Standort: Brest

Brest, Belarus, iStock © Mordolff

Mithilfe von Sonderwirtschaftszonen wie in Brest will die Regierung internationale Investoren an sich binden will. Doch gibt es ein unerwartetes Problem.

Von Sebastian Becker

„Die Sonderwirtschaftszone in Brest ist für uns deswegen interessant, weil die Investoren dort bestimmte Sondervergünstigungen erhalten“, nennt Anna Brenner einen der klassischen Gründe, warum sich Unternehmen für solche Gebiete entscheiden. „Beispielsweise mussten wir nur 10 Prozent Mehrwertsteuer anstatt 20 Prozent zahlen“, führt die stellvertretende Direktorin von Salamander im Gespräch mit OstContact weiter aus. Der deutsche Hersteller von Tür- und Fenstersystemen betreibt dort seit knapp zehn Jahren ein Werk und kann somit schon auf eine reichliche Erfahrung an diesem osteuropäischen Markt hinweisen. „Wir konnten dort einen fertigen Betrieb ohne größeren bürokratischen Aufwand übernehmen“, sagt die Managerin. „In Russland, wo wir gleichzeitig einen anderen Standort geprüft haben, war das hingegen nicht der Fall“, weist Brenner auf einen anderen Grund für diese Standortwahl hin, der weniger mit möglichen Vorteilen zu tun hat, die solche Zonen Investoren grundsätzlich bieten.

Zonen binden Kapital in Milliarden-Euro-Höhe
Salamander ist einer von 75 Investoren aus insgesamt 18 Ländern, die sich hier ganz im Westen des Landes in der Brester Sonderwirtschaftszone (SWZ Brest) niedergelassen haben. Sie ist eines von sechs Gebieten, mit deren Hilfen die belarussische Regierung versucht, internationales Kapital an sich zu binden und die Wirtschaft zu fördern. Diese Zonen haben in den vergangenen Jahren Investitionen in Milliarden-Euro-Höhe gebunden. Die SWZ Brest ist insbesondere deswegen interessant, weil sich hier ungewöhnlich viel deutsches Kapital angesammelt hat. So steuern die Unternehmen mit deutschem Anteil fast ein Drittel zum Gesamtkapital der Zone bei. Dazu gehört ebenso der deutsch-belarussische Hersteller von Fischprodukten Santa Bremor, der sich 1998 in Brest hat registrieren lassen. Damit zählt das Gemeinschaftsunternehmen sogar zu den alteingesessen Investoren in dieser Zone. Doch nicht nur die Deutschen, sondern auch die Russen sind in Brest sehr aktiv. Sie stellen 18 Prozent des Gesamtkapitals und liegen damit auf dem zweiten Platz. Danach folgen die Polen mit 16 Prozent. Anders sieht die Statistik hingegen aus, wenn es nach der Zahl der Investitionen geht. Hier haben die Belarussen die Nase vorn, gefolgt von den russischen und den polnischen Unternehmen.
Dabei haben die Investoren eine durchaus ansehnliche Zahl an Arbeitsplätzen geschaffen: Insgesamt kommen hier 21.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Firmen unter, die aus unterschiedlichen Industriebranchen stammen. Dazu zählen der Chemie- und Pharmasektor, Hersteller von Kunststoff- und Metallerzeugnissen sowie Produzenten aus der Nahrungsmittelindustrie wie Santa Bremor.

Deutsche steuern ein Drittel des Kapitals zur Brester Zone bei.

Brest gilt aufgrund seiner Lage im Westen des Landes als europäisches Tor zum Osten. Durch ihren Standort an der Grenze zu Polen hat die Region eine Reihe von Vorteilen. Der Transkontinentale Transportkorridor Nr. 2 (Autobahn E30 Paris-Berlin-Warschau-Brest-Minsk-Moskau), der die Länder der Europäischen Union mit Russland verbindet, verläuft direkt durch das Territorium der SWZ Brest. Die Entfernung bis Warschau beträgt 200 Kilometer, bis Berlin 800 Kilometer sowie bis Minsk und Moskau 350 beziehungsweise 1.000 Kilometer. „Durch die direkte Nähe wichtiger Zuliefer-, Absatz- und Finanzmärkte in der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) bietet die SWZ Brest ein optimales Wirtschaftsumfeld“, sagt Nataly Hurda, die Sprecherin der Zone, im Gespräch mit OstContact. „Um die Produkte sicher und erfolgreich herstellen zu können, benötigen die Unternehmen eine leistungsstarke Infrastruktur, die ihnen die Zone zur Verfügung stellt“, fügte Hurda hinzu. „Dazu zählen die Energieversorgungs-, Umweltschutz- und Sicherheitseinrichtungen bis hin zu Logistikdienstleistungen“, so die Sprecherin.
So ist auch das Unternehmen Salamander, das sich hier engagiert, grundsätzlich ganz zufrieden. Das Unternehmen kontrolliert zwischen 18 bis 20 Prozent des belarussischen Marktes. Damit liefert das Geschäft in diesem osteuropäischen Land einen kleinen, aber spürbaren Teil zu den Gesamtumsätzen des deutschen Herstellers, die pro Jahr bei 200 Millionen Euro liegen. „Wir generieren pro Jahr etwa 8 Millionen Euro Umsatz“, erklärt die stellvertretende Direktorin von Salamander, Anna Brenner.

Drastische Rückgänge am Wohnungsmarkt
Gleichzeitig weist sie aber auch auf drastische Rückgänge am belarussischen Markt hin: „2011 und 2012 wurden pro Jahr etwa 10 Millionen Quadratmeter Wohnfläche gebaut, während es im vergangenen Jahr 2016 nur noch 5,7 Millionen Quadratmeter waren“, sagt die Managerin. „Die Geschäfte laufen trotzdem noch“, betont die Fachfrau. Mit diesen Problemen steht das Unternehmen nicht allein da. Denn die gesamte belarussische Wirtschaft steht derzeit unter Druck. So ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 2,6 Prozent zurückgegangen. Und auch die Sonderwirtschaftszonen sind nicht in der Lage, diesem Trend entscheidend entgegenzuwirken.
In Zahlen liest sich ihre wirtschaftliche Leistung folgendermaßen: Bis zum 1. September 2016 haben sich 419 Unternehmen in den sechs Sonderwirtschaftszonen angesiedelt, berichteten belarussische Medien. Bei ihnen finden etwa 124.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Arbeit – das sind etwa 4,5 Prozent aller Beschäftigten in Belarus.
Diese Firmen generieren 16 Prozent des jährlichen Exports und steuern 15 Prozent zu den ausländischen Nettodirektinvestitionen (FDI) bei. Darüber hinaus erzeugen die Investoren 13 Prozent der einheimischen Industrieproduktion, die etwa ein Viertel am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von mehr als 50 Milliarden Euro ausmachen.

Steuererleichterungen fallen auf Druck der EAWU weg
Da die Wirtschaft stark von der Industrie und dem Außenhandel abhängt, ist dieser Beitrag der Zonen zur Gesamtentwicklung schon ganz ordentlich. Doch wenn man bedenkt, dass ihr wirtschaftlicher Erfolg überwiegend auf staatlichen Subventionen beruht, sind die Volumina, die sie erwirtschaften, nicht sonderlich hoch. Ein weiterer kritischer Punkt ist, dass die Steuererleichterungen, die sie für die Investoren anbieten, jetzt unter einem ungünstigen Stern stehen.
„Zu Jahresanfang sind einige Erleichterungen weggefallen“, erklärt Brenner. „Denn Belarus ist Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion EAWU, die alle Mitgliedsländer verpflichtet hat, in diesem gemeinsamen Wirtschaftsraum dieselben Bedingungen zu schaffen“, sagt sie. „Und da es diese Steuererleichterungen für die Investoren in den anderen Ländern nicht gibt, musste auch Belarus sie abschaffen“, führt Brenner weiter aus.
Insgesamt schaut sie gemäßigt optimistisch nach vorne. „Wir gehen davon aus, dass es keine größeren Bewegungen am belarussischen Markt gibt, doch dürften die Unternehmen zwischen 5 und 6 Millionen Quadratmeter Wohnfläche bauen“, glaubt sie.
Diese Stagnation in Belarus ist wohl auch der Grund dafür, warum Salamander weitere Absatzmärkte sucht. „Derzeit arbeiten wir an einem großen Projekt“, erklärt Brenner. Der Mutterkonzern hat ihren Aussagen zufolge die belarussischen Kollegen beauftragt, neue Produkte nach Indien und Brasilien zu liefern. „Salamander hofft auf diesen Märkten auf einen zusätzlichen Erlös von 10 Millionen Euro“, so Brenner.