Als deutsche Führungskraft nach Tschechien

Prag, iStock © Hailshadow

In Tschechien gibt es rund 4.000 deutsche Firmen. Immer wieder ist von deutschen Führungskräften zu hören, die ihren Aufenthalt in Tschechien abbrechen, weil ihre Fähigkeiten nicht ausreichen, sich dem Gastland anzupassen. OstContact sprach mit Rainer Beekes, Managing Partner bei Global Cultures – Akademie für interkulturelles Management, darüber, welche Lösungen es dafür gibt.

Wie unterscheidet sich das Führungsverhalten von tschechischen und deutschen Vorgesetzten?
Beekes: In Deutschland gibt es tendenziell flache Hierarchien mit einer niedrigen Machtdistanz. Die Mitarbeiter werden häufig in Entscheidungen mit einbezogen und es wird von ihnen erwartet, dass sie unabhängig und selbstständig arbeiten. In Tschechien wird die Hierarchie stärker gelebt. Die Angestellten erwarten Anweisungen, aber auch mehr Wertschätzung und positives Feedback. Es ist Aufgabe des Chefs, eine gute Beziehung zu seinen Mitarbeitern aufzubauen. Falls es bei der Arbeit Probleme gibt, erwarten deutsche Vorgesetzte, dass ihnen davon erzählt wird, in Tschechien ist Feedback  mehr eine Hol-Schuld des Chefs. Dies betont zusätzlich die Wichtigkeit der Aufgabe.

Kulturen mit einem pragmatischen Ansatz empfinden diese Herangehensweise als störend.

Welche Probleme können sich aus dieser Unterschiedlichkeit ergeben?
Beekes: Die Tschechen vermeiden Konflikte, wenn es geht. Deutsche suchen bei Problemen meist erst einmal einen Schuldigen. Zielführender ist es, diplomatisch nach Lösungen und nicht nach Schuldigen zu suchen.

Wie kann das Vertrauen der Mitarbeiter gewonnen werden?
Beekes: Es ist wichtig, Absichten darzulegen. In einigen Fällen erschließt sich tschechischen Mitarbeitern nicht, warum sie etwas tun sollen. Dann ist es die Aufgabe des deutschen Chefs, dies zu erklären und die Mitarbeiter mitzunehmen. Außerdem ist die Klärung der Rollen und der Erwartungshaltung des Chefs generell wichtig. Dadurch fühlen sie sich sicherer. Unzufriedene Angestellte, die ihren Chef nicht akzeptieren, machen oft Dienst nach Vorschrift oder verlassen die Firma ohne Vorwarnung und ohne Erklärung.

Wie kann man sich auf die Auslandstätigkeit vorbereiten und was kann man vor Ort machen, wenn man zwischenmenschliche Vorgänge in der Firma nicht versteht?
Beekes: Ein interkulturelles Training vor der Ausreise ist auf jeden Fall nützlich. Es ist gut, einen tschechischen Vertrauensmann in der Firma zu haben, mit dem man alles besprechen kann. Auch ein Coaching vor Ort kann sehr hilfreich sein, wobei die Erfahrung zeigt, dass viele Unternehmen diese Kosten scheuen.

Was haben Sie selbst als Vorgesetzter in Tschechien erlebt?
Beekes: Ich habe sehr viel gelernt. Die größte Herausforderung bestand zunächst darin, dass viele Mitarbeiter kein selbstständiges Arbeiten gewöhnt waren. Außerdem musste ich lernen nachzuhaken, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die andere Feedbackkultur führte einmal dazu, dass der Budgetprozess aufgehalten wurde, weil ich falsche Daten bekommen hatte. Natürlich wusste auch der Verursacher, dass er Mist gebaut hatte. Anstatt ein Donnerwetter loszulassen, das höchstens zu einer Abwehrhaltung geführt hätte, erarbeitete ich mit ihm eine schnelle Lösung des Problems. Letztendlich verbesserte sich dadurch unsere Zusammenarbeit. Weiterhin hatte ich stets eine Vertrauensperson, um zu erfahren, was wirklich in der Firma läuft. Gerade, wenn man die Sprache nicht spricht, ist dies ein klarer Vorteil. Dies funktioniert natürlich nur, wenn das Vertrauen dieser Person niemals missbraucht wird.

Herr Beekes, wir danken Ihnen für das Gespräch.

       Das Interview führte Astrid Thomsen.

Rainer Beekes verbrachte knapp vier Jahre in der Slowakei und in Tschechien in leitender Funktion für die damalige Firma SkoFIN. Seit fünf Jahren ist er Managing Partner bei Global Cultures – Akademie für interkulturelles Management.

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