China: Industrielle Zukunft

China verfolgt die Strategie „Made in China 2025“. In Deutschland heißt es „Industrie 4.0“. Es geht um Innovation. Und es geht um die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette. Wie die industrielle Zukunft aussehen kann, demonstriert Siemens seit 2013 in Chengdu.

Digitale Siemens-Fabrik in Chengdu: Auf die menschliche Logik wird auch künftig nicht verzichtet werden können. © Siemens
Digitale Siemens-Fabrik in Chengdu: Auf die menschliche Logik wird auch künftig nicht verzichtet werden können. © Siemens

Von Peter Tichauer

Zwei Jahre zuvor hatte der Münchener Technologiekonzern entschieden, in Chengdus Hochtechnologie-Zone nach dem Muster der digitalen Fabrik im bayerischen Amberg ein ebensolches Werk aufzubauen. Neben dem Werk in Amberg und dem in den USA ist es die weltweit dritte digitale Siemens-Fab­rik. Die Siemens Industrial Automation Products Ltd. in Chengdu versteht sich auch als Demonstrationsplattform für künftige Anwender digitaler Prozesse in der Produktion. Die Fabrik ist beeindruckend. Wie von Zauberhand gelenkt, laufen die Produktions- und internen Logistikprozesse ab. Auf der Besucherplattform große Monitore, über die die gesamte Wertschöpfungskette in dem Unternehmen, das speicherprogrammierbare Steuerungen (PLC), Mensch-zu-Maschine-Schnittstellen (HMC) und Ausrüstungen für Interprozesskommunikation (IPC) herstellt, verfolgt werden kann. Ebenso das derzeit erreichte Qualitätsniveau. Sichtbar ist, wo es Probleme im Produktionsprozess gibt, um sie lösen zu können.

Menschliche Logik wird weiter gebraucht

Dass Siemens sich für das zentralchinesische Chengdu als Standort entschieden hat, verwundert nicht. Sichuans Hauptstadt gehört inzwischen zu den Schrittmachern der chinesischen Innovation, gezielt gefördert durch die Stadtregierung. Hier gut ausgebildete Fachkräfte zu finden, die engagiert sind und die Zukunft mitgestalten wollen, ist inzwischen ein geringeres Problem als an vielen Standorten an der Ostküste des Landes. Zudem spielte für Siemens eine Rolle, dass Chengdu sozusagen das „Tor nach Westchina“ ist, wo in den kommenden Jahren mit einem hohen Nachholbedarf in der Entwicklung zu rechnen ist. Durch die Seidenstraßen-Initiative nimmt die Bedeutung Südwest-, Zentral- und Westchinas weiter zu. Darauf müssen sich auch die Unternehmen einstellen. Ob staatliche oder private, sie alle müssen sich den Herausforderungen stellen, um im nationalen und globalen Wettbewerb mithalten zu können. Die Produktion auf eine neue technologische Stufe zu heben, sie effizienter zu machen und gleichzeitig die Qualität zu steigern – dafür hat Siemens die digitalen Antworten. Es geht darum, durch Digitalisierung die Prozesse im Unternehmen miteinander zu verzahnen – von der Ressourcen-Planung (ERP) über das Fertigungsmanagement (MES) bis zum Controlling.

Ren Jiangyong, Chefingenieur in der Chengduer Siemens-Fabrik, sagt klipp und klar: „Wir sprechen hier nicht von ‚Industrie 4.0‘, sondern von Digitalisierung.“ Die werde in erster Linie gebraucht, um in chinesischen Unternehmen angesichts des Kostendrucks und zunehmenden Wettbewerbs effizienter produzieren zu können. Digitalisierung heißt aber auch, dass Produktionsprozesse neu gestaltet werden müssen.  So spricht der Chefingenieur von „ergonomischen Ansätzen“ bei den Prozessen. Und bei der betriebsinternen Logistik zieht er einen Vergleich zum chinesischen Schattenboxen, dem Taiji. Dieses zeichne sich durch smarte Abläufe aus, bei denen die Bewegungen ineinanderfließen. „So muss auch die Logistik funktionieren.“

Weltweit machen sich Ökonomen Gedanken über die künftige Arbeitswelt, die möglicherweise schon in einem Jahrzehnt ganz anders aussehen wird als heute. Werden Menschen in der Produktion dann noch gebraucht? Das ist die große Frage, die zuweilen auch Ren Jiangyong umtreibt. Er sagt aber, um vollautomatisierte Fabriken gehe es nicht, sondern da­rum, durch digitale und automatisierte Prozesse die Arbeit zu erleichtern und die Fehlerquote in der Produktion so gering wie möglich zu halten. „Die Menschen werden weiter gebraucht“, betont der Chefingenieur, zeigt in die Halle und ergänzt: „Maschinen können die Logik der Menschen nicht ersetzen. Auf die können wir auch in Zukunft nicht verzichten.“

Die Zukunft ist eindeutig smart

Wie auch immer die künftige Produktion bezeichnet wird, daran, dass es um intelligente Lösungen, um sogenannte smarte Prozesse gehen wird, und das nicht nur im produzierenden Gewerbe, besteht kein Zweifel. China ist auf dem Weg in diese Richtung und Siemens sieht sich als Partner bei dieser Entwicklung. Das klare Bekenntnis des Konzerns ist, den notwendigen strukturellen Umbau der chinesischen Volkswirtschaft zu begleiten, Erfahrungen aus Deutschland zu vermitteln und selbstverständlich technologische Lösungen anzubieten. Das reicht von Kooperationen mit Verwaltungen in Städten und Gemeinden über Innovation durch Digitalisierung, etwa bei der Entwicklung intelligenter Systeme für die Steuerung des  Verkehrs oder beim Aufbau unternehmensinterner Internet-Plattformen, bis hin zu Ausbildungsprogrammen für Digitalisierungsfachleute. Für letzteres steht das Motto: „Ohne Experten für Digitalisierung geht es im Zeitalter der Digitalisierung nicht.“ Und selbstverständlich erwartet Siemens durch die Wiederbelebung der Seidenstraße in den kommenden Jahren weitere Auftragseingänge. Allein seitdem Präsident Xi Jinping 2013 die Seidenstraßen-Initiative der Welt erstmals vorgestellt hat, haben chinesische Unternehmen bis zum Ende des vergangenen Jahres rund 4.000 Projektverträge, sogenannte EPC-Vereinbarungen, in 60 Ländern abgeschlossen. Als Zulieferer von Automatisierungs- und Digitalisierungslösungen sieht Siemens dabei gute Chancen.

Aus Sicht des Technologiekonzerns kann die chinesische Innovationsstrategie nur erfolgreich sein, wenn strukturelle Probleme in der Wirtschaft gelöst werden. Der Abbau von Überkapazitäten in der Stahl-, Zement- und Kohleindustrie sowie im Schiffbau gehöre ebenso dazu wie die bessere Ausstattung von Unternehmen mit Betriebskapital. Neue Managementmethoden seien notwendig und eine bessere und an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientierte Ausbildung von Personal. Wettbewerbsfähiger würden Unternehmen nur, wenn Managementprozesse und Unternehmenskultur revolutioniert werden. Durch Digitalisierung von Prozessen könne dies erreicht werden. Gefragt sei in den Unternehmen industrielles Know-how und eine an den Bedürfnissen der Branche orientierte Digitalisierung, anstatt einer „blinden“ Übernahme von Trends.

Über mangelndes Interesse chinesischer Unternehmensführer aus kleinen privaten oder staatlichen Firmen an den Digitalisierungslösungen von Siemens kann sich Chefingenieur Ren Jiang­yong in Chengdu jedenfalls nicht beklagen. Er sagt, bei ihm gäben sich die Besucher die Klinke in die Hand. Das Werk ist aber nicht nur ein „Schaufenster“ oder Demonst­rationsprojekt. Hier werden reale Produktionsziele verfolgt und eine kontinuierliche Produktionssteigerung. Im vergangenen Jahr wurden rund 2,7 Millionen Produkte ausgeliefert. In diesem Jahr sollen es mit etwa fünf Millionen fast doppelt so viele sein, sagt Ren Jiangyong und ergänzt: „Bei den Fehlerquoten haben wir im vergangenen Jahr deutliche Fortschritte gemacht, auch wenn wir noch nicht ganz auf dem Niveau wie in Amberg sind.“ An dieser Stelle kommt er noch einmal auf die Bedeutung der menschlichen Logik für das Unternehmen zu sprechen. In den Hallen des Werkes stehen große Magnettafeln mit roten und grünen Karteikarten. Auf den grünen Karten vermerken die Arbeiter Probleme, die ihnen in der Produktion aufgefallen und die zu lösen sind. Die Lösungen werden dann auf den roten Karten festgehalten. „Auf diese Weise beziehen wir jeden Mitarbeiter mit ein, um die beste Qualität zu erreichen, die unsere Kunden erwarten.“

Das Werk in Chengdu ist für Siemens die Basis, um die Zusammenarbeit mit China im Bereich der intelligenten und digitalisierten Produktion in den kommenden Jahren weiter zu intensivieren. Im November 2016 wurde dort eine zweite Produktionslinie in Betrieb genommen. Hat diese ihre volle Produktionskapazität erreicht, liegen die Pläne für eine dritte bereits in den Schubladen.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 07/2017 erschienen.

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