von Abgasen in der Luft. Das Motto der EXPO „Future Energy“ wirkt für das Gastgeberland auf den ersten Blick unpassend. Kasachstan steht in Sachen erneuerbare Energien und Energieeffizienz noch am Anfang. Erst in den vergangenen Jahren wurden erste größere Wind- und Solarparks errichtet. Der Anteil an der Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien außer Wasserkraft liegt bei knapp über einem Prozent. Bis 2020 sollen es gerade einmal 3 Prozent sein. Zwar sind die Potenziale aufgrund des kontinentalen Klimas gut. Doch unter anderem wegen der Abwertung des Tenge sind Erneuerbare zuletzt unattraktiver geworden. Viele Standorte für Wind- oder PV-Parks sind zu weit weg von den Ballungszentren, es fehlen die entsprechenden Netze. Angesichts der Tatsache, dass Kasachstan, auferstanden aus den Ruinen der Sowjetunion, in den vergangenen 25 Jahren enorme Mühen und Gelder in die Entwicklung des Landes stecken musste, überrascht dies jedoch kaum. Zumal die reichhaltigen Öl- und Gasvorkommen unterschiedlichen Schätzungen zufolge noch mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts reichen dürften.
Dennoch hat Kasachstan das Motto „Future Energy“ gewählt und sich nicht beispielsweise für ein näher liegendes Thema wie die „Neue Seidenstraße“ entschieden. Der zentralasiatische Staat präsentiert seine bisherigen Errungenschaften in dem Bereich durchaus mit Stolz aber realistisch. Man sei führend im Abbau von Uran und in der Öl- und Gasindustrie, verstehe aber sehr gut, dass man noch keine Führungsrolle in Sachen „Neue Energien“ habe, räumte Präsident Nursultan Nasarbajew ein. Und so geht es vor allem darum, der Welt zu zeigen, dass man interessiert ist zu lernen. Man will Erfahrungen und Ideen aus den über 115 Ländern und 20 internationalen Organisationen sammeln, die offiziellen Angaben zufolge an der   EXPO teilnehmen – und sich die für die eigenen Verhältnisse besten Ansätze herauspicken.
Zudem kann man die EXPO als Selbstverpflichtung verstehen, mit der Astana zeigen will, dass es die Regierung ernst meint. Schließlich wolle man langfristig, bis 2050, die Hälfte des Energiebedarfs aus alternativen Energiequellen decken, darunter Kernenergie.

Kasachstan will Erfahrungen und Ideen aus 115 Nationen sammeln.

Die EXPO als Aufklärungsstätte
Zunächst einmal betreibt die EXPO aber Aufklärung. Und da die meisten Besucher aus dem eigenen Land kommen, richtet die sich durchaus an eine Zielgruppe, für die das Thema neu ist. In der Mitte des frisch aus dem Boden gestampften 113 Hektar großen Messegeländes im Süden der Stadt ragt das „Museum of Future Energy“ empor. Es ist den Angaben der Erbauer zufolge der größte kugelförmige Bau der Welt. Im Erdgeschoss beherbergt es den kasachischen EXPO-Pavillon. Der stellt die Geschichte und Kultur des Landes vor. Kasachiche Energie-Vorzeigeprojekte werden in Vitrinen ausgestellt, begleitet von Tänzerinnen auf einer Bühne und ergänzt durch Info-Bildschirme. Darunter eine interaktive Karte, die dem Besucher einen Überblick über den Energiereichtum des Landes geben soll.
Auf den restlichen sieben Stockwerken findet der Besucher dann das Museum für Energie. Vom achten Stock aus lädt zunächst der Blick über das Gelände ein. Danach geht es Stock für Stock auf die Reise durch die Welt verschiedener Energieträger. Angefangen bei der größten Energiequelle unseres Universums, der Sonne in Form eines riesigen Feuerballs, der sich über zwei Stockwerke erstreckt, über Wege, um Energie aus dem All zu gewinnen, hin zu den gängigsten Verfahren zur „grünen“ Energieproduktion auf der Erde – natürlich mit Schwerpunkt auf sauberen Energieträgern wie Wind, Wasser, Biomasse. Mit allerhand interaktiven Elementen und einer farbenfrohen Gestaltung hat man so durchaus ein attraktives Bildungsprogramm geschaffen, das sich vor allem an eine breite Masse und nicht zuletzt den Nachwuchs richtet.

Mit dem „Museum der Zukunft“ verfügt die EXPO über ein sehenswertes technisch-naturkundliches Museum.
Der deutsche Pavillion bietet viel Information – lässt Besucher mit seiner finalen Lichtinstallation aber auch etwas ratlos zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenig klare Visionen
Was jedoch fehlt, sind die klaren Visionen dessen, wie unser Leben in einigen Jahrzehnten mit Blick auf die Energiequellen der Zukunft aussehen könnte. Ein Eindruck, der sich in den meisten Pavillons bestätigt. Denn während direkt neben dem Hauptgebäude ein Themenpavillon 24 durchaus eindrucksvolle Best Practices aus 13 Ländern zum Thema Energie darstellt, darunter ein solarbetriebenes Flugzeug aus der Schweiz oder diverse Projekte zur Energiegewinnung aus Biomasse und Photosynthese, ist der Umgang vieler übriger Länderpavillons mit dem Thema oft wenig überzeugend.
Die deutsche Präsentation ist – natürlich – verhältnismäßig technisch und faktenorientiert. Schon bevor man den Pavillon betritt, wird der Besucher mit deutscher Kleinteiligkeit konfrontiert, wenn sich die 16 Bundesländer auf Infobildschirmen präsentieren. Drinnen können mittels eines Smart-Sticks Info-Punkte aktiviert werden, die beispielsweise erklären, wie aus Geothermie Energie gewonnen wird. Selbstverständlich darf auch ein Elektroauto eines Bayerischen Herstellers nicht fehlen. Am Ende sind die Teilnehmer aufgefordert, ihre Smart-Sticks in einen kreisrunden Tisch einzulassen, der etwas an einen War-Room erinnert. Je nachdem wie viele Info-Stände man aktiviert hat, fließen Punkte aus dem Stick in die Mitte des Tisches und starten eine Licht- und Lasershow, mit Sternen, Wolken, Wäldern, Meeren. So setzt Deutschland auf Didaktik und einen leicht lehrerhaft erhobenen Zeigefinger.
Der chinesische Pavillon versucht es hingegen wie einige andere neben diversen Modellen von Energieanlagen mit Emotionen. In einem kleinen Kino wird den Besuchern ein Imagefilm präsentiert. Darin fliegt ein junges Mädchen, gekleidet in prähistorische Tierfelle, auf einem Feuervogel durch das Land. Vorbei an Solarfeldern, Staudämmen und anderen Kraftwerken werden so Chinas Großprojekte zur Schau gestellt. Im Anschluss soll unter anderem ein digitales Modell eines Fusionsreaktors den Blick in die Zukunft öffnen.
Der US-Pavillon setzt auf amerikanisches Pathos und erklärt einfachheitshalber den Menschen zur wichtigsten Energiequelle der Zukunft. Stichwort: Innovationen. In Russland dreht sich hingegen alles um mächtige Tanker, die die Arktis erschließen sollen. Japan begrüßt seine Gäste mit allerhand Sicherheitshinweisen und einem weiteren Imagefilm, der aussieht, als stamme er aus den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Noch weniger zum Thema bieten andere Länder aus der Region: Turkmenistan präsentiert neben Öl- und Gasanlagen einige Modelle, die den Retro-Charme eines Raumschiff Orion haben. Usbekistan wartet mit einem Modell eines Zukunftsautos auf, das nicht mehr als eine inhaltslose Designstudie aus Kunststoff ist. Georgien glänzt vor allem durch sein Angebot an Wein. Der sogenannte Afrika-Plaza, in dem mehrere afrikanische Länder jeweils eine kleine Box belegen, zeichnet sich vor allem durch stereotype Wandbemalung aus Giraffen und Elefanten und darüber hinaus durch Leere aus. Natürlich gibt es daneben viele weitere informative und sogar kreative Pavillons wie den britischen. Und einige, die durchaus Spaß machen, wie der österreichische Pavillon: In dem bunten Abenteuerland aus Gerüsten, Wind- und Fahrrädern kann man am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Energie zu produzieren und zu verbrauchen.

Spaß bereitet der österreichische Pavillion. Hier steht das Erlebnis im Vordergrund – was bei vielen Besuchern im Gedächtnis bleibt

Mehr als Pavillons
Dass viele Pavillons wenig überzeugend sind, kann wohl kaum den Organisateuren der EXPO angelastet werden. Und ein Besuch der Veranstaltung lohnt sich allemal. Denn allein die Perspektive zu wechseln und sich in die Situation der Entwicklungs- und Schwellenländer hineinzuversetzen, die hier ausstellen und für die eine solche EXPO ein enormes Ereignis darstellt, ist ein Gewinn. Zum anderen liefert die Weltausstellung mit ihrer inhaltlichen Ziellosigkeit  ein realistisches Bild dessen ab, wie die Weltgemeinschaft mit dem Thema Energie umgeht: eben sehr unterschiedlich. Dass dabei über „Future Energy“ geredet wird, wirkliche Visionen oder besser noch Strategien aber oft auf der Strecke bleiben, ist eine Erkenntnis, die die beteiligten Länder aufnehmen sollten.
Hinzu kommt, dass die EXPO natürlich nicht nur aus ihren Pavillons besteht. Astana begleitet die Weltausstellung mit verschiedenen globalen Konferenzen. Wer mehr zum Thema Energie wissen wollte, zu technischen Themen wie der Finanzierung von Projekten in der Region oder zu infrastrukturbezogenen Fragen, der konnte dies sehr ausführlich im Rahmen einer mehrtägigen Konferenz internationaler Energieminister im nahegelegenen EXPO-Konferenzzentrum tun. Nur wenige Tage später prägte das Thema Energie als eines von zwei Hauptthemen zudem das zweitägige Astana Economic Forum.

Besucheransturm bleibt aus
Der erhoffte Besucheransturm auf der EXPO ist bis dato ausgeblieben. In der ersten Woche nach Eröffnung des Events sollen es offiziellen Angaben zufolge rund 200.000 Gäste gewesen sein. Ein Besuch des Geländes an einem normalen Wochentag ließ derartige Zahlen nicht vermuten. Vor einigen Monaten hatte man noch angekündigt, die Zehn-Millionen-
Marke knacken zu wollen. Zum Vergleich: Die letzte „kleine“, spezialisierte EXPO, die 2012 im südkoreanischen Yeosu stattfand, hatte rund 8 Millionen Besucher gezählt. In den vergangenen Monaten hatte Kasachstan sein Ziel aber wiederholt heruntergeschraubt, zunächst auf 5, dann auf 3 Millionen Besucher. Offizielle vor Ort sprachen teils von 2 Millionen avisierten Gästen. Vertreter des kasachischen Außenministeriums sind optimistisch, dass die Zahlen zum Sommer hin noch einmal spürbar anziehen.
Das wäre allerdings schon ein hervorragendes Ergebnis für diese EXPO. Denn de facto gibt es einfacher zu erreichende Städte für ausländische Besucher, und für viele Gäste aus der Region oder dem eigenen Land ist eine Reise nach Astana mit seinen ohnehin schon gehobenen Preisen, die Berichten zufolge in Zeiten der EXPO noch einmal deutlich angezogen haben, einfach zu teuer.
Umso wichtiger ist, dass das aufwendige EXPO-Gelände, für das zwischen 1,6 und 2 Milliarden Dollar ausgegeben worden sein dürften (manche Quellen berichten von deutlich mehr), über die Weltausstellung hinaus sinnvoll genutzt wird. Dazu hat Kasachstan konkrete Pläne. Schon 2018 soll hier das Astana International Financial Center an den Start gehen, mit dem sich die Stadt zu einem regionalen Finanz-Hub entwickeln und ausländische Gelder anlocken möchte. Hinzu soll etwa ein International Center for Green Investments kommen. Direkt neben dem EXPO-Zentrum wurde bereits vor Kurzem eine neue Mega-Mall eröffnet.

EXPO symbolisiert Ambitionen
Für Kasachstan ist die EXPO ohne Frage eines der größten Ereignisse in der noch jungen Geschichte des Landes. Sie zeigt, dass Kasachstan noch lange nicht die Position in der Welt erreicht hat, die es anstrebt – als führendes Land in der Region und eine der 30 „besten“ Wirtschaftsnationen, wie es in der aktuellen Entwicklungsstrategie heißt. Aber das Land hat große Ambitionen und ist bereit, dafür viel auf sich zu nehmen. Auch die große finanzielle und organisatorische Herausforderung einer Weltausstellung.
Blickt man auf die letzten 20 Jahre der Entwicklung des Landes, sollte man diesen Anspruch ernst nehmen. Für Kasachstan geht es jetzt darum, seine regionale Rolle auszubauen und zu festigen und gleichzeitig auf globaler Ebene die Bühne zu betreten. Ob durch die EXPO oder durch zuletzt allerhand internationale Konferenzen, darunter auch die jüngsten Syrien-Verhandlungen sowie Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – als Gastgeber macht sich Kasachstan ohne Frage einen zunehmend guten Namen.

 

Fotos: OWC

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here