China: Wir sind Wettbewerber und strategische Partner

In einer Welt mit sich verändernden Rahmenbedingungen für den globalen Handel ist es um so wichtiger, dass Deutschland und China gemeinsam für freien Handel eintreten. Denn beide Länder sind große Exportnationen, sagt der Präsident der IHK Köln, Werner Görg, im Interview mit ChinaContact.

Mit Werner Görg sprach Peter Tichauer

Werner Görg ist Präsident der IHK Köln. © IHK Köln
Werner Görg ist Präsident der IHK Köln. © IHK Köln
Herr Görg, im Motto des diesjährigen Greater China Days wird die Frage gestellt, ob China ein strategischer Partner oder Wettbewerber ist. Wie fällt Ihre Antwort aus?

Sowohl als auch. Insgesamt gesehen, sind die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen eine Erfolgsgeschichte. Bereits 1957 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Volksrepublik China ein Handelsabkommen. Das war noch vor Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Verhandlungsführer auf deutscher Seite war seinerzeit übrigens der Kölner Industrielle Otto Wolff von Amerongen, der über viele Jahre Präsident und später Ehrenpräsident der IHK Köln war. Mittlerweile ist China zu Deutschlands weltweit bedeutendstem Handelspartner aufgestiegen. Umgekehrt sind wir die wichtigsten Wirtschaftspartner Chinas in Europa. Und chinesische Unternehmen sind für viele deutsche Unternehmen verlässliche strategische Partner bei der Erschließung und Bearbeitung des chinesischen Marktes. Wer sich auf den Weg nach China macht, muss sich auf extrem harten Wettbewerb einstellen. In den vergangenen Jahren haben chinesische Unternehmen in vielen Bereichen stark aufgeholt. Sie treten zunehmend als Wettbewerber auf. In China, aber auch auf Drittmärkten und in Kernbranchen der deutschen Exportwirtschaft, wie zum Beispiel im Maschinenbau, wo China vor allem im mittleren Segment punktet. Wir erleben China nicht mehr als die „Werkbank der Welt“, sondern auch als Hersteller von Hightech-Produkten. Der Wettbewerb macht vor unserer eigenen Tür nicht halt. Aber das sehe ich grundsätzlich positiv. Denn Wettbewerb ist auch der Garant für Innovation und Fortschritt. Entscheidend sind faire Regeln, die für alle gelten.

US-Präsident Trump will den amerikanischen Markt schützen, Chinas Präsident Xi Jinping plädierte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos für freien Handel. Das bekräftigte Ministerpräsident Li Keqiang auf der diesjährigen Tagung des Nationalen Volkskongresses. Wo sehen Sie Möglichkeiten, das Deutschland und China im globalen Handel gemeinsam neue strategische Akzente setzen können?

Ein Großteil des Wohlstands in Deutschland beruht auf internationaler Vernetzung. Und mit Blick auf die wachsenden Unsicherheitsfaktoren in der Welt wird die Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Deutschland und China immer bedeutender. Seit 2004 werden die deutsch-chinesischen Beziehungen als „strategische Partnerschaft“ bezeichnet. Es finden regelmäßige Regierungskonsultationen statt, bei denen die beiden Kabinette unter der Leitung der Regierungschefs zusammenkommen. Beide Länder sind große Exportnationen. Sie leben von offenen Märkten. Sollten die USA als Garant des freien Welthandels ausfallen, ist es umso wichtiger, dass Deutschland und China für freien Handel und gegen Protektionismus eintreten. Wir müssen uns jedoch fragen, wie glaubwürdig die Bekundungen aus China angesichts der existierenden Marktzugangsbeschränkungen sind. Vom Thema Freihandel abgesehen, können Deutschland und China auch in anderen Bereichen Akzente setzen, vor allem im Bereich Energie und Umwelt.

Beide Länder sind große Exportnationen. Sie leben von offenen Märkten. Sollten die USA als Garant des freien Welthandels ausfallen, ist es umso wichtiger, dass Deutschland und China für freien Handel und gegen Protektionismus eintreten.

In der Region Greater China werden neue wirtschaftspolitische Schwerpunkte gesetzt. Dafür steht Chinas „Made in China 2025“, dafür steht auch die taiwanische Strategie „Fünf plus zwei Schlüsselindustrien“, die auf Innovation und Digitalisierung zielt. Welche Chancen bietet das deutschen Anbietern?

Beide Strategien bedeuten zunächst vor allem Chancen für die deutsche Wirtschaft. Deutsche Unternehmen gehören in den Bereichen Automatisierung sowie intelligente und digitale Fertigung weltweit zu den führenden. „Automatisierung“ und „Effizienzsteigerung“ sind zentrale Themen in Greater China. Dort wird aktiv die Kooperation mit deutschen Firmen gesucht, die entsprechende innovative Investitionsgüter anbieten. Für Schlagzeilen sorgen vor allem Beteiligungen und Unternehmenskäufe durch chinesische Investoren. Gute Geschäfte werden aber auch im Export beziehungsweise Vertrieb in Greater China gemacht.

Gilt dies auch für kleine und mittlere Unternehmen?

Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Sie sind meist flexibler als Großkonzerne. Und in vielen Fällen sind sie die „Hidden Champions“ ihrer Branche. Gefragt sind insbesondere Fabrikausrüstung, Unternehmenssoftware und Systemintegration.

Bei allen Chancen gibt es auch eine Reihe von Herausforderungen. Wie können, wie müssen diese aus Ihrer Sicht gemeistert werden?

Zu den Herausforderungen gehören vor allem die Themen Personalkosten und der Fachkräftebedarf. Größere Investoren versuchen den Bedarf durch eigene Initiativen zu lösen. Besonders aktiv ist die Deutsche Auslandshandelskammer in Shanghai, die an vielen Standorten mit Behörden und Schulen aus der beruflichen Bildung zusammenarbeitet. Das Interesse der Chinesen an der dualen Ausbildung in Deutschland ist übrigens enorm. Ein Großteil der chinesischen Delegationen, die Deutschland besuchen, haben das Thema „duale Ausbildung“ oder „Industrie 4.0“ auf ihrer Tagesordnung. Häufig beklagt werden auch die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, Internetrestriktionen, fehlende Rechtssicherheit und mangelnder Schutz geistigen Eigentums. Diese Themen müssen immer wieder angesprochen werden. Ausländische Investoren beklagen in China zudem seit Langem, dass sie nicht denselben Marktzugang haben wie ihre chinesischen Konkurrenten hier bei uns. Das gilt zum Beispiel für die Automobilhersteller, die nach wie vor Joint Venture eingehen müssen, ebenso für den Dienstleistungssektor oder öffentliche Ausschreibungen. Deutsche und europäische Politik, Kammern und Verbände sollten sich weiter für den Abbau von Investitionshindernissen und faire Bedingungen einsetzen. Wir wünschen uns rasche Fortschritte bei den Verhandlungen zu einem Investitionsschutzabkommen zwischen der EU und China.

Nordrhein-Westfalen bilanzierte im vergangenen Jahr Rekordübernahmen durch chinesische Investoren, was nur beispielhaft für das wachsende chinesische Engagement in Deutschland und Europa ist. Müssen wir uns vor einem Ausverkauf an China fürchten, wie oft zu hören ist?

Die deutsche Wirtschaft hat in China ein Vielfaches mehr investiert als umgekehrt die Chinesen bei uns. Allerdings sind die chinesischen Investitionen bei uns in letzter Zeit drastisch angestiegen. Allein im vergangenen Jahr belief sich das chinesische Investitionsvolumen auf zwölf Milliarden Euro, mehr als in den zehn vergangenen Jahren zusammen. Ausländische Investoren sind willkommen in Deutschland. Das gilt selbstverständlich auch für alle marktwirtschaftlichen Investitionen aus China.

Welche Auswirkungen haben die chinesischen Investitionen auf die deutsche Wirtschaft?

Die Erfahrungen mit chinesischen Investitionen in Deutschland sind bislang positiv. Ein „technologisches Aussaugen“ hat nicht stattgefunden. Die deutschen Töchter profitieren von der Finanzkraft der chinesischen Muttergesellschaften und erhalten in vielen Fällen besseren Zugang zum chinesischen Markt. Einige deutsche Unternehmen hätten es ohne einen Investor aus China schwer gehabt.

Können Sie das auch für Ihren Kammerbezirk sagen: Wie profitiert Kölns Wirtschaft von den chinesischen Investitionen in der Stadt?

Wir haben inzwischen über 1.000 Unternehmen aus China in NRW, rund 200 davon in Köln. Die Region Köln als drittgrößte Industrieregion in Deutschland hat sicher noch viel Potenzial. Mit 17 Millionen Menschen, die in einem Radius von 100 Kilometern um den Kölner Dom herum leben, bietet Köln ein Marktpotenzial wie kaum eine andere Stadt Kontinentaleuropas. Interessant ist Köln auch mit Blick auf das Logistikangebot und die Branchenvielfalt.

 

Dieses Interview ist anlässlich des diesjährigen Greater China Days, der am 21. Juni in Köln stattfindet, in ChinaContact 06/2017 erschienen.

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