Erholung Zug um Zug

Nach einem Auftragsrückgang im Ost-Geschäft spürt der Schweizer Schienenverkehrshersteller Stadler Rail mit neuen Geschäften in Minsk und St. Petersburg wieder Aufwind.

Von Sebastian Becker

Für viele westliche Unternehmen war der Ausblick was die Geschäfte im Osten anbetrifft in der Vergangenheit wenig rosig. Russland dürfte im laufenden Jahr zwar wieder ein leichtes Wachstum erreichen. Doch mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise wird das Land noch weiter zu kämpfen haben. Die Ukraine kann wieder Wachstum verzeichnen, wird aber immer noch vom Krieg belastet. Und auch in Belarus läuft die Ökonomie bei Weitem noch nicht rund, auch wenn die Verluste aus der jüngsten Vergangenheit wohl nicht mehr so groß ausfallen dürften. Trotzdem mehren sich die Nachrichten von internationalen Investoren wieder, die in dieser Region gute Geschäfte machen können. Ein Beispiel ist der Schweizer Produzent von Schienenfahrzeugen Stadler Rail. In Minsk hat er offenbar einen neuen Auftrag an Land gezogen. Das belarussische Tochterwerk baut für die Hauptstadt Züge für die U-Bahn, berichtet die einheimische Nachrichtenagentur BTA. „Wir haben eine Ausschreibung gewonnen“, zitiert die Publikation CEO Peter Spuhler Mitte Juni.

Stadler liefer St. Petersburg die Tram des Typs „Metelitsa“ (hier in Moskau), die hohe Temperaturschwankungen aushält.

Seinen Aussagen zufolge solle diese Lieferung ein Meilenstein für die belarussische Tochter sein. „Wir brauchen einfach solche erfolgreiche Projekte, um uns an den Märkten der GUS-Staaten zu etablieren“, zitiert die Agentur den Schweizer Unternehmenslenker. „Dieser Auftrag dürfte uns die Tür für alle anderen postsowjetischen Ländern öffnen“, hofft er. Eine Sprecherin wollte sich auf Anfrage von OstContact nicht zu den Volumina der Order äußern. Nimmt man die Preise für die Gesamtvolumina der Aufträge in westlichen Großsstädten als Grundlage, könnte das Gesamtvolumen dieser neuen Order aus Belarus leicht eine Summe betragen, die in zweistelliger Millionen-Höhe liegt.

Dieser Auftrag dürfte uns die Tür zu anderen Märkten der GUS öffnen.

Damit erweitert Stadler sein Engagement in Osteuropa. Das Unternehmen generiert jährliche Gesamterlöse von knapp zwei Milliarden Franken (rund 1,8 Mrd. EUR). Belarus ist dabei mit seinen knapp 9,5 Millionen Konsumenten grundsätzlich ein interessanter Markt für internationale Investoren wie den Schweizer Hersteller. Denn viele Züge und Bahnen, aber auch große Teile der Infrastruktur, müssen dringend modernisiert werden. Als kostengünstiger Produktionsstandort ist Belarus bisher ohnehin schon für die Unternehmen lukrativ. Das Werk der belarussischen Tochter von Stadler, das die Schweizer vor fünf Jahren gebaut haben, befindet sich in Fanipol in der Nähe von Minsk. Auf einer Fläche von 190.000 Quadratmetern produziert der Betrieb, der pro Jahr 120 Fahrzeuge herstellen kann, hauptsächlich für die Märkte in den GUS-Staaten. So hat die belarussische Tochtergesellschaft bereits im vergangenen Jahr einen Auftrag von der Stadt St. Petersburg erhalten, der jetzt kurz vor dem Abschluss steht. Das Werk hat den Russen insgesamt 23 Straßenbahnen des Typs „Metelitsa“ gebaut. Die Fahrzeuge sind jeweils 33 Meter lang und umfassen drei Personenwagen, in denen insgesamt 376 Fahrgäste Platz finden.

„Tram innerhalb der EAWU unerreicht“
„Dabei handelt es sich um eine Niederflur-Bahn, die im Zweirichtungsbetrieb läuft – das heißt, sie kann vor- und rückwärts fahren“, betont Aleksej Kowetski, der stellvertretende CEO der belarussischen Tochter von Stadler. Solche Fahrzeuge verfügen über besonders tiefliegende Böden im Innenraum und können somit besser ältere oder behinderte Fahrgäste transportieren. Darüber hinaus sind die Bahnen den Aussagen von Kowetski zufolge mit Klimaanlage und Türen auf beiden Seiten ausgestattet. „Innerhalb der Zollunion EAWU ist dieser Typ unerreicht“, unterstreicht der Manager, der davon ausgeht, dass sein Unternehmen die Fahrzeuge „schon in nächster Zukunft liefern wird“. Der stellvertretende CEO nannte auch für diesen Auftrag keinen Preis.
Allerdings ist für das belarussische Werk von Stadler in der jüngsten Vergangenheit nicht alles optimal gelaufen. CEO Spuhler spricht von einem Auftragsrückgang, den der Betrieb hat hinnehmen müssen. „Die Preise für den Bahntransport waren allgemein gefallen, außerdem musste der Russische Rubel Rückgänge verkraften“, nennt der Manager zwei Gründe, die aus seiner Sicht dafür den Ausschlag gegeben haben. Doch nun verbessert sich die Auftragslage, „und wir bieten neue Arbeitsplätze“, sagte der CEO. „Grundsätzlich haben wir nie bereut, dass wir unsere Mittel in Belarus investiert haben“, erklärt Spuhler.

Foto: Artem Svetlov, via commons.wikimedia.org

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here