Deutsche Bank verscherbelt polnisches Tafelsilber

Die Deutsche Bank plant Medienberichten zufolge, ihr Polen-Geschäft zu verkaufen. Für viele Banken im Land wäre die Tochter der DB ein guter Deal.

Von Sebastian Becker

Der Deutschen Bank (DB) geht es nicht sonderlich gut: Die Bilanz war vor zwei Jahren stark von Rückgängen gebeutelt, sodass unterm Strich ein Nachsteuer-Verlust von sieben Milliarden Euro stand. Das Finanzinstitut hat sich zwar im vergangenen Jahr wieder etwas erholt. Doch kann von einer Trendwende noch lange keine Rede sein. Insbesondere belasten die Strafzahlungen in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe die Bank, die das Geldhaus im Zusammenhang mit der Rubel-Schwarzgeld-Affäre leisten musste. Deswegen sieht sich das Management nun gezwungen, den Konzern möglichst rasch zu restrukturieren und Geschäftsbereiche abzustoßen, die nicht unbedingt zum Kerngeschäft gehören.
Dazu könnte auch die polnische Tochtergesellschaft DB Polska gehören, die das Finanzinstitut vor mehr als 20 Jahren 1995 beim östlichen Nachbarn gegründet hat. Der Verkauf dieses Geschäfts wäre das Ende einer Ära – und zwar nicht nur für die Bank und den polnischen Markt, sondern auch für den deutsch-polnischen Handel.

Der polnische Staat hat kein Geld, um die Bank zu kaufen.

Auswirkungen auf den gesamten Markt
Reuters berichtete Ende Mai, dass der Konzern damit begonnen habe, Teile seines Polen-Geschäftes zu veräußern. Die Agentur zitiert einen Marktteilnehmer, der den Preis von 450 Millionen US-Dollar (rund 400 Mio. EUR) nennt, den das Management mit diesem Verkauf erzielen könnte. Noch hat die Bank die Meldung weder bestätigt noch dementiert, doch sieht der Bericht schon ziemlich konkret aus. Der einheimische Fachdienst „Nowy Przemysł“ spekuliert, dass drei polnische Töchter von internationalen Bankenkonzernen DB Polska übernehmen könnten. Dabei handelt es sich um die mBank (Mutter: Commerzbank), BZWBK (Santander) sowie die Bank Millennium (von der portugiesischen BCP). Keines dieser Unternehmen wollte dazu Stellung nehmen. Die DB Polska verfügt zwar nur über eine Bilanzsumme von weniger als 40 Milliarden Zloty (9,5 Mrd. EUR), womit sie einen Marktanteil von weniger als 4 Prozent kontrolliert. Sie gehört damit nicht zu den zehn größten Banken in Polen. Doch dürfte sich ein Verkauf trotzdem spürbar auf den gesamten polnischen Markt auswirken. Denn die polnische Tochter der DB ist derzeit ein durchaus attraktives Übernahmeobjekt, weil sie wohl rentabel wirtschaftet. Bis Mitte des vergangenen Jahres erzielte sie ein Plus von 118 Millionen Zloty (etwa 26,6 Mio. EUR). 2015 standen unterm Strich schwarze Zahlen in Höhe von 144 Millionen Zloty (32,5 Mio. EUR). Und noch einmal zwölf Monate zuvor gab es sogar ein positives Ergebnis von 277 Millionen Zloty (62,5 Mio. EUR). Die Eigenkapitalquote lag Ende Juni 2016 bei 19,5 Prozent – eines der besten Resultate in der Branche überhaupt.

Die Skyline von Warschau mit dem „Palast der Kulturen“: Nach dem Verkauf der DB Polska dürfte sich der Markt spürbar verändern.

Verschärfte Marktbedingungen bedrücken die Banken
Eine solche Bank zu übernehmen, ist für nahezu jedes Unternehmen lukrativ. Und viele Geldhäuser stehen derzeit in Polen massiv unter Druck, weil sich die Marktbedingungen verschärft haben. Die Kosten klettern rasant in die Höhe. Ein Grund: Viele Banken sind dabei, sich neu zu organisieren. Dazu gehört der Einsatz von neuen Technologien, um die Kunden zu bedienen. Für diese Investitionen müssen die Finanzinstitute verstärkt Mittel zur Verfügung stellen. Die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza geht von bis zu 100 Millionen Zloty (rund 24 Mio. EUR) aus. Darüber hinaus belastet die von der nationalkonservativen Regierung eingeführte Bankensteuer die Unternehmen.
Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der Wettbewerbsdruck so hoch ist. Denn grundsätzlich gilt Polen als ausgesprochen schwieriges Terrain. Der Markt ist noch sehr zersplittert und das Angebot an Dienstleistungen nicht sehr spezialisiert – anders als im Westen. Es gibt an die 40 Handelsbanken sowie 560 Genossenschaftsbanken, die insgesamt über Aktiva im Wert von weit mehr als einer Billion Zloty (255 Mrd. Euro) verfügen. Zum Vergleich: Die Banken in Deutschland vereinen auf sich ein Volumen von 7,8 Billionen Euro.
Hauptsächlich bedienen die polnischen Geldhäuser mit einem breit gestreuten Angebot unterschiedliche Kunden, ohne sich auf ein Geschäft zu spezialisieren. Die polnische Tochter der Citibank, die sich auf das Business mit Kreditkarten und vermögenden Kunden konzentriert, ist da eher eine Ausnahme. So ist eine weitreichende Konsolidierung des Marktes bei Weitem noch nicht eingetreten.
Die Manager in den Führungsriegen der Unternehmen müssen sich also überlegen, wie sie mittel- und langfristig ihre Geschäfte neu gestalten. Eine Übernahme der wohl rentablen DB Polska könnte für einige Banken eine Option sein. Allerdings kommen als potenzielle Käufer nur die großen Akteure infrage, weil sie den wahrscheinlichen Preis von 450 Millionen Dollar überhaupt bezahlen können. Die beiden größten polnischen Geldhäuser, die PKO BP und die Pekao SA, dürften derzeit auch kaum in der Lage sein, diese Summe zu stemmen. Denn sie sind Eigentum des polnischen Staates, dessen finanzielle Situation zwar nicht kritisch, aber doch nicht gerade rosig ist. Die polnische Regierung hat sich zwar die Renationalisierung der Banken auf die Fahnen geschrieben, die in der Vergangenheit bis zu 70 Prozent in den Händen der Ausländer gewesen ist. Doch dürfte sie derzeit kaum über die finanziellen Mittel verfügen, um die DB Polska zu kaufen – allem politischen Willen zum Trotz. Denn sie muss beispielsweise staatliche Sozialprogramme finanzieren, die vom Haushalt kaum abgedeckt sind. Darüber hinaus hat der staatliche Versicherer PZU gerade für 10,6 Milliarden Zloty (2,5 Mrd. EUR) den Kontrollanteil an der Pekao SA übernommen, den die italienische Unicredit abgestoßen hat.
Somit kommen als Käufer tatsächlich die Santander-Tochter BZWBK, die Commerzbank-Tochter mBank und die Bank Millennium infrage, die sich in portugiesischer Hand befindet. Allerdings gibt es hier noch ein gravierendes Problem, das den neuen Eigentümer belasten würde. Und das hat mit der Restrukturierung von Hypothekenkrediten zu tun, die in Schweizer Franken ausgereicht wurden. Denn davon ist auch die DB Polska betroffen.

Frankenkredite als Erblast
In Polen haben in den vergangenen Jahren insgesamt 1,9 Millionen Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer ein Hypothekendarlehen in Schweizer Franken aufgenommen. Grund: Die Banken hatten errechnet, dass ein solcher Kredit in dem individuellen Fall für die Konsumenten am kostengünstigsten sei. Als 2009 die große Finanzkrise ausbrach, waren viele Polen auf einmal nicht mehr in der Lage, ihre Raten zu begleichen, denn der Schweizer Franken verteuerte sich gegenüber dem Zloty. Für viele Banken bedeutete dies, dass sie viele Kredite restrukturieren müssen. Beispielsweise sind bei der Getin Bank, die zu den zehn größten Geldhäusern Polens gehört, fast ein Fünftel des Portfolios faule Darlehen.
Bei der polnischen Tochter der DB sieht es hingegen folgendermaßen aus: Das gesamte Kreditportfolio umfasst einen Wert von 31 Milliarden Zloty (7,3 Mrd. EUR), wovon 22 Milliarden Zloty (5,2 Mrd. EUR) auf die Hypothekenkredite in Euro und in Zloty entfallen. „Die DB Polska hat zwar immer eine sehr restriktive Kreditpolitik gemacht, weshalb es nur sehr wenig faule Kredite gibt“, sagt Maciej Samcik, Finanzexperte der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. „Doch wird die Bank sie weiter bedienen müssen“, erklärt der Fachmann. Das werde aus seiner Sicht die künftige Bilanz weiter belasten.

 

Foto: iStock@Zarnell

 

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