Die Zukunft ist flüssig

Polen setzt auf einen Mix aus unterschiedlichen Versorgungsmöglichkeiten. Neben der Erschließung neuer Quellen für Pipelinegas und dem Ausbau der polnischen Gasförderung spielt insbesondere die Nutzung von Flüssiggas eine bedeutende Rolle – mit signifikanten Vorteilen etwa für Verkehr und Industrie.

Von Jan Schubert

Spätestens durch den seit 2005 regelmäßig aufflammenden Konflikt um Erdgaslieferungen zwischen Russland und der Ukraine stellt sich für die Republik Polen die Frage, ob und wie eine Diversifizierung der Energieversorgung und insbesondere der Bezugsquellen von Erdgas möglich ist. Neben den zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Spannungen zwischen Russland und osteuropäischen Ländern sind es nicht zuletzt die Verpflichtungen, die sich aus der Mitgliedschaft in der Europäischen Union ergeben, die eine Suche nach Alternativen nötig machen. Die von der EU vorangetriebene Idee zur Schaffung einer europäischen „Energieunion“ ist im Falle Polens umso brisanter, als russische Erdgaslieferungen seit jeher einen Großteil des polnischen Bedarfs decken und auch die dafür notwendige Infrastruktur gemeinsam aufgebaut wurde. Zumal sie auf den Transit von Erdgas von Ost nach West zugeschnitten ist. Aufgrund bestehender Verträge ist die Monopolstellung russischen Erdgases noch bis 2022 gesichert. Der Anteil Russlands an den Gasimporten überragt den anderer Länder bei Weitem und liegt trotz erster Bemühungen zur Diversifizierung noch immer bei 76 Prozent (2015).

Polen hat die Infrastruktur für LNG
Zur Deckung der Erdgasimporte nach Polen, die sich 2015 auf rund 14 Milliarden Kubikmeter beliefen, bietet sich neben dem Import von Erdgas aus nichtrussischer Förderung über Pipelines und dem Ausbau der polnischen Gasförderung insbesondere der Import von Erdgas an, das nicht an die bestehende Pipelineinfrastruktur gebunden ist. Das sogenannte Liquefied Natural Gas (LNG) ändert aufgrund der extrem kalten Temperatur von zirka -164 Grad seinen Aggregatszustand von gasförmig zu flüssig. Dabei verringert sich das Volumen um das 600-Fache, sodass ein Transport signifikanter Mengen über lange Strecken mit dem Schiff wirtschaftlich möglich ist.
Voraussetzung für die Nutzung von LNG ist die Schaffung der entsprechenden Infrastruktur, um das kalte Gas mit Schiffen anzuliefern, zwischenzulagern und der Verwendung entsprechend weitertransportieren zu können. Bisher gab es entsprechende Infrastruktur in Nordeuropa nur in den Beneluxländern und Großbritannien. 2014 konnte das Nachbarland Litauen zudem ein schwimmendes LNG-Terminal in Betrieb nehmen. Dieses machte seinem Namen „Independence“ alle Ehre und führte zu einer drastischen Senkung der Kosten für russische Erdgaslieferungen. Mit der Eröffnung des Lech Kaczynski-Terminals in Świnoujście besteht seit Dezember 2015 auch die Möglichkeit, LNG direkt in Polen anzulanden. Bis zu 5 Milliarden Kubikmeter Erdgas können pro Jahr auf diesem Weg in das Land gebracht werden, unabhängig vom Wohlwollen der umgebenden Länder und ohne von Transitpipelines abhängig zu sein. Der Bau weiterer Terminals entlang der Küste wird derzeit geprüft. Hauptverwendungzweck für importiertes LNG in Polen ist die Regasifizierung und Einspeisung in das Gasnetz zur Versorgung von Industrie und Privathaushalten mit Energie. Eine deutlich geringere Rolle spielt die seit einigen Jahren bestehende Verflüssigung von Erdgas in dezentralen Anlagen im Land.

Bis zu 5 Milliarden Kubikmeter Erdgas können pro Jahr per Schiff in das Land gebracht werden, unabhängig vom Wohlwollen der umgebenden Länder.

Umweltfreundliche Alternative
Der Aufbau der LNG-Infrastruktur erlaubt jedoch auch die Nutzung von LNG in anderen Bereichen, allen voran der Mobilität. Erdgas hat den Vorteil, dass es deutlich umweltfreundlicher verbrennt als ölbasierte Kraftstoffe und damit ein geeignetes Mittel zur Senkung von Emissionen ist. Dabei wird nicht nur die Belastung mit CO2 verringert, sondern insbesondere auch der Ausstoß von Schwefel, Rußpartikeln und Stickoxiden drastisch reduziert. Die Nutzung von LNG im Verkehrsbereich entwickelt sich dementsprechend, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, positiv. Anders als in den Niederlanden oder Belgien, die Vorreiter bei der Nutzung von LNG als Kraftstoff für Trucks im Transportbereich in Europa sind, wurde LNG in Polen zuerst für den Antrieb von Bussen im öffentlichen Personenverkehr eingesetzt. Seit 2014 fahren umweltfreundliche Busse in Warschau und Olsztyn.

Mit dem Lech Kaczynski-Terminal in Swinoujscie besteht seit Dezember 2015 die Möglichkeit, LNG direkt in Polen anzulanden.

2016 wurde der Bau der ersten polnischen Ostseefähre mit LNG-Antrieb beschlossen. Dies stellt insofern einen Meilenstein dar, dass bisher zwar bereits einige Schiffe mit alternativen Antrieben auf polnischen Werften gebaut wurden, diese aber immer für den Einsatz in anderen Regionen gedacht waren. Der geplante Fährneubau und mögliche Schwesterschiffe werden jedoch nicht nur in Polen gebaut, sondern ab 2020 auch auf Routen zwischen Polen und Schweden eingesetzt.
Parallel zur vielfältigen Nutzung von LNG im Verkehrsbereich entwickelt sich auch das Versorgungsnetz in der Region. Gab es bisher ausschließlich die Möglichkeit, LNG direkt am Importterminal oder der Verflüssigungsanlage zu nutzen, so ist inzwischen die Versorgung von Tankstellen und die Direktbelieferung von Schiffen durch den Einsatz von Transportlastwagen nicht nur in Polen, sondern entlang der gesamten Ostseeküste möglich. Hinzu kommt die Möglichkeit der Belieferung von Schiffskunden von der Wasserseite. Ein deutsch-litauisches Joint Venture lässt derzeit das weltweit größte LNG-Bunkerschiff bauen. Heimathafen des Schiffes wird Klaipeda in Litauen sein. Ab 2018 wird dieses nicht nur Terminals entlang der Ostseeküste beliefern, sondern ebenfalls Schiffe im Hafen und auf See direkt betanken, auch in Polen.

Die Zukunft ist flüssig
Es zeigt sich, dass die polnischen Bestrebungen für eine Diversifizierung der Erdgasversorgung nicht nur Alternativen und damit Wettbewerb im Bereich der Energie schaffen. Die Schaffung einer nachhaltigen und langfristig stabilen Versorgung mit Erdgas führt auch dazu, dass in den Bereichen Industrie und Transport ein Innovationsprozess in Gang gebracht wurde, weg von konventionellen Energiequellen und hin zu umweltfreundlichen und zukunftsfähigen Lösungen wie LNG. Das Potenzial für den Ausbau dieser Entwicklungen ist in Polen vorhanden und die Chancen stehen gut, dass diese auch in absehbarer Zeit genutzt werden.

Jan Schubert entwickelt Versorgungslösungen für LNG-Kunden im Verkehrsbereich in Nordeuropa.

 

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