Wasser marsch?

Der Markt für Wasserwirtschaft bietet riesiges Potenzial, vor allem für innovative Mittelständler. Der Bedarf an neuer Infrastruktur ist enorm. Doch derzeit hapert es am Geld, deutsche Unternehmen bleiben verhalten.

Von Patrick Bessler

Ob in den wachsenden Metropolen oder auf dem Land – der Bedarf bei der Wasserversorgung ist enorm.

Die Türkei hat massiven Nachholbedarf im Bereich der Wasserwirtschaft: Die Wasserverlustrate ist im Vergleich zu europäischen Staaten durch die Bank hoch. Anhaltender Wohnungs- und Infrastrukturausbau fordern neue Versorgungseinheiten und -netzwerke. Die Bevölkerung wächst, die Urbanisierung schreitet voran. Das türkische Statistikamt geht von einem Bevölkerungswachstum von gegenwärtig rund 73 Millionen Menschen auf 85 Millionen bis 2023 aus. Über 70 Prozent davon leben in Städten. 68 Prozent der städtischen Bevölkerung sind an das Netz angeschlossen. Bis 2018 sollen es 95 Prozent sein. Wasser muss aus großen Entfernungen in die Städte transportiert werden – in Istanbul aus bis zu 170 Kilometern Entfernung. Dort ist der Wasserverbrauch zwischen 2006 und 2014 Zahlen des türkischen Statistikamts zufolge um fast 30 Prozent gestiegen. Laut Germany Trade and Invest hat sich der Preis für Wasser im Land in den letzten fünf Jahren um etwa 50 Prozent erhöht.

Der Weg über die Industrie ist auf jeden Fall ein dankbarer.

Durch eine Reform der kommunalen Verwaltung wurden auch kleine Kommunen in den Verwaltungsbereich größerer Städte eingegliedert, wodurch das Thema „Wasser“ dort auf die Agenda gerückt ist. Kleinere unabhängige Versorger wurden konsolidiert. „Dies führt dazu, dass Defizite in den Versorgungsnetzen aufgedeckt und die Standards erhöht werden“, heißt es in einer aktuellen Zielmarktanalyse im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi). Einem Plan des türkischen Umwelt- und Stadtministeriums zufolge sollen in Zukunft alle Provinzen über ein zentrales Wassermanagement verfügen.
Die Industrie ist trotz der derzeitigen Flaute in den vergangenen Jahren schneller gewachsen als der Infrastrukturausbau mitkommen konnte. Die zu bewässernde landwirtschaftlich nutzbare Fläche beläuft sich auf rund 28 Millionen Hektar. Nur knapp 5,6 Millionen werden aber tatsächlich bewässert, so Zahlen der staatlichen Wasserverwaltung DSI. Allein in der Wasserentsorgung und -aufbereitung gab es in der Türkei 2004 noch 172 Kläranlagen. Ende 2014 waren es 597. Bis 2013 sollen weitere 1.500 Anlagen hinzukommen. Um das zu erreichen, bedarf es dem BMWi-Bericht zufolge „ausgesprochen hoher Investitionen in die Abwasserwirtschaft“. Ankara will dazu laut aktuellen Strategiepapieren rund 11 Milliarden Euro bereitstellen. Das BMWi-Papier spricht von der Türkei von einem „der weltweit größten Märkte der Wasserwirtschaft“.

„Wahnsinnig viel getan“
„In der Türkei hat sich in den letzten zehn Jahren in der Wasserwirtschaft wahnsinnig viel getan“, ist auch Christine von Lonski überzeugt. Die Geschäftsführerin des auslandsorientierten Fachverbandes der deutschen Wasserwirtschaft, German Water Partnership, begleitet das Türkei-Geschäft deutscher Unternehmen seit neun Jahren. „Der Markt ist absolut interessant“, meint die Verbandsfrau. Großen Bedarf gebe es eigentlich auf allen Ebenen. Zwar brauche man in der Türkei „für das normale Tagesgeschäft definitiv keine andere Nation. Sie haben gute Ingenieure und gutes Fachpersonal in ihren Anlagen.“ Chancen böten sich aber reichlich vor allem spezialisierten Mittelständlern mit innovativer Technik. Neben dem Ausbau der Trink- und Abwasserversorgung seien vor allem Automatisierung, der Einsatz erneuerbarer Energien „sowie die Nutzung des geklärten Abwassers für die Bewässerung vordergründige Themen“, heißt es in dem Bericht. „Feinheiten, innovative Vorgänge, wie man zum Beispiel eine Anlage energieautark macht und sogar so viel Energie erzeugt, dass man damit Geld verdienen kann, sind ein ganz großes Thema auch in der Türkei“, erklärt von Lonski.

„Turkey first“ hemmt Interesse
Im Rahmen einer Markterschließungsreise fuhr im Februar eine Gruppe deutscher Mittelständler nach Istanbul und Umgebung. Dort trafen sich Unternehmer beider Länder sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung, um das deutsche Angebot und die türkische Nachfrage zu sondieren. Der Besuch sei sowohl positiv als auch ernüchternd gewesen, berichtet GWP-Geschäftsführerin von Lonski. Ein Vertreter der Istanbuler Wasser- und Kanalisationsverwaltung hatte wiederholt betont: Bei öffentlichen Aufträgen kommen türkische Unternehmen zuerst. Auf Rückfragen aus dem Publikum seitens teils irritierter Deutscher seien diese Aussagen jedoch wieder relativiert worden, räumt von Lonski ein. Natürlich arbeite man gerne mit Deutschen zusammen, besonders in der Wasserwirtschaft. Doch die Verbandschefin ist realistisch: Die Philosophie lautet derzeit eben Turkey first. Tatsächlich ist das Interesse an einer Markterschließung für Unternehmen, die bislang noch nicht mit der Türkei zu tun hatten, derzeit gering – trotz des großen Potenzials. Das liegt bei einigen Unternehmen an der konkreten Sicherheitslage. Nach Putsch und zahlreichen Anschlägen in der Vergangenheit sorgen sich Unternehmen um ihre Mitarbeiter und schließen Reisen in oder über die Türkei aus. Es gebe aber genauso diejenigen, die sagen „jetzt erst recht und jeden Monat in der Türkei sind“, so von Lonski. „Man hat die gesamte Bandbreite.“
Der größere Hemmschuh für deutsche Firmen ist aber die politische und wirtschaftliche Unsicherheit im Land. Zwar sei die Wasserwirtschaft noch nicht direkt betroffen, noch habe beispielsweise kein Leiter einer Wasserbehörde gehen müssen. „Aber die Unsicherheit ist da: Wie lange wird das dauern, bis die Regierung ganz stark mit eingreift?“
Die politische und wirtschaftliche Situation beeinflusst auch die Finanzierung von Projekten durch öffentliche Stellen in der Türkei: „Zurzeit ist da eine Bremse drin, vornehmlich dadurch, dass in den Verwaltungsbehörden die Leute fehlen, weil so viele gehen mussten“, berichtet von Lonski. Die „Säuberungen“ im öffentlichen Sektor durch die Regierung Erdogan sind auch hier seit gut einem Jahr zu spüren. Wenn Kommunen Projekte ausschrieben, dann aber die Leute für die Auswertung und Bearbeitung fehlten, sei das ein großes Problem, so von Lonski. Entsprechend ausgebildete Nachfolger fehlten oft.

Früh einen Fuß in der Tür haben
Dennoch, wer die Türkei perspektivisch als Markt sieht und einen Fuß in der Tür haben will, sollte sich auch heute schon an Ausschreibungen beteiligen, rät von Lonski – „wohl wissend, dass das vielleicht Projekte sind, die erst in drei, vier Jahren laufen werden“.
Im privaten Sektor dürften die Geschäftschancen gegenwärtig deutlich besser aussehen. „Der Weg über die Industrie ist auf jeden Fall ein dankbarer. In der Regel verdient man auch mehr dabei“, erklärt von Lonski. Zudem bieten private Projekte Gelegenheiten, sich über Referenzen im Land einen Namen zu machen.
Nach ihrer Markterschließungsreise vom Februar resümiert von Lonski: „Zurzeit sind etliche in der Türkei mit Aufträgen unterwegs. Von daher: Es ist was möglich.“ Auch sie selbst sieht keinen Anlass, sich in ihrer Arbeit in der Türkei von den politischen Rahmenbedingungen beeinflussen zu lassen: „Wir haben da ein Standing, German Water Partnership ist bekannt in der türkischen Wasserwirtschaft, in jeder Kommune. Wir haben seit acht Jahren ein sehr gutes Netz in der Türkei und werden den Weg für unsere Mitglieder auch weiter gehen.“

 

Foto: Nightstallion03 via en.wikipedia.org

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